Deutschland

Deutscher Fleischer-Verband: "Auch die Pandemie wird die Massenproduktion kaum aufhalten"

Der Tönnies-Skandal hat dafür gesorgt, dass die gesamte Fleischbranche die Schlagzeilen der Medien füllt. Der Geschäftsführer des Deutschen Fleischer-Verbandes, Robert von Stoutz, erklärt im Interview mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten (DWN), ob sich die Krise auswirken wird und was die Regierung nun tun sollte. Der Funktionär vertritt die deutschen Handwerksbetriebe.
01.07.2020 13:00
Lesezeit: 3 min
Deutscher Fleischer-Verband: "Auch die Pandemie wird die Massenproduktion kaum aufhalten"
Über die Fleischbranche wird derzeit viel diskutiert. (Foto: dpa) Foto: Jens Kalaene

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Der CDU-Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus hat gesagt, dass er im Fall Tönnies den „Hammer rausholen“ will. Insbesondere die Werkverträge sind dem Politiker ein Dorn im Auge, die aus seiner Sicht in der Fleischbranche für ungleiche Arbeitsbedingungen sorgen. Ein Thema war auch die Beschäftigung von Arbeitskräften aus Osteuropa – beispielsweise Rumänen.

Wie bewerten Sie dies?

Reinhard von Stoutz: Wir vertreten Fleischereien und Metzgereien, die durchschnittlich zwischen zehn und zwölf Mitarbeiter beschäftigen und fast ausschließlich von Familien geführt werden. Das sind die klassischen Handwerksbetriebe, die nicht zu der großen Fleischindustrie zählen. Unsere Unternehmen gehören nicht zu den großen Konzernen, die international ihre Produktion organisieren. Deswegen schauen wir auf die Vorgänge, die dort bei Tönnies stattgefunden haben, letztlich genauso wie Sie als Verbraucher auch. Wie es dazu kommen konnte, analysieren gerade die Experten.

Meiner persönlichen Meinung nach kann es in jeder Branche zu einem solchen Ausbruch von Infektionen kommen – nicht nur bei der Produktion von Fleisch. Überall dort, wo Menschen in größerer Zahl dicht beieinander arbeiten, besteht die Gefahr einer Ansteckung. Ich kann aber versichern, dass in unseren verhältnismäßig kleinen Betrieben keine nennenswerten Infektionen aufgetreten sind.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Gibt es eine Gefahr, durch den Verzehr von Fleisch an dem Erreger zu erkranken?

Reinhard von Stoutz: Nach unserem Erkenntnisstand, der sich auf die Aussagen der Behörden stützt, besteht keine Bedrohung. Bezüglich der Qualität der Produkte raten wir aber unseren Kunden immer, sehr genau darauf zu schauen, woher die Ware kommt, die sie einkaufen. Das ist aus unserer Sicht eine Grundregel, die jeder Verbraucher einhalten sollte.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie schätzen Sie das Problem mit den Werkverträgen ein?

Reinhard von Stoutz: In unseren Betrieben spielt diese Form der Verträge gar keine Rolle. Die Unternehmen sind überschaubar und beschäftigen ihre Angestellten ausschließlich auf der Grundlage von normalen Arbeitnehmerverträgen. Darüber hinaus bilden wir unser Personal auch selbst aus. Dabei kann es auch sein, dass ein Betrieb einen osteuropäischen Azubi beschäftigt. Das ist aber nicht die Regel. Die Probleme, die in der großen Industrie durch Werkverträge oder durch die Beschäftigung von Arbeitskräften aus anderen Ländern entstehen, haben wir folglich auch nicht.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welchen Anteil haben denn die Unternehmen, die Sie vertreten, am deutschen Fleischmarkt?

Reinhard von Stoutz: Wir gehen davon aus, dass dieser zwischen 15 und 20 Prozent liegt. Unseren Statistiken zufolge gibt es etwa 11.000 Metzgereien in Deutschland, die sich auf regionale Strukturen stützen, selbst schlachten oder das Fleisch von lokalen Schlachthöfen beziehen. Die wirtschaftliche Bedeutung, die unsere Betriebe für die gesamte Branche haben, ist spürbar, auch wenn sie nicht an die Produktionsgröße der Industriebetriebe heranreichen. Dabei vertreiben unsere Unternehmen nicht nur Nischenprodukte, sondern sind durchaus in der Lage, auch mit den großen Mitbewerbern preislich zu konkurrieren.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Die Politiker haben sich gerade zu einem Branchengespräch „Fleisch“ zusammengesetzt, um auf die Vorgänge bei Tönnies zu reagieren. Dabei präsentierten sie auch einen Maßnahmen-Katalog.

Wie fanden Sie dies?

Reinhard von Stoutz: Natürlich unterstützen wir die Idee von Bundeslandwirtschaftsminister Julia Klöckner, die dezentralen und regionalen Erzeugungs- und Vermarktungsstrukturen zu fördern. Bekenntnisse zu Strukturen dieser Art hören wir allerdings oft von politischer Seite, ohne das sich an den bestehenden Strukturen tatsächlich viel ändert. Uns fehlt etwas der Glaube, dass es jetzt zu großen Änderungen zugunsten der Handwerksbetriebe kommt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: In diesem Fall haben wir es aber mit einer Krise zu tun, die durch eine Pandemie ausgelöst worden ist, die es in dieser Form noch nie gegeben hat. Viele Stimmen sagen, dass sich unser gesamtes Leben ändert wird, sollte sie einmal überwunden sein. Dazu gehört die Verlangsamung der Globalisierung. Das könnte heißen wieder verstärkt, Lebensmittel in Deutschland herzustellen, zu verarbeiten und zu vermarkten – also zum Vorteil für Ihre Betriebe.

Ist das so unrealistisch?

Reinhard von Stoutz: Der Trend zur Massenproduktion hat vor einigen Jahrzehnten eingesetzt und dürfte sich auch jetzt kaum aufhalten lassen. Bisher hat noch keine Krise dazu geführt, dass sich diese Entwicklung umgedreht hätte. Und das wird auch jetzt kaum der Fall sein – der Pandemie zum Trotz. Wir würden uns jedoch sehr freuen, wenn die Politik endlich Maßnahmen ergreift, die unsere Betriebe entlasten.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche Schwierigkeiten sind das?

Reinhard von Stoutz: Beispielsweise müssen unsere Unternehmen verhältnismäßig hohe Auflagen erfüllen, die bei größeren Betrieben wesentlich weniger ins Gewicht fallen. Es gibt eine ganze Reihe von Auflagen und Dokumentationen, die jede für sich sicherlich Sinn machen, aber die in der Summe so viel Zeit und Geld kosten, dass sie zur Belastung für den Unternehmer werden.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr von Stoutz, herzlichen Dank für das Gespräch.

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