Wegen Corona werden weltweit die Fahrräder knapp

 

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21.06.2020 12:18
Der Kampf gegen Corona hat zum größten Fahrrad-Boom seit der Ölkrise in den 70er Jahren geführt. Wegen der starken Nachfrage sind die Räder vielerorts ausverkauft.
Wegen Corona werden weltweit die Fahrräder knapp
Fahrräder vor dem Bahnhof der Universitätsstadt Göttingen. (Foto: dpa)
Foto: Swen Pf

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Die Welt verzeichnet einen Fahrrad-Boom. In den USA etwa hat man in den vergangenen zwei Monaten den größten Anstieg der Fahrrad-Verkäufe seit der Ölkrise in den 1970er Jahren verzeichnet. "Die Menschen sind, offen gesagt, in Panik geraten und kaufen Fahrräder wie Toilettenpapier", zitiert AP Jay Townley, der bei Human Powered Solutions die Trends in der Fahrradindustrie analysiert.

Der Trend zum Fahrrad zeigt sich rund um den Globus. Städte wie Manila und Rom, die für ihre mit Autos verstopften Straßen bekannt sind, haben wegen des steigenden Interesses am Radfahren bereits Fahrradspuren eingerichtet, während die öffentlichen Verkehrsmittel weiterhin eingeschränkt sind. London will noch weiter gehen und Autos auf einigen zentralen Durchgangsstraßen ganz verbieten.

Besitzer von Fahrradgeschäften in der philippinischen Hauptstadt Manila sagen, die Nachfrage sei stärker als zu Weihnachten. In Italien hat die Regierung im letzten Monat im Rahmen ihres Konjunkturprogramms einen 500-Euro-Bonus eingeführt, der den Kunden beim Kauf eines neuen Fahrrads einen Rabatt von bis zu 60 Prozent ermöglicht.

Wegen der starken Nachfrage nach Fahrrädern ist es nun mitunter schwer, überhaupt noch eins zu bekommen. Die Engpässe, deren Behebung Monate dauern könnte, zeigen sich vor allem in den USA, die 90 Prozent ihrer Fahrräder aus China importieren, sagt Townley. Denn die dortige Produktion war wegen Corona weitgehend stillgelegt worden und wird nun gerade erst wieder aufgenommen.

Der Ansturm auf die Fahrräder hat bereits Mitte März begonnen. Im April verdreifachte sich in den USA der Verkauf von Erwachsenen-Freizeiträdern, während sich der Gesamtabsatz von Fahrrädern in den USA, einschließlich Kinderrädern und Elekrto-Fahrrädern, gegenüber dem Vorjahr verdoppelte, so das Marktforschungsunternehmen NPD Group.

Diese massiven Umsatzgewinne sind weit mehr, als für die USA erwartet worden war. Die 6-Milliarden-Dollar-Branche hatte eigentlich niedrigere Verkäufe prognostiziert. Denn bereits im Jahr 2019 hatte sie einen rückläufigen Absatz verzeichnet und die US-Regierung hatte ihre Strafzölle auf chinesische Fahrräder auf 25 Prozent angehoben.

Die Gründe für den Pandemie-Fahrradboom

Zum einen sind im Kampf gegen Corona fast überall auf der Welt die Sporthallen, Schwimmbäder und Fitness-Studios geschlossen worden. Daher haben die Menschen nach anderen Möglichkeiten gesucht, sich unter den neuen Umständen sportlich betätigen zu können - und das Fahrradfahren für sich entdeckt. Zudem meiden viele Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel wie Busse und U-Bahnen. Sie tun dies entweder aus Furcht vor dem Virus oder weil sie keine unangenehme Gesichtsmaske tragen wollen. Und Familien suchen nach einer Möglichkeit, dass ihre Kinder trotz Corona weiter Sport machen können, ohne diese dabei zu gefährden und ohne gegen die geltenden Corona-Regeln zu verstoßen.

Auch in Deutschland beschert Corona den Fahrradhändlern einen ungeahnten Boom. Zwar hatten gestörte Lieferketten und zwangsweise geschlossene Läden zunächst einen schweren Saisonstart mit Umsatzeinbußen von 30 bis 60 Prozent ausgelöst. Doch laut dem Verband des Deutschen Zweiradhandels ist nun überall eine Aufholjagd zu beobachten.

«Wir sehen derzeit einen enormen Run auf die Fahrradläden. Ohne von einem Gewinner der Krise reden zu wollen, muss man festhalten, dass das Fahrrad gerade einen besonderen Moment erlebt», sagte bereits Ende Mai David Eisenberger, Leiter Marketing und Kommunikation beim Zweirad-Industrie-Verband, der etwa 100 Unternehmen der Fahrradindustrie vertritt. Neben denen, die ohnehin eine Neuanschaffung geplant hätten, gebe es auch viele Kunden, die das Rad für sich wieder entdeckten. Das zeige nicht zuletzt die gestiegene Nachfrage im Einsteigersegment ab 300 Euro.

Hierzulande ist die Branche schon länger im Aufwind. Im vergangenen Jahr erzielte sie mit Fahrrädern und vor allem dem immer beliebteren E-Bikes gut 4,2 Milliarden Euro Umsatz - 34 Prozent mehr als im Vorjahr. Zudem tendierten die Verbraucher zu hochwertigeren Rädern, so Eisenberger. Der Durchschnittspreis lag 2019 über alle Vertriebskanäle bei 982 Euro und damit rund ein Drittel höher als 2018. Bundesweit arbeiten rund 280.000 Menschen in der Fahrradwirtschaft.

Inwiefern die Hersteller den teilweisen Stillstand der Produktion über einen Zeitraum von bis zu acht Wochen ausgleichen könnten, sei nicht absehbar. Trotz der schmerzhaften Einbußen zum Saisonstart sei man inzwischen optimistisch, mit einem «blauen Auge» davonzukommen. Ein Risiko bleibe jedoch eine zweite Infektionswelle und damit ein neuerlicher Shutdown für Produktion und Handel.

Beim Traditionshersteller Diamant im sächsischen Hartmannsdorf läuft die Fertigung unter Einhaltung von Mindestabständen und zahlreichen weiteren Hygienemaßnahmen. Man habe die Produktion in dem Werk mit 500 Mitarbeitern nicht komplett aussetzen müssen, wohl aber Kurzarbeit angemeldet. «Wir haben den Output reduziert und waren natürlich auch über gestörte Zulieferketten aus Asien betroffen», sagt Manager Thomas Eichentopf. Er sieht den Trend zum Zweirad durch Corona verstärkt: «Wir erleben gerade einen Mini-Fahrradboom.» Das Unternehmen, das seit 135 Jahren am Markt ist, habe noch nie so viele Suchanfragen auf der Webseite gezählt wie im April.

Auch der E-Bike-Nachrüster Pendix aus dem sächsischen Zwickau berichtet von einer sehr hohen Nachfrage. «Das Rad ist ein Riesengewinner dieser Zeit», meint Geschäftsführer Thomas Herzog. Gemeinsam mit vier Freunden entwickelte der Automobilingenieur einen nachrüstbaren Elektroantrieb für Fahrräder. Nach eigenen Angaben ist Pendix heute Marktführer in dem Segment, laut ZIV der bekannteste Nachrüster.

Angesichts der Vorschriften im öffentlichen Nahverkehr - Stichwort Maskenpflicht - habe insbesondere das Fahrrad mit elektrischem Rückenwind viele Vorteile. Selbst der Autofahrerclub ADAC geht davon aus, dass das Fahrrad neben dem Auto an Bedeutung für den Individualverkehr gewinnen wird.

Lieferengpässe bei E-Bikes

Auch in anderen Ländern zeigt sich der Boom bei Elektrofahrrädern. Der niederländische Hersteller VanMoof verzeichnet seit Beginn der Pandemie eine "unbegrenzte Nachfrage" nach den sogenannten E-Bikes. Dies hat zu einem 10-wöchigen Auftragsbestand für seine Elektro-Pendlerfahrräder geführt, verglichen mit einer typischen Lieferzeit von einem Tag, zitiert AP Mitbegründer Taco Carlier.

Die Verkäufe des Unternehmens stiegen in den Monaten Februar, März und April im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 138 Prozent in den USA und um 184 Prozent in Großbritannien, mit großen Zuwächsen auch in anderen europäischen Ländern. Das Unternehmen erhöht die Produktion so schnell wie möglich. Doch es wird zwei bis drei Monate dauern, um die Nachfrage zu befriedigen, sagt Carlier. "Wir hatten im Januar und im Februar einige Probleme mit unserer Lieferkette, als die Krise zuerst in Asien zuschlug", sagte Carlier. Doch inzwischen sei nicht mehr das gestörte Angebot das Problem, sondern die ungewöhnlich starke Nachfrage.

Der Umsatz von Cowboy, einem belgischen E-Bike-Hersteller, hat sich im Januar bis April gegenüber dem Vorjahreszeitraum verdreifacht. Bemerkenswert ist, dass sie in Großbritannien und Frankreich etwa zur gleichen Zeit im Mai in die Höhe schnellten, als diese Länder begannen, die Sperrmaßnahmen wieder zu lockern, sagt Chief Marketing Officer Benoit Simeray.

"Für die meisten von uns, die in und um die Städte herum leben, wird es jetzt sehr offensichtlich, dass wir nicht mehr in öffentliche Verkehrsmittel zurückkehren wollen", zitiert ihn AP. Aber wenn die Leute Lebensmittel einkaufen oder ein oder zwei Tage in der Woche ins Büro fahren, "dann fangen sie an, Elektrofahrräder als die wirklich einzige Lösung zu sehen, die sie haben".


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