Politik

Getäuscht und ausmanövriert: Deutschland tappt in die Nord Stream 2-Falle der USA

Der Streit um Nord Stream 2 beschleunigt die Fragmentierung der EU. Die Bundesregierung spielt dieses Spiel, das die USA geschickt angezettelt haben, unwissentlich mit. Eins steht fest: Um Gas oder wirtschaftliche Interessen geht es nur am Rande - vielmehr will Washington Europa schwächen.
01.10.2020 14:00
Lesezeit: 3 min
Getäuscht und ausmanövriert: Deutschland tappt in die Nord Stream 2-Falle der USA
Von l-r: Russlands Präsident Wladimir Putin, US-Präsidenten Donald Trump und Bundeskanzlerin Angela Merkel. (Foto: dpa) Foto: Coronado/Jensen/Golovkin

Die USA beharren darauf, dass das Nord Stream 2-Projekt abgebrochen wird. Die Bundesregierung zieht dabei nicht mit - sie arbeitet darauf hin, das Projekt abzuschließen.

Im Verlauf der dadurch angefachten Diskussion werden in Deutschland Stimmen laut - häufig mit anti-amerikanischem Einschlag - dass es der USA vor allem darum gehe, eine Allianz zwischen Deutschland und Russland zu verhindern; ein Ziel, dass für die USA angeblich schon seit 100 Jahren höchste Priorität hat. Doch diese ideologische Sichtweise trübt den Blick auf das, was real und wirklich von Belang ist. Nämlich, dass die Fertigstellung von Nord Stream 2 negative Folgen für den Zusammenhalt innerhalb der EU hätte.

Angeblich herrscht innerhalb der US-Regierung, innerhalb des außen- und wirtschafspolitischen Bürokratie-Apparates sowie sowohl bei Republikanern als auch bei Demokraten Einigkeit darüber, dass Nord Stream 2 verhindert werden muss. Doch ist dem wirklich so? Wenn die USA tatsächlich danach getrachtet hätten, Nord Stream 2 zu verhindern, warum haben sie damit nicht bereits in der Frühphase des Projekts begonnen? Stattdessen haben sie Deutschland und Russland gewähren lassen. Warum?

Die Antwort ist folgende: Weil es den USA bei Nord Stream 2 um etwas ganz anderes geht als um wirtschaftliche Belange. Das Projekt sorgt dafür, dass sich Polen und die baltischen Staaten immer mehr von Deutschland abwenden und sich stattdessen den USA annähern. In Polen, Estland, Lettland und Litauen entsteht eine Abwehrhaltung gegenüber Deutschland und Russland. Diese Entwicklung harmoniert mit dem „Intermarium-Konzept“, wonach Polen von den USA als Führungsmacht aufgebaut werden soll, um einen neuen Bündnisgürtel in Europa aufzubauen. Letztendlich schadet diese Entwicklung der EU, und damit auch Deutschland. Darüber hinaus geht auch die Regierung in Kiew, die den Ausfall von Transitgebühren fürchtet, auf Abstand zu Berlin. Erreichen die Unterstützer von Nord Stream 2 also das Gegenteil von dem, was sie eigentlich erreichen wollen?

Die Bundesregierung hat keine Ahnung

Die Bundesregierung hat einem Medienbericht zufolge mit einer milliardenschweren Offerte versucht, den USA entgegenzukommen. Anfang August habe Bundesfinanzminister Olaf Scholz seinem US-Amtskollegen Steven Mnuchin zunächst mündlich und später auch schriftlich vorgeschlagen, dass Deutschland bereit sei, den Bau von zwei Spezialhäfen zum Import von US-Flüssiggas zu finanzieren, berichtete „Die Zeit“. Über die Terminals in den Häfen Brunsbüttel und Wilhelmshaven sollen US-Firmen amerikanisches Flüssiggas (LNG) nach Deutschland exportieren können. Dieser Vorschlag von Scholz zeigt, dass die Bundesregierung überhaupt keine Ahnung hat, worum es beim Nord Stream 2-Streit tatsächlich geht.

Kommen wir zum Argument, dass Russland seinen politischen Einfluss auf Europa durch Nord Steam 2 ausbauen wird. Doch in echt ist es völlig unerheblich, was den Einfluss Russlands auf Europa angeht, ob Nord Stream 2 gebaut wird oder nicht. Europa wird auf unabsehbare Zeit abhängig bleiben von russischem Gas. Ob das Gas nun über die Ukraine oder teilweise über Nord Stream 2 transportiert wird, macht aus russischer Sicht keinen Unterschied. (Lediglich das russisch-ukrainische Verhältnis würde sich durch Nord Stream 2 verändern - Moskau hätte mit der neuen Pipeline sicherlich ein Druckmittel gegenüber Kiew).

Die Transatlantiker argumentieren, anders als die Befürworter einer deutsch-russischen Allianz, dass Deutschland seinen Platz an der Seite der USA habe. Sie glauben, die USA hätten ein Interesse an einer starken EU, die sich außenpolitisch in Richtung der USA orientiert. Doch das ist völliger Unsinn.

USA und Russland gegen die EU

Die USA haben - genau so wenig wie Russland - kein Interesse an einer starken EU. Eine wirtschaftlich und politisch geschlossene EU könnte in Zukunft neben der USA und China die dritte Weltmacht werden (und Russland weit übertrumpfen). Die Handelskriegs-Drohung der US-Regierung gegenüber Deutschland ist der Tatsache geschuldet, dass die Bundesrepublik im vergangenen Jahr einen Handelsbilanzüberschuss von 223,2 Milliarden Euro hatte, die USA dagegen ein Handelsbilanzdefizit von umgerechnet 787,0 Milliarden Euro. Auch die Jahre davor sah es nicht viel anders aus.

Aus einer Aufstellung des Magazins „Capital“ geht hervor, welches wirtschaftliche Problem die USA mit Deutschland haben: „Die USA bleiben der wichtigste Abnehmer deutscher Exporte. Die Nachfrage erhöhte sich um 4,7 Prozent. Das war der größte Anstieg in den Top Ten. Der Gesamtwert der ausgeführten Waren belief sich auf 118,7 Milliarden Euro. Bei den Importen belegten die USA für Deutschland nur Platz drei. Dementsprechend verzeichnet die Bundesrepublik mit den Vereinigten Staaten die höchsten Exportüberschüsse (47,2 Milliarden Euro).“

Die US-Regierung will dieses handelspolitische Spiel umdrehen – auch in Bezug auf China. Kurzum: Weder die Transatlantiker noch die Träumer eines „deutsch-russischen Großreichs“ verstehen, mit welchen Realitäten sie konfrontiert sind. Sie hängen ihren ideologisch motivierten Zielen nach, die nicht eintreten werden.

Doch es gibt noch eine weitere Realität, die verbissene Transatlantiker und Pro-Russland-Zirkel in Deutschland nicht nachvollziehen können. Die USA und Russland sind nicht miteinander verfeindet. Stattdessen verfügen sie über zahlreiche militärische, diplomatische und nachrichtendienstliche Kanäle, über die sie miteinander verbunden sind.

Es wird Zeit, dass Europa - und vor allem Deutschland - anfängt, zu verstehen, wie Geopolitik gemacht wird. Wie (legitime) Interessen verfolgt und durchgesetzt werden. Und vor allem: Wer Gegner ist und wer Freund. Kurzum: Es wird Zeit, dass der alte Kontinent endlich seine Naivität ablegt. Sonst wird er zum Spielball - seiner Feinde, aber auch seiner (angeblichen) Freunde.

Mehr zum Thema:

Wenn Merkel Nord Stream 2 nicht stoppt, wird Deutschland einen hohen Preis zahlen

US-Geopolitiker Friedman droht Merkel im Streit um Nord Stream 2

Gegen Russland: Polen fordert Stopp von Nord Stream 2

Das Ende von Nord Stream 2 wäre nur ein billiger Ausweg: Der Westen muss endlich eine kluge Russland-Politik betreiben

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen SpaceX-IPO könnte zum Wendepunkt für Weltraum-Aktien werden
07.06.2026

Die Vorfreude auf den Börsengang von SpaceX treibt Weltraum-Aktien auf immer neue Höhen. Doch gerade die größten Euphoriephasen an den...

DWN
Finanzen
Finanzen Vermögen schützen: Interessenskonflikte im Asset Management erkennen
07.06.2026

Vermögensverwalter betonen gerne ihre Unabhängigkeit und die Ausrichtung am Kundenwohl. Doch hinter den Kulissen wirken häufig Anreize,...

DWN
Immobilien
Immobilien Wende am Immobilienmarkt: Hier lohnt sich Wohneigentum wieder
07.06.2026

Der deutsche Immobilienmarkt kommt in Bewegung. Gerade Eigentumswohnungen werden wieder interessanter, allerdings bleiben die regionalen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Was die Chinesen in Europa alles aufkaufen
07.06.2026

Ein halbes Dutzend aufsehenerregender Übernahmen – welche haben am meisten wehgetan?

DWN
Unternehmen
Unternehmen KI-Einsatz in Deutschland: KI bleibt in Unternehmen oft im Testlauf stecken
07.06.2026

Der Hype um Künstliche Intelligenz in der deutschen Wirtschaft ist groß. Doch der Schritt vom ersten Testlauf in den täglichen...

DWN
Finanzen
Finanzen VW-Aktie: Mit ID. Polo und Cupra Raval beginnt die Elektro-Offensive von Volkswagen
07.06.2026

Volkswagen startet mit einer neuen Generation kompakter Elektroautos in einen der wichtigsten Wachstumsmärkte Europas. Die Erwartungen an...

DWN
Finanzen
Finanzen Ende des billigen Geldes: Wie Staaten den Preis des Krieges zahlen
07.06.2026

Der Krieg im Iran ist nicht nur ein Ölpreisschock. Er zeigt, wie verwundbar Staaten geworden sind, wenn Energiepreise, Inflation und hohe...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft IEA-Bericht: Das Zeitalter der Elektrizität beginnt mit Rekordinvestitionen
06.06.2026

Die zweite Energiekrise in fünf Jahren verändert den globalen Energiemarkt. Strom, Netze, Batterien und Solarenergie rücken ins Zentrum...