Finanzen

EZB: Banken sollten bis 2021 keine Dividenden ausschütten oder Aktien zurückkaufen

Lesezeit: 2 min
28.07.2020 09:33  Aktualisiert: 28.07.2020 09:33
Dass die Situation im Finanzsystem extrem angespannt ist, können Beobachter aus der jüngsten Empfehlung der Zentralbank schlussfolgern.
EZB: Banken sollten bis 2021 keine Dividenden ausschütten oder Aktien zurückkaufen
EZB-Präsidentin Christine Lagarde. (Foto: dpa)
Foto: Alessandro Della Valle

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Die EZB-Bankenaufsicht fordert die Geldhäuser im Euro-Raum angesichts der Virus-Pandemie weiterhin zum Verzicht auf Gewinnausschüttungen auf. Banken sollen Dividendenzahlungen und Aktienrückkäufe nun bis zum 1. Januar 2021 aussetzen, wie die Europäische Zentralbank (EZB) am Dienstag in Frankfurt mitteilte. Bei den Boni für Manager sollten die Banken "extrem zurückhaltend" vorgehen. Bislang hatte die EZB an die Geldhäuser appelliert, bis mindestens zum 1. Oktober keine Gewinne auszuschütten. Die überarbeite Empfehlung sei befristet und eine Ausnahme. Banken sollten in der Corona-Krise in der Lage bleiben, Verluste zu verkraften und die Wirtschaft zu unterstützen, begründeten die Aufseher ihr Anliegen. Bei den Banken stieß die Empfehlung auf Kritik.

"Alle unsere Aufsichtsmaßnahmen und -schritte sind und werden weiter darauf ausgerichtet sein, sicherzustellen, dass der Bankensektor robust bleiben kann und die wirtschaftliche Erholung mit einem angemessenen Kreditangebot unterstützt," erklärte EZB-Chefbankenaufseher Andrea Enria in einem Blog-Beitrag. Auch in Großbritannien befasst sich die Aufsicht mit dem Thema. Die Bank von England kündigte an, sie werde untersuchen, ob die Aussetzung von Aktienrückkäufen und Dividendenzahlungen über 2020 hinaus verlängert werden soll. Die EZB will ihre Empfehlung im vierten Quartal überprüfen.

Der Aufbau starker Kapital- und Liquiditätspuffer seit der Finanzkrise habe Banken während der Corona-Pandemie in die Lage versetzt, weiterhin Kredite an Haushalte und Unternehmen auszureichen, sagte Enria. Das habe dazu beigetragen, die Wirtschaft zu stabilisieren. Daher sei es umso wichtiger, dass Geldhäuser diese Polster jetzt weiterhin nutzen, um sich auf dieses übergeordnete Ziel zu konzentrieren. "In der Zwischenzeit, und um Banken bei der Planung zu unterstützen, signalisieren wir eine allmähliche Rückkehr zur Normalität."

Bankenverbände üben Kritik

Deutsche Bankenverbände kritisierten die Empfehlung. "Aus unserer Sicht ist die Vorgabe der EZB zu undifferenziert, da sie de facto allen Banken, unabhängig von ihrer Ertrags- und Eigenkapitalsituation verbieten möchte, Dividenden zu zahlen oder eigene Aktien zurückzukaufen", sagte der Vorstand des Bundesverbands der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), Gerhard Hofmann. In das gleiche Horn stieß der deutsche Privatbanken-Verband BdB. "Die EZB hat alle erforderlichen Informationen, um einzelne Banken zu einem Ausschüttungsverzicht aufzufordern", sagte BdB-Hauptgeschäftsführer Christian Ossig. "Mit einer pauschalen Verlängerung und der möglichen Ausweitung in das Jahr 2021 werden insbesondere institutionelle Investoren unnötig verunsichert."

Die DZ Bank hält mit Blick auf die wirtschaftliche Lage und die eigene Kapitalausstattung eine Dividendenzahlung für das Jahr 2019 weiterhin für vertretbar. "Wir werden die Entscheidung der EZB prüfen und im Austausch mit unseren Eigentümern das weitere Vorgehen festlegen," sagte eine Sprecherin.

Die deutsche Finanzaufsicht BaFin betonte, dass Dividendenzahlungen nur sehr restriktiv gehandhabt werden sollten, spricht aber kein generelles Ausschüttungsverbot aus. "Nach Ansicht der BaFin sollten Dividenden nur ausgeschüttet werden, wenn das jeweilige Institut über eine nachhaltig positive Ertragsprognose verfügt und die Kapitalsituation auch in einer anhaltenden Stressphase weiterhin ausreichende Puffer ausweist", sagte eine Sprecherin.

Die EZB ist seit Herbst 2014 für die Kontrolle der großen Geldhäuser im Euro-Raum zuständig - darunter auch Deutsche Bank und Commerzbank. Bei den kleineren Banken teilen sich die EZB und die nationalen Aufseher diese Aufgabe.

EZB fordert bei Boni extreme Zurückhaltung

Die EZB war den Banken im März mit einer Reihe von Erleichterungen entgegen gekommen und hatte den Geldhäusern unter anderem erlaubt, ihre Kapitalpuffer anzugreifen. Diese müssen sie erst wieder auffüllen, nachdem die Kapitalaufzehrung durch die Corona-Krise ihren Höhepunkt erreicht hat. Über den Zeitplan soll nach dem 2021 vorgesehenen EU-weiten Bankenstresstest entschieden werden.

Die EZB will den Instituten erlauben, von bestimmten Kapitalvorgaben bis Ende 2022 und von einigen Liquiditätsvorgaben bis Ende 2021 abzuweichen. Manche Maßnahmen, die die EZB zu Krisenbeginn beschlossen hatte, werden aber nun zurückgenommen. So sollen beispielsweise Vorort-Inspektionen wieder aufgenommen werden.

Die Bankenwächter veröffentlichten darüber hinaus die Ergebnisse einer Analyse, die die möglichen Auswirkungen des Konjunktureinbruchs infolge der Corona-Pandemie auf die Banken abschätzt. In einem extremen Szenario würde danach die Kernkapitalquote (CET 1) der Institute bis Ende 2022 deutlich schrumpfen.


Mehr zum Thema:  

DWN
Unternehmen
Unternehmen Elektromobilität: In jedem Wandel stecken Chancen

Emissionen verringern, Kosten sparen und Imagegewinne erzielen – die Gründe für Unternehmen, in der Flotte auf Fahrzeuge mit...

DWN
Politik
Politik Geopolitik und Karikaturen: Frankreichs Wirtschaft ist bedroht, aber auch Deutschland ist gefährdet

Der aktuelle Karikaturen-Streit könnte Frankreich, aber vielleicht auch Deutschland, einen irreparablen wirtschaftlichen Schaden zufügen....

DWN
Politik
Politik US-Präsidentschaftswahlen: Ob Trump oder Biden - es wird sich wenig ändern

DWN-Kolumnist Ronald Barazon benennt die großen Probleme, mit denen die USA sich konfrontiert sehen. Sein Fazit: Keiner der beiden...

DWN
Politik
Politik Ordnungsmacht oder Aggressor? Wie ihre geografische Lage die Türkei in ein politisches Dilemma zwingt

In der sechsten Folge der großen geopolitischen DWN-Serie analysiert Moritz Enders, in welchem Dilemma sich die Türkei befindet - und...

DWN
Politik
Politik Schwere Corona-Unruhen und massive Polizeigewalt in Florenz

Am gestrigen Abend ist es in Florenz im Verlauf von Demos gegen die Corona-Maßnahmen zu schweren Unruhen gekommen. Während einige...

DWN
Deutschland
Deutschland Im DWN-Interview: Wolfgang Kubicki spricht in Sachen Corona-Maßnahmen von "Verfassungswidrigkeit"

Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten haben den Vizepräsidenten des Bundestages, Wolfgang Kubicki, zu den Corona-Maßnahmen der...

DWN
Technologie
Technologie Tiefsee-Bergbau: Eine Technologie mit riesigem Potential zerstört das Meer

Die Ausbeutung von Ressourcen im Meer gilt als Zukunftsmarkt, denn unter Wasser gibt es riesige unerschlossene Rohstoff-Vorkommen. Forscher...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Finanzmarkt-Einbruch, Branchen-Sterben: Europa droht durch zweite Corona-Welle schwere Rezession

DWN-Konjunkturexperte Michael Bernegger sieht die europäische Wirtschaft durch eine zweite Corona-Welle massiv gefährdet.

DWN
Finanzen
Finanzen Deutschland internationales Schlusslicht bei Rentenlücke

Frauen bekommen im Deutschland im Vergleich zu Männern deutlich weniger Rente. Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland als...

DWN
Technologie
Technologie Künstliche Intelligenz jetzt sogar auf der Baustelle: Braucht es bald keine Bauarbeiter mehr?

Auf Baustellen wird zunehmend Künstliche Intelligenz eingesetzt, die Programme sollen für reibungslose Abläufe sorgen. Bauarbeiter...

DWN
Finanzen
Finanzen Der Börsen-Ausblick für den November: Warten auf den neuen US-Präsidenten

Für die Börsen stehen im Lockdown-Monat November die US-Präsidentschaftswahlen im Mittelpunkt. Eins ist klar: Ruhig wird der elfte Monat...

DWN
Finanzen
Finanzen Öffnung der Märkte: China verstärkt seine Zusammenarbeit mit Wallstreet-Banken

Große amerikanische Banken und Hedgefonds bauen ihre Geschäftsbeziehungen mit China aus. Die Kooperation auf dem Feld der Finanzen stellt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Herbst-Offensive: Mittelstand fordert von Bundesregierung „umfassende Steuerreform“

Der deutsche Mittelstand, der der Job- und Wachstumsmotor Europas ist, fordert angesichts der Herbstprojektion der Bundesregierung eine...

DWN
Finanzen
Finanzen Europäer müssen dieses Jahr mit deutlich weniger Geld auskommen, Deutschland geht es vergleichsweise gut

Die Europäer müssen im laufenden Jahr mit deutlich weniger verfügbarem Geld auskommen, zeigt eine Studie auf.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Thyssenkrupp schwört Mitarbeiter auf längere Durststrecke ein

Der kriselnde Thyssenkrupp-Konzern wirbt bei seinen Mitarbeitern um Geduld und schwört sie auf eine noch längere Phase der Ungewissheit...