Panorama

Urbane Landwirtschaft: Ziehen Deutschlands Bauern bald in die Städte?

Kommen unsere Nahrungsmittel in Zukunft bald nicht mehr vom Land, sondern aus der Stadt?
09.09.2020 10:07
Lesezeit: 2 min
Urbane Landwirtschaft: Ziehen Deutschlands Bauern bald in die Städte?
Dachgarten im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. (Foto: dpa)

„Urbane Landwirtschaft“ steht für den Anbau von Nutzpflanzen im städtischen Umfeld. Diese Form der Nahrungsmittelproduktion erfreut sich seit einigen Jahren steigender Beliebtheit, was nicht zuletzt daran deutlich wird, dass immer mehr Gemeinden in Deutschland sich mit dem Titel „Essbare Stadt“ schmücken. Anlässlich dieser Entwicklung sprachen die Deutschen Wirtschaftsnachrichten mit Nicolas Leschke. Er ist Gründer und CEO von „ECF Farmsystems“, einem Unternehmen, das im äußerst dicht besiedelten Berliner Stadtteil Schöneberg Basilikum anbaut und Tilapia (Buntbarsche) züchtet.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Was sind die Vorteile der Urbanen Landwirtschaft?

Nicolas Leschke: Vor allem die Nähe zum Konsumenten. Die sorgt dafür, dass er besonders frische Lebensmittel auf den Tisch bekommt. Und durch verkürzte Kühlketten und Transportwege sparen wir Ressourcen ein – was natürlich auch für einen kleineren CO2-Fußabdruck sorgt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: In Ihrer Firma kombinieren Sie Fischzucht mit Kräuteranbau. Wie funktioniert das?

Nicolas Leschke: Das System nennt sich „Aquaponik“. Es bezeichnet ein Verfahren, das die Techniken der Aufzucht von Fischen („Aquakultur“) und der Kultivierung von Nutzpflanzen („Hydrokultur“) verbindet. Bei einer Aquaponik-Anlage handelt es sich immer um die Kombination einer geschlossenen Kreislaufanlage zur Fischproduktion mit einer Hydronponik-Anlage zur Pflanzenzucht, zum Beispiel für Gemüse und Kräuter („Hydroponik“ bezeichnet die Anbaumethode von Pflanzen im Wasser oder in einem wässrigen Lösungsmittel – das heißt ohne Erde – unter Verwendung von mineralischen Nährstoffen – Anm. d. Red.) Das System funktioniert, indem die Ausscheidungen der Fische als Nährstoffe für die Pflanzen verwendet werden.

Allerdings benötigen Fische und Pflanzen jeweils Wasser mit einem unterschiedlichen pH-Wert, was in einem geschlossenen Kreislauf nicht möglich ist. Zudem können in einem geschlossenen Kreislauf keine ergänzenden Nährstoffe für die Pflanzen hinzugedüngt werden, ohne den Fischen zu schaden.

Um dieses Problem zu lösen, haben wir die Aquaponik-Technik weiterentwickelt. Statt eines einzigen geschlossenen Kreislaufs operieren wir nun mit zwei aneinandergekoppelten Kreisläufen, je einem für die Fischaufzucht und einem für die Pflanzenproduktion. Überwacht und gesteuert wird das von einer smarten Mess- und Regeltechnik. Durch den Einsatz zweier Wasserkreisläufe können jetzt individuelle pH-Werte für Fisch und Pflanze im Wasser eingestellt werden. Dem Pflanzenkreislauf können darüber hinaus zusätzliche Pflanzen-Nährstoffe hinzugefügt werden, ohne den Fischen zu schaden. Das Wasser der Fische wird weiterhin doppelt genutzt und transportiert dabei die Ausscheidungen der Fische als Dünger zu den Pflanzen. Das in der Fischzucht freiwerdende CO2 kann in die Pflanzenzucht geleitet und dort als Zusatzdünger von den Pflanzen verwertet werden. Erwähnt sei auch, dass wir bei unserer Produktion ohne Gentechnik, Antibiotika und Pestizide auskommen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche anderen Nutzpflanzen kommen für Urban Farming in Frage?

Nicolas Leschke: Für den hydroponischen Anbau eignen sich sehr viele unterschiedliche Pflanzen wie Kräuter, Salate und Gemüse, Beeren, aber auch essbare Blüten und Blumen. Tomaten, Gurken, Paprika, Auberginen sind weitere Beispiele für Pflanzen die sich hervorragend hydroponisch anbauen lassen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Kann Urban Farming einen wesentlichen Anteil zur Versorgung der Bevölkerung beitragen?

Nicolas Leschke: Ich darf hier das Fraunhofer-Institut zitieren: „Bevölkerungswachstum, zunehmende Verstädterung, Klimawandel und ausgelaugte Böden – die Produktion unserer Nahrungsmittel wir zu einer immer größeren Herausforderung. Daher sind neue Wege gefragt. Das Fraunhofer Institut hat in einer 2018 veröffentlichten Studie herausgefunden, dass sich in Zukunft auf einer Fläche von 3,6 Quadratmeter genügend Lebensmittel anbauen lassen, um einen Stadtbewohner zu versorgen. Die Voraussetzung: Moderne Anbaumethoden wie Aquaponik und „Vertikale Landwirtschaft“ (dabei findet der landwirtschaftliche Betrieb in, an und auf Hochhäusern statt – Anm. d. Red.).

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie wirken sich die Grundstückspreise - beispielsweise in Berlin - auf die Möglichkeiten des Urban Farming aus?

Nicolas Leschke: Nicht zuletzt aufgrund der Grundstückspreise bauen wir gebäude-integrierte landwirtschaftliche Systeme auf Dächern. So vermeiden wir Konkurrenz um Lebensraum. Und schaffen darüber hinaus weitere Synergien, wie zum Beispiel Abwärme-Nutzung.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie sehen Sie die Zukunft der Urbanen Landwirtschaft?

Nicolas Leschke: Die globale Herausforderung wird sein, mehr Lebensmittel auf kleinerem Raum mit weniger Ressourcen-Verbräuchen anzubauen. Somit ergeben solche Systeme in einem urbanen Umfeld einfach Sinn.

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