Finanzen

Warum wettet Wall Street auf eine eskalierende Dollar-Schwäche?

Seit Juli hat der Dollar bereits deutlich an Wert verloren und wichtige Player im Markt erwarten einen weiteren Rückgang. Die Analysten von Banken und Hedgefonds bemühen sich, von der Dollar-Schwäche zu profitieren, die starke Auswirkungen auf praktisch alle Anlageklassen hat.
03.09.2020 11:00
Lesezeit: 2 min
Warum wettet Wall Street auf eine eskalierende Dollar-Schwäche?
Dollar-Noten (Foto: dpa) Foto: Marius Becker

Nach Ansicht von Ulf Lindahl, dem Chief Investment Officer des Währungsspezialisten A.G. Bisset Associates, wird der Dollar im Verlauf des nächsten Jahres um 36 Prozent gegenüber dem Euro fallen. Damit würde die US-Währung auf ein Niveau absinken, das sie seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen hat.

Die jüngste Schwäche des Dollars, die sich seit Juli verstärkt hat, "ist der Beginn einer sehr großen Bewegung", welche den Scharen von Anlegern Verluste bescheren könnte, die ihm durch ihre Bestände an US-Aktien und US-Anleihen ausgesetzt sind, sagte Lindahl gegenüber Reuters.

An der Wall Street wimmelt es derzeit von pessimistischen Dollar-Prognosen. So prognostizieren etwa die Banken Goldman Sachs, UBS und Societe Generale weitere Verluste, obwohl nur wenige Prognosen an der Wall Street so extrem sind wie die von Lindahl.

Laut Daten der US-Börsenaufsicht Commodity Futures Trading Commission (CFTC) sind Wetten von Hedgefonds gegen den Dollar an den Terminmärkten auf dem höchsten Stand seit etwa zehn Jahren. In einer aktuellen Umfrage der Bank of America nannten 36 Prozent der Fondsmanager Dollar-Leerverkäufe als ihren wichtigsten Devisentrade in der zweiten Jahreshälfte.

Für Anleger ist der Dollar von entscheidender Bedeutung, da seine Entwicklung praktisch alle Wertanlagen beeinflusst, von der Höhe der Unternehmensgewinne bis zu den Preisen für Rohstoffe wie Öl und Gold. Seit seinem Rekordstand Mitte März hat der Dollar rund 11 Prozent gegenüber dem Euro verloren.

Lindahls Forschungen unterteilen die Schwankungen des Dollars über die Jahrzehnte in 15-Jahres-Zyklen, die zeigen, dass der Dollar gegenüber dem Euro stark schwächelt, bevor er die meisten Verluste wieder wettmacht. Obwohl sich der Rückgang des Dollars in den letzten Wochen verlangsamt hat, ist das "wirklich eine Gelegenheit, aus dem Dollar auszusteigen", sagt er.

Die meisten pessimistischen Investoren erwarten eine Abwertung des Dollar aufgrund stärkerer wirtschaftlicher Wachstumsaussichten außerhalb der USA, extrem niedriger US-Zinssätze und der Sorge, dass die Ausgabenprogramme wegen Corona die Haushaltsdefizite aufblähen.

Goldman Sachs beispielsweise ist der Ansicht, dass eine sich stetig verbessernde Weltwirtschaft und negative Realzinsen in den USA ein "anhaltendes Rezept für eine Dollarschwäche" darstellen. Die Bank prognostiziert daher, dass der Euro bis zum Jahr 2023 von derzeit 1,19 Dollar auf 1,30 Dollar steigen wird.

Die Analysten von TD Securities sagen, der Dollar sei gegenüber anderen wichtigen Währungen um etwa 10 Prozent überbewertet. Denn die überarbeitete Geldpolitik der US-Notenbank in Bezug auf die Inflation werde den Dollar unter Druck halten, da in der Folge die Zinssätze voraussichtlich länger niedriger bleiben werden.

Laut Robeco, einem Vermögensverwalter mit Assets in Höhe von 174 Milliarden Dollar, wird der Dollar aufgrund der anhaltend niedrigen Zinsen und der Wachstumsunterschiede an Boden verlieren wird, sagte Jeroen Blokland, ein Portfoliomanager des in den Niederlanden ansässigen Unternehmens gegenüber Reuters.

Ein schwacher Dollar kann sich günstig auf die Märkte auswirken, da sich die finanziellen Bedingungen lockern, die Gewinne der US-Exporteure steigen und Staaten ihre Dollar-Schulden leichter zurückzahlen können. Zudem sichern sich US-Investoren mit ausländischen Vermögenswerte in diesem Umfeld weniger gegen einen Dollar-Anstieg ab, was ihre Rentabilität erhöhen kann.

"Mein Portfolio ist im Moment nicht abgesichert", zitiert Reuters Lei Wang, einen Portfoliomanager bei Thornburg Investment Management in Santa Fe im US-Bundesstaat New Mexico. "Ich setze voll und ganz auf dieses Phänomen starker anderer Währungen und eines schwachen US-Dollars."

Gleichzeitig könnte ein anhaltender Rückgang des Dollars auch darauf hindeuten, das Zweifel an den US-Staatsfinanzen und am amerikanischen Wirtschaftswachstum sowie eine potenzielle Schwächung der Position des Dollars als dominierende Währung der Welt widerspiegelt.

Fast die Hälfte der Befragten in der BofA-Umfrage gab an, dass sie einen Rückgang der weltweiten US-Dollar-Reserven im nächsten Jahr erwarten. "Es wird heutzutage viel darüber spekuliert, dass der Dollar abstürzen und seine Bedeutung als globale Reservewährung verlieren wird", sagte Michael Gayed, Portfoliomanager beim Toroso Investments/ATAC Rotation Fund.

Hingegen erwartet Rick Rieder, BlackRocks globaler Chief Investment Officer für festverzinsliche Wertpapiere, dass der Dollar nur geringfügig sinken wird. Die Abhängigkeit der Welt vom Dollar für Handel und Gewerbe werde wahrscheinlich einen Absturz der US-Währung verhindern, sagt er.

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