Wirtschaft

Norwegen treibt im großen Stil die Öl-Förderung in der Arktis voran

Die norwegische Regierung hat massive Ölbohrpläne nördlich der Barentssee vorgelegt. Damit trotzt sie dem Pariser Klimaabkommen und begibt sich teils in Konflikt mit Russland.
28.06.2020 12:00
Lesezeit: 2 min
Norwegen treibt im großen Stil die Öl-Förderung in der Arktis voran
Eine Ölplattform in der Nordsee, die zum Johan Sverdrup Ölfeld vor Norwegen gehört. (Foto: dpa) Foto: Carina Johansen

Eigentlich hat sich Norwegen zur Bekämpfung der globalen Erwärmung bekannt. Doch nun plant das Land eine erhebliche Ausweitung der Ölförderung in der Arktis. Die norwegische Regierung wird bis zu 136 neue Ölexplorationsblöcke in einer großen Lizenzrunde versteigern, davon 125 in der arktischen Barentssee, die vom Menschen noch relativ unberührt ist.

Die Erdöl- und Energieministerin Tina Bru sagte am Mittwoch, diese Ausweitung der Ölförderung sei notwendig, um Arbeitsplätze zu schützen und Wohlstand zu schaffen. "Wir brauchen neue Entdeckungen, um Beschäftigung und Wertschöpfung zu erhalten", heißt es in einer Erklärung der Ministerin.

Anfang des Monats bewilligte das norwegische Parlament bereits große Summen, um ein Hilfspaket für die Ölindustrie des Landes zu finanzieren. Steuervergünstigungen sollen den Ölfirmen helfen, neue Projekte zu starten, auch in der Arktis. Norwegen ist der größte Ölproduzent in Westeuropa. Mit seinem Ölreichtum hat das Land den größten Staatsfonds der Welt mit einem Wert von über 1 Billion Dollar aufgebaut.

Norwegen ist dem Pariser Abkommen zur Bekämpfung der globalen Erwärmung beigetreten und hat sich, obwohl es nicht Mitglied der Europäischen Union ist, verpflichtet, die Kohlendioxidemissionen im Einklang mit der EU zu reduzieren. Dies bezieht sich jedoch nicht auf Emissionen aus fossilen Brennstoffe, die auf seinem Territorium gewonnen werden, wenn sie anschließend von anderen genutzt werden.

"Dies zeigt deutlich, dass die Maßnahmen der norwegischen Regierung nicht auf dem basieren, was wissenschaftlich zur Bewältigung der Klimakrise erforderlich ist", sagte der norwegische Greenpeace-Chef Frode Pleym gegenüber Reuters. "Norwegen hat es versäumt, die Klimakrise ernst zu nehmen".

Die Lizenzierungsrunde - es ist bereits die 25. derartige Runde in Norwegen - war durch eine langwierige Debatte darüber verzögert worden, wie weit nördlich die Ölindustrie bohren darf. Die Debatte endete schließlich mit einem Kompromiss, der erheblichen Spielraum für mehr Lizenzen in der Arktis ließ.

In den letzten Jahren haben einige der größten internationalen Ölfirmen, wie Shell, ExxonMobil und Total, die Suche nach Öl vor Norwegen eingestellt, da die meisten Funde entweder trocken oder zu klein für sie waren. Die neue Runde könnte nun acht Regionen der Barentssee und eine Region der Norwegischen See öffnen.

"Dies ist eine besondere Einladung an die ganz Großen, wieder auf den norwegischen Kontinentalsockel zurückzukehren", sagte Per Magnus Nysveen, Leiter der Analyse bei der in Oslo ansässigen Beratungsfirma Rystad Energy. "Das Explorationspotenzial der Barentssee ist immer noch riesig, trotz eines negativen Trends bei den jüngsten Explorationsbohrungen".

Etwa die Hälfte der von der norwegischen Regierung vorgeschlagenen Blöcke befinden sich im nördlichen Teil der Barentssee zwischen 73 Grad nördlicher Breite und 74 Grad nördlicher Breite. Wenn sie genehmigt werden, werden sie zu den nördlichsten Offshore-Ölbohrungen der Welt gehören.

Sieben der vorgeschlagenen neuen Blöcke befinden sich unmittelbar vor der Küste von Finnmark, der nördlichsten Region Norwegens, und grenzen an die für Ölbohrungen gesperrten Küstengebiete. Bei guter Sicht könnte man hier eine Ölplattform vom Nordkap aus sehen, einem der meistbesuchten Touristenziele in Norwegen.

Einige der Lizenzen liegen in der Nähe von Gebieten in der so genannten Spitzbergen-Zone. Sie werden wahrscheinlich von Russland angefochten, berichtet Barents Observer. Russland beruft sich auf den Spitzbergen-Vertrag und sagt, dass Norwegen kein Exklusivrecht hat, das Gebiet für Bohrungen zu öffnen. Moskau hat bereits früher Lizenzen aus der 23. und der 22. Lizenzvergaberunde angefochten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Politik
Politik Geran-5: Wie die Ukraine auf Russlands schnelle Drohne reagiert
28.09.2026

Russlands schnelle Angriffsdrohnen stellen die ukrainische Luftverteidigung vor ein neues Problem. Während ältere Geran-5-Modelle...

DWN
Politik
Politik Europa schließt Fabriken und träumt von strategischer Autonomie
28.09.2026

Da es keine Antwort auf die heute und jetzt hohen Energiepreise gibt, zu denen auch die Politik der EU beigetragen hat, verkauft Ursula von...

DWN
Politik
Politik Verteidigungsfähigkeit: Bericht zu Verteidigungsbereitschaft der EU offenbart Lücken
28.09.2026

Signifikante Lücken bei der Luftverteidigung, bei Drohnen und bei Munitionsbeständen: Vor dem Treffen der europäischen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Milliardeninvestition richtet Hunderte Satelliten auf Putin
28.09.2026

Die finnische Satellitenfirma Iceye spielt bereits eine wichtige Rolle für die Ukraine und ihre Angriffe auf russische Ziele. Nun will das...

DWN
Politik
Politik Erneuerbare Energien: Solarstromproduktion übertrifft Vorjahreswert
28.09.2026

Bereits Ende September hat die Solarstromproduktion in Deutschland den Vorjahreswert übertroffen. Welche Faktoren zu diesem Rekord...

DWN
Finanzen
Finanzen Weltweite Schulden mit Gold tilgen? Dann müsste es 400.000 Dollar kosten
28.09.2026

Die Goldpreise erreichen 2026 Rekordstände. Doch was wäre, wenn Staaten ihre Schulden theoretisch mit ihren Goldreserven decken wollten?...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-China-Handelskonflikt: Expertin warnt vor 50 verlorenen Jahren
28.09.2026

Chinas Exportmaschine setzt Europas Industrie zunehmend unter Druck, und ausgerechnet Deutschland trifft der neue Wettbewerb besonders...

DWN
Politik
Politik Klima-Transformation: Das steckt hinter dem Umbau der Stahlindustrie
28.09.2026

Weg von Kohle, hin zu Wasserstoff: Die deutsche Stahlindustrie steckt Milliarden in die Produktion von grünen Stahl. Doch die...