Corona-Impfstoff könnte bereits im September zur Verfügung stehen: Beginnen dann die Verteilungskämpfe?

 

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12.05.2020 15:18  Aktualisiert: 12.05.2020 15:18
Die Universität Oxford könnte bereits im September einen wirksamen Impfstoff gegen Corona präsentieren. Doch wird er dann auch weltweit zur Verfügung gestellt?
Corona-Impfstoff könnte bereits im September zur Verfügung stehen: Beginnen dann die Verteilungskämpfe?
Eine elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt das Coronavirus (orange), das aus der Oberfläche von im Labor kultivierten Zellen (grau) austritt. (Foto: dpa)
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Ein wirksamer Impfstoff gegen das Corona-Virus könnte bereits im September vorliegen. Das meldet die britische Tageszeitung „The Telegraph“. Die dementsprechenden Forschungen werden von der Universität Oxford durchgeführt.

Wie der „Guardian“ berichtet, werden seit dem 23. April in fünf verschiedenen Test-Zentren in Süd-England an rund 1.100 Freiwilligen im Alter zwischen 18 und 55 vorläufige Untersuchungen im Hinblick auf die Wirksamkeit des Medikaments durchgeführt. Mitte des Jahres, vielleicht sogar schon im Mai, könnte mit großangelegten Tests begonnen werden, an denen auch Angehörige anderer Altersgruppen (vor allem aus solchen, die über 55 sind, weil Senioren von der Pandemie weit überdurchschnittlich betroffen sind) teilnehmen würden. Sollten diese Tests erfolgreich verlaufen, soll mit der Produktion des Impfstoffs begonnen werden (und zwar aus Kapazitätsgründen nicht nur in Großbritannien, sondern auch in anderen europäischen Staaten, Indien und China), sodass im September rund eine Million Dosis zur Verfügung stehen könnten.

Inwiefern der neue Impfstoff wirksam ist, wird sich wahrscheinlich erst dann zeigen. Die Tests mit den Versuchspersonen stellen zunächst nur sicher, dass er keine Nebenwirkungen hat. Das heißt, die Herstellung der rund eine Million Dosis würde „at risk“ geschehen, wie Professor John Bell vom „Radcliffe Medizinischen Institut“ der Universität Oxford erläutert. Die an der Entwicklung des Impfstoffs beteiligten Wissenschaftler der britischen Universität, die in unterschiedlichen internationalen Hochschul-Rankings häufig den ersten Platz belegt, seien jedoch zuversichtlich, dass er wirksam ist, sagt Professor Sarah Gilbert vom „Jenner Institut“ der Universität Oxford, an dem ein Großteil der Forschungsarbeiten geleistet wird. Zwar gebe es „immer eine Unbekannte“, doch sei die Chance der Wirksamkeit „sehr hoch“. Gilbert erläuterte auch, wie es kam, dass die Forscher so rasch auf den Impfstoff stießen, von dem es bisher immer geheißen hatte, er würde allerhöchstens Ende des Jahres, vielleicht auch erst in der zweiten Jahreshälfte 2021 entwickelt werden: „Letztes Jahr hat mein Team bereits an Impfstoffen gegen das Lassa-Fieber, gegen Mers-CoV und gegen Krankheit X gearbeitet.“ ´Krankheit X´ ist ein Platzhaltername für jeden neuen Krankheitserreger, der eine Pandemie oder Epidemie auslösen kann.

Sollte sich der Impfstoff als wirksam erweisen, ist die Frage, wie rasch er in genügender Menge produziert werden kann, um weltweit zur Anwendung zu gelangen. Dass die eine Million Dosis ausschließlich an Briten gehen, wie es der britische Gesundheitsminister Matt Hancock gefordert hatte mit dem Argument, seine Landsleute hätten die Entwicklung schließlich mit ihren Steuergeldern finanziert, ist laut seinem Kabinettskollegen Dominic Raab nicht der Fall. Der Außenminister wies darauf hin, dass es ein Abkommen mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gebe, das rund 20 Staaten – einschließlich Großbritannien sowie die Bundesrepublik – unterzeichnet haben, und das besage, dass die einzelnen Staaten Forschungsergebnisse und Impfstoffe miteinander teilen.

Aber: Tatsache ist, dass die Universität Oxford einen Vertrag mit dem britisch-schwedischen Pharma-Konzern „AstraZeneca“ geschlossen hat. Das Unternehmen mit Sitz in London sowie Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Södertälje bei Stockholm schreibt auf seiner Webseite, dass „die Zusammenarbeit die weltweite Entwicklung, die Produktion und den Vertrieb des Impfstoffes ermöglichen“ werde. Und weiter: „Im Rahmen der Vereinbarung wäre AstraZeneca („wäre“, weil ja noch nicht klar ist, ob die Oxforder es schaffen, einen wirksamen Impfstoff zu entwickeln – Anm. d. Red.) verantwortlich für die Entwicklung sowie die weltweite Produktion und den Vertrieb des Impfstoffes.“

Die Webseite zitiert Prof. John Bell: „Unsere Partnerschaft mit AstraZeneca wird noch viele Jahre lang ein wichtiger Faktor im Kampf gegen Pandemien sein. Wir glauben, dass wir gemeinsam in einer starken Position sind, um mit der Immunisierung gegen das Corona-Virus zu beginnen, sobald wir einen wirksamen zugelassenen Impfstoff haben. Traurigerweise wird das Risiko, dass neue Pandemien auftreten, uns immer begleiten.“

Auch die Vize-Präsidentin der Universität Oxford, Prof. Louise Richardson, wird auf der Seite zitiert: „Unsere Partnerschaft mit AstraZeneca wird sicherstellen, dass die Briten und die Menschen auf der ganzen Welt, vor allem die in Ländern mit geringen und mittleren Einkommensniveaus, so rasch wie möglich vor diesem schrecklichen Virus geschützt werden.“

Doch inwiefern Menschen auf der ganzen Welt von dem neuen Impfstoff profitieren könn(t)en, ist unklar. AstraZeneca ist keine öffentliche Einrichtung, sondern ein gewinnorientiertes Unternehmen. Details der Übereinkunft zwischen dem Unternehmen und der Universität – die für ihre Corona-Forschung vom britischen Gesundheitsministerium mit 45 Millionen Pfund (circa 51 Millionen Euro) bezuschusst wurde – wurden bislang nicht veröffentlicht. Fest steht zu diesem Zeitpunkt nur, dass für AstraZeneca die Zusammenarbeit bereits jetzt schon Früchte getragen hat: Die Aktie kletterte nach Bekanntgabe des Deals auf die Rekordmarke von 94,87 Euro und liegt mittlerweile bei 100,38 Euro; der Pharma-Riese (über 64.000 Beschäftigte, knapp 25 Milliarden Euro Jahres-Umsatz) löste Shell mit einer Marktkapitalisierung von rund 130 Milliarden Euro als wertvollstes Unternehmen im FTSE 100 (dem wichtigsten britischen Aktienindex) ab.

AstraZeneca ist alles andere als ein skandalfreies Unternehmen. So zahlte es 2010 im Rahmen eines Vergleichs mit den britischen Steuerbehörden eine Summe von fast 600 Millionen Euro; im gleichen Jahr zahlte es 520 Millionen Dollar – ebenfalls im Rahmen eines Vergleichs, – weil es die staatlichen Gesundheitseinrichtungen Medicare und Medicaid in den USA betrogen hatte. In Schweden geriet die Nobelstiftung, die das Vermögen Alfred Nobels verwaltet und die jährliche Vergabe des Nobelpreises finanziert, im Jahr 2008 wegen ihrer Nähe zu AstraZeneca schwer in die Kritik. Nachdem das Pharma-Unternehmen Sponsor von „Nobel Media“ (das sich um die Medien-Angelegenheiten der Nobelstiftung kümmert) geworden war, gewann im selben Jahr der deutsche Mediziner Harald zu Hausen den Nobelpreis für die Entdeckung von Viren, gegen die AstraZeneca Impfstoffe entwickelt hatte.

Die Art und Weise der Zusammenarbeit zwischen Einrichtungen, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind (in diesem Fall die Universität Oxford) und privatwirtschaftlichen Unternehmen wird von Experten gerade im Bereich der Medizin und der Gesundheitsfürsorge schon lange kritisch gesehen. Gefordert wird unter anderem, dass die Unternehmen dazu verpflichtet werden müssten, die aus solchen Kollaborationen hervorgegangenen Medikamente global zu einem annehmbaren Preis zur Verfügung zu stellen. 



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