Finanzen

Algorithmen, nicht Menschen, dominieren die Finanzmärkte

Die Investmentbank Goldman Sachs entließ vor einigen Jahren an einem ihrer Trading Desks in New York 598 von 600 Mitarbeitern. Ersetzt wurden sie durch Computer-Programme. Goldmans Rationalisierungspläne stehen sinnbildlich für die Entwicklung einer ganzen Branche.
17.10.2020 09:17
Aktualisiert: 17.10.2020 09:17
Lesezeit: 6 min
Algorithmen, nicht Menschen, dominieren die Finanzmärkte
Kleinanleger benötigen gegenüber den Anlage-Algorithmen eine Menge an Vorwissen. (Foto: Pixabay)

Lesen Sie in Teil 1 dieses Magazin-Artikels, wer die wirklich bedeutenden Akteure am Markt sind und welche Trends das Börsen-Geschehen prägen.

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Der automatisierte Handel über Algorithmen dominiert die Märkte: Insgesamt machen Algos heute rund 75 Prozent aller weltweiten Börsenumsätze aus. Im kurzfristigen Trading-Bereich (auch Hochfrequenzhandel genannt) sind es mehr als 90 Prozent. Algorithmen sind auch deshalb so dominant, weil die durch diese Programme vertretenen – meist institutionellen – Investoren teils stark mit Krediten gehebelt (Leverage) operieren.

Handels-Algorithmen werden häufig unter dem Begriff „Quant-Modelle“ (von: quantitativ arbeitend) zusammengefasst. Es ist aber zu beachten, dass Quant-Modelle auch zur Unterstützung manueller Börseninvestments eingesetzt werden und nicht alle automatisiert sind. Ein anderer oft benutzter Überbegriff für algorithmisch basiertes Trading ist „systematisches Investieren“.

Unter den Handels-Algorithmen macht sich zunehmend Künstliche Intelligenz (KI) in Form von Machine-Learning-Software (mithilfe von Daten lernende Algorithmen) breit. Die Quant-Modelle werden dann mit Machine-Learning unterstützt oder basieren vollständig auf KI. In jedem Fall verarbeiten Handels-Algorithmen eine riesige Menge an Daten und treffen auf dieser Basis Anlage-Entscheidungen.

Bei der Dominanz der Algorithmen verwundert es nicht, dass allein der Markt für Software und Beratung im Bereich des „Algorithmic Trading“ laut der Finanz-Dienstleistungsfirma „Markets and Markets” heute bereits 11,1 Milliarden Dollar schwer ist und bis 2024 auf rund 19 Milliarden Dollar wachsen wird. Wichtige Akteure sind hier unter anderem Thompson Reuters, Software AG, Tata Consulting Services, QuantCore Technical Management und AlgoTrader.

Die Nachfrage nach solchen Lösungen wird getrieben von der Notwendigkeit eines zunehmend schnelleren, zuverlässigeren, und besser skalierbaren Börsenhandels, wodurch die Transaktionskosten weiter sinken. Außerdem ist es in einem immer kompetitiveren Umfeld wichtig, bei der quantitativen Datenverarbeitung auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Was genau die Modellbestandteile dieser Algorithmen sind, soll an dieser Stelle nicht unendlich vertieft werden. Aber natürlich spielen historische Daten, aktuelle Bewertungs-Kennzahlen, Verhalten und Positionierung der Marktteilnehmer, Makrofaktoren etc. eine große Rolle. Aus der quantitativen Analyse erwachsen bestimmte Strategien. Ein Beispiel dafür ist die Faktor-Strategie „Momentum“, die vereinfacht gesagt versucht Trends vorherzsagen und sich dann richtig zu positionieren, quasi auf „der Welle mitzureiten“. Wobei große Akteure mit ihren Algorithmen selbst massiv zu Trend-Entwicklungen beitragen.

Bei den automatisierten Ansätzen unter den Quant-Modellen geht es vereinfacht gesagt darum, aus den riesigen Datenmengen Kauf- und Verkaufssignale zu berechnen. Die Kleinanleger sind in diesem Kontext maximal Stichwortgeber für die Algorithmen. Sie können anzeigen (oder zumindest dazu beitragen), wie die Stimmung am Markt ist, woraufhin die Algos dann die Kurse wirklich massiv in diese Richtung bewegen.

Bis zu 50 Prozent aller Transaktionen bleiben dem Durchschnittsanleger verborgen

Weitere bedeutende Faktoren sind der Derivate-Markt und die nicht-öffentlichen Transaktionen:

Derivative Instrumente sind enorm bedeutend für die Kursentwicklung. In besonders volatilen oder einseitigen Marktentwicklungen werden Positionen zunehmend über Derivate abgesichert, gerade im Hedgefonds-Bereich ist es sowieso Gang und Gebe, Risiken zu minimieren. Hedgefonds sind auch groß im Wett-Geschäft engagiert, wofür ebenfalls Optionen, Futures, Swaps, Leerverkäufe und noch kompliziertere Finanzprodukte eingesetzt werden.

Darüber hinaus können mithilfe von Derivaten zum Beispiel einfache Käufe repliziert werden. Anders ausgedrückt: Anleger können mit bestimmten Finanz-Instrumenten an der Preis-Entwicklung von Aktien oder anderen Basiswerten partizipieren, ohne diesen selbst halten zu müssen.

Derivative Positionen haben Signalwirkung für den Markt, sind generell durch Erfüllungsversprechen oder Anstrengungen zur Verringerung des sogenannten „Exposures“ relevant für den Basiswert und hängen des Weiteren auch aus dem Arbitrage-Gedanken heraus stark mit dem Basiswert zusammen.

Derivate tragen enorm zur Entwicklung von Märkten bei und sorgen auch dafür, dass in Bullen- oder Bären-Phasen Übertreibungen besonders stark beziehungsweise Abstürze besonders heftig ausfallen können.

Der jüngste Höhenflug an der US-Börse NASDAQ gefolgt von einem blitzschnellen Crash wurde mit Sicherheit nicht allein durch den Verkauf von Aktien verursacht. In Insiderkreisen spekuliert man, dass Optionsgeschäfte sogar die Hauptursache gewesen sind.

Schätzungsweise 30 bis 50 Prozent aller Transaktion finden im Übrigen abseits des offenen Wertpapierhandels an der Börse in sogenannten „Dark Pools“ und „OTC-Geschäften“ (Over-the-counter) statt. Hier bewegen sich nur große Marktakteure und Insider. Sinn und Zweck dieser verborgenen Geschäfte ist es, Wertpapiere zu handeln, ohne dabei die offiziellen Börsenkurse sofort zu beeinflussen. Besonders Derivate werden oft außerbörslich gehandelt.

Die Informationen bleiben dem breiten Markt (und daher auch dem Kleinanleger) dann verborgen. Die Teilnehmer dieser inoffiziellen Börsengeschäfte erlangen verschiedene taktische Vorteile, können sich beispielsweise vorzeitig „richtig“ positionieren und dadurch einen noch größeren Gewinn einfahren.

Was bedeutet das für den Kleinanleger?

Große Akteure mit ihren Algorithmen machen im kurzfristigen Trading-Bereich den überwiegenden Teil des Marktvolumens aus. Hier einzusteigen ist für diejenigen, die nicht über das nötige Wissen, enorme Erfahrung und die richtige Software-Unterstützung verfügen, wohl nicht die beste Idee.

Investieren mit einem langfristigen Anlage-Horizont macht deutlich mehr Sinn, aber man sollte keine überragenden Resultate erwarten. Denn im Bereich der langfristigen Investments konkurriert der Kleinanleger dann gegen hervorragend ausgebildete Fundamental-Analysten mit Insiderwissen und häufig ebenfalls algorithmischer Unterstützung.

Kurse verlaufen (wie so vieles in der Natur) in Bandbreiten: Es gibt Hochpunkte, Tiefpunkte und im Schnitt eine Regression zur Mitte. Wer aber in dem technisierten Umfeld von heute noch massiv „unterbewertete“ Aktien oder tolle Wachstumsperlen finden will (bevor große Arbitragemöglichkeiten durch Algorithmen bereits ausgenutzt wurden), der muss schon ein sehr glückliches Händchen, ein (zufällig) ausgesprochen gutes Timing oder sehr viel praktisches Wissen haben. Ansonsten findet man vielleicht noch abseitige Werte mit niedrigem Handelsvolumen, die sich unter dem Radar der Großinvestoren bewegen.

Da gilt es entweder passiv (zum Beispiel in ETFs) zu investieren oder viel Zeit darin zu investieren, sich das nötige Know-how anzueignen. Diversifizierung innerhalb und über die verschiedenen Assetklassen (Aktien, Anleihen, Immobilien, Edelmetalle) hinweg ist dabei immer sinnvoll.

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Dieser Artikel spricht keine Anlageempfehlungen aus. Der Text spiegelt nur die zwar auf Fakten basierenden, aber nicht zwingend allgemeingültigen Ansichten des zuständigen Redakteurs wider.

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