Deutschland

Die dunkle Seite des Kurzarbeitergelds: Die Autobauer nutzen es, um die Produktion zu verschlanken - und Massen-Entlassungen vorzunehmen

Das Kurzarbeiter-Geld sollte Entlassungen verhindern - doch im Endeffekt hat es den gegenteiligen Effekt.
18.09.2020 12:15
Lesezeit: 2 min
Die dunkle Seite des Kurzarbeitergelds: Die Autobauer nutzen es, um die Produktion zu verschlanken - und Massen-Entlassungen vorzunehmen
Im Februar 2018 kam es zu einem Warnstreik der VW-Arbeiter am Standort Wolfsburg. Ob Deutschland neue und viel härtere Arbeitskämpfe bevorstehen? (Foto: dpa) Foto: Peter Steffen

Dass die Mitarbeiter der großen Autobauer Kurzarbeitergeld erhalten, sollte die Unternehmen eigentlich davon abhalten, Entlassungen vorzunehmen. Doch die Konzerne missbrauchen die staatlichen Zuwendungen: Sie nutzen sie indirekt, um mittelfristig die Produktionsstätten zu verschlanken – was letztlich dann doch zu Entlassungen führen wird.

Hintergrund: Die Nachfrage nach Neuwagen ist in der ersten Jahreshälfte stark eingebrochen. Unter normalen Umständen würde das dazu führen, dass die Unternehmen hohe Rabatte gewähren und zahlreiche Kaufanreize bieten – schließlich müssten sie ihre Produkte an den Mann bringen, um die Löhne und Gehälter für ihre Beschäftigten zahlen zu können. Doch das brauchen sie derzeit nicht, da ein Teil der Zahlungen ja der Staat leistet. Das heißt, den Autobauern ist es finanziell möglich, mit der Implementierung einer neuen Strategie zu beginnen: Dem „werthaltigen“ Verkaufen.

Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöfer analysiert: „Es bleibt spannend, wie gut die Autobauer ihre Strategie, weniger zu verkaufen, und mit niedrigeren Incentives und Rabatten bessere Gewinne zu machen, in den nächsten Monaten durchhalten können. Das staatliche Kurzarbeitergeld, das jetzt erneut verlängert wurde, hilft dabei. Es ermöglicht, sich an das ´vorsichtigere´ Verkaufen zu machen. Wobei dieses vorsichtigere Verkaufen nur die Vorstufe für die Verkleinerung der Fabriken ist, die nahezu von allen angekündigt wurde.“

Die Frage ist natürlich, ob das „werthaltige“ beziehungsweise „vorsichtige“ Verkaufen überhaupt eine realistische Option ist. Ein Autobauer, der sich verkalkuliert zu haben scheint, ist Opel. Dudenhöffer: „Erneut sind die Opel-Zulassungen im August um 47 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat eingebrochen, während es im Gesamtmarkt 20 Prozent Rückgang gab. Der Opel-Marktanteil ist im Juli auf 3,7 Prozent und im August auf 3,8 Prozent Marktanteil abgerutscht. Das ist der niedrigste Marktanteil des Unternehmens seit mehr als 50 Jahren. … In den 80er Jahren hatte man einen Spitzenmarktanteil von bis zu 21 Prozent.“

Dass sich potentielle Opel-Kunden, aber auch die potentiellen Käufer anderer Marken im August zurückhielten (seit 2010 wurden lediglich in zwei anderen Monaten weniger Neuwagen in Deutschland verkauft als in 08/2020), verwundert nicht, wenn man sich die Preispolitik der Autobauer vor Augen führt. Dudenhöffer beschreibt es plastisch: „In der Verkaufsförderung herrschte Urlaubszeit.“ Er rechnet vor: „Nur bei zwei der 30 meistverkauften Neuwagen wurden die Rabatte im August nicht zurückgefahren. … Seit 2012 gab es keinen so niedrigen Durchschnittsrabatt für die 30 meistverkauften Neuwagen.“

Was das für die Kunden heißt: Schwer zu sagen. Soll man mit dem Kauf warten in der Hoffnung, dass die Rabatte wieder anziehen? Oder soll man lieber jetzt schon kaufen – in der Erwartung, dass die Autobauer im Zuge ihrer Strategie des werthaltigen Verkaufens die Rabatte weiter reduzieren werden?

Angesichts der Tatsache, dass es hierbei im Endeffekt um Summen im dreistelligen, allerhöchstens im niedrigen einstelligen Bereich geht, sprechen wir allerdings über Luxusprobleme. Was wirklich zählt: Es zeigt sich immer deutlicher, dass Deutschland vor einem massiven Stellen-Kahlschlag in der Automobil-Industrie steht. Für die entlassenen Angestellten und Arbeiter im Besonderen, aber auch für ganz Deutschland im Allgemeinen käme dies einer Katastrophe gleich.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Investor Michael: Was passiert mit Ihrem Depot, wenn KI uns alle auslöscht?
21.09.2026

KI-Unternehmen werden mit Billionen bewertet, während ihre eigenen Forscher vor existenziellen Risiken warnen. Für Anleger klingt das...

DWN
Politik
Politik Digitale Realität: Wie AfD, TikTok und KI um Macht kämpfen
21.09.2026

Die politische Macht verschiebt sich auf den Bildschirm. Parteien gewinnen Wahlen mit TikTok-Reichweite, KI-Konzerne rufen plötzlich nach...

DWN
Politik
Politik Grönland-Deal mit den USA sorgt für neue Sorgen
21.09.2026

Ein neues Abkommen zwischen den USA, Dänemark und Grönland soll jetzt unterzeichnet werden. Während einige Experten darin einen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen VinFast-Gründer: Der Vietnamese, der Milliarden riskiert
21.09.2026

Pham Nhat Vuong baute in der Ukraine ein Nudelgeschäft auf, kehrte nach Vietnam zurück und schuf mit Vingroup ein Wirtschaftsimperium....

DWN
Politik
Politik Deutschland braucht einen nationalen Hitzeschutzplan: Doch wer trägt die Kosten?
21.09.2026

Sommer, Sonne, Hitze: Extrem hohe Temperaturen belasten zunehmend den Alltag vieler Menschen in Deutschland und verursachen...

DWN
Technologie
Technologie 70.000 Dollar für eine Hand: Deutschlands Chance im Roboter-Boom
21.09.2026

China lieferte im ersten Halbjahr 97 Prozent aller humanoiden Roboter weltweit aus. Warum eine Fraunhofer-Studie ausgerechnet in deren...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft IAB-Studie: Rüstungsindustrie kann Stellenabbau nicht auffangen
21.09.2026

Die Rüstungsindustrie wächst, doch als Auffangbecken für Beschäftigte aus kriselnden Industriezweigen taugt sie bislang kaum. Neue...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Škoda Peaq im Test: Wenn die Reichweite ihrem Namen alle Ehre macht
21.09.2026

Mit dem Škoda Peaq stellt die Marke ihr bislang größtes Elektroauto vor. Der SUV setzt auf hohe Reichweite, viel Innenraum, starke...