Deutschland

Ökonomen: Aufschwung erst ab dem zweiten Quartal / In Innenstädten wird es nie mehr "so werden, wie es war"

2021 wird nach Meinung von Experten ein Jahr der wirtschaftlichen Erholung werden. Aber erst ab dem zweiten Quartal - vorher stehen den Deutschen noch äußerst harte Wochen bevor.
23.01.2021 15:09
Aktualisiert: 23.01.2021 15:09
Lesezeit: 2 min

Die Konjunktur hat ihre Achterbahnfahrt aus dem Jahr 2020 beim Start in das Jahr 2021 fortgesetzt. Volkswirte führender Finanz- und Wirtschafts-Institute befürchten eine weitere Durststrecke im ersten Quartal, bevor eine Erholung einsetzen könnte, wie eine Umfrage ergab. «2021 dürfte zwar ein Jahr der wirtschaftlichen Erholung werden, allerdings wird sich die Lage auf kurze Sicht erst noch einmal deutlich verschlechtern, bevor die Wirtschaft auf einen nachhaltigen Erholungspfad zurückkehrt», sagte Katharina Utermöhl von der Allianz-Gruppe.

«Die Verlängerung und Verschärfung des Lockdowns verlangt Bürgern, Beschäftigten und Unternehmen noch einmal ein hohes Maß an Akzeptanz und Durchhaltevermögen ab», sagte Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der staatlichen Bankengruppe KfW. «Das stellt viele auf eine harte Probe.» Der gegenwärtige Lockdown werde sich auf die Gesamtwirtschaft allerdings voraussichtlich weit weniger gravierend auswirken als der Lockdown im vergangenen Frühjahr.

Die Volkswirte setzen voll auf die Impfung als wirksamstes Mittel zur Eindämmung der Corona-Pandemie - trotz der derzeitigen Lieferengpässe beim Impfstoff. «Die Möglichkeit einer Impfung großer Bevölkerungsteile im Jahresverlauf eröffnet die Perspektive, die Pandemie bis zum Sommer so weit einzudämmen, dass sie die Wirtschaft nur noch wenig beeinträchtigt», sagte Köhler-Geib. «Wenn die Impfung in Schwung kommt und allmählich wärmeres Wetter einsetzt, dürfte eine kräftige, spürbare Konjunkturerholung einsetzen», sagte auch Marc Schattenberg, Volkswirt bei der Deutsche-Bank-Gruppe.

Die Nürnberger Volkswirtschafts-Professorin und Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung, Veronika Grimm, geht von einem Wachstum von nur noch wenig über drei Prozent für 2021 aus. «Die Erholung wird im Winter pausieren und sich erst fortsetzen, wenn Lockerungen abzusehen sind», sagte sie weiter. Marc Schattenberg dagegen hofft auf «eine Vier vor dem Komma». Alles sei aber vom Pandemie-Verlauf und dem Impfprogramm abhängig.

Gegenwärtig sei die Industrie mit ihrem positiv verlaufenden Exportgeschäft wenig betroffen. Dies könne sich aber ändern, wenn Grenzen geschlossen würden. «Alles was Grenzschließungen betrifft, kann zu einem signifikanten Einbruch führen. Die Effekte sind schwer abzuschätzen, oft reichen kleine Störungen der internationalen Lieferketten aus, um größere Teile der Industrie stillzulegen», so Grimm.

KfW-Chefvolkswirtin Köhler-Geib glaubt auch an positive Signale für den Arbeitsmarkt. Die Zahl der Erwerbstätigen könnte mit 44,9 Millionen wieder leicht höher liegen als im Krisenjahr 2020, auch die Arbeitslosenquote dürfte leicht zurückgehen. «Das umfangreiche Stimulus-Programm in den USA wird auch in Europa und in Deutschland zu spüren sein», sagte Grimm.

Einig sind sich die Volkswirte in ihrer Befürchtung, dass es zu einer größeren Zahl von Insolvenzen kommen könnte. Allianz-Volkswirtin Utermöhl sprach von einer «Insolvenzwelle», die im zweiten Halbjahr, nach dem Auslaufen staatlicher Stützungsmaßnahmen, möglich sei. Grimm glaubt zwar an eine Erhöhung der Zahlen, hofft aber, dass die Welle nicht zu groß werden wird. «Ich würde vermuten, dass wir Insolvenzen sehen werden und dass es auch zu Bewegungen am Arbeitsmarkt kommt», sagte sie mit Blick etwa auf den Einzelhandel in den Innenstädten.

«Es wird durchaus Verhaltensanpassungen geben, in den Innenstädten wird nicht alles wieder so werden, wie es war», sagte sie in Bezug auf das Kaufverhalten der Menschen. «Die Frage wird sein: Wie stellen sich die Kommunen auf den Strukturwandel in den Innenstädten ein?»

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Neue Ära im Welthandel: Bain-Chef sieht strukturellen Umbruch
21.02.2026

Geopolitische Spannungen und technologische Umbrüche erzwingen eine strategische Neuausrichtung in der Weltwirtschaft. Wie lässt sich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Künstliche Intelligenz verdrängt Influencer: Generation Z trifft Kaufentscheidungen mit KI
21.02.2026

Künstliche Intelligenz beeinflusst zunehmend, wie junge Konsumenten Informationen bewerten und Kaufentscheidungen treffen. Welche Folgen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Tarifjahr 2026: Lohnrunden unter wachsendem Druck
21.02.2026

Rund zehn Millionen Beschäftigte verhandeln 2026 neue Tarifverträge, denn in zahlreichen Schlüsselbranchen laufen Entgelttarifverträge...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gehaltsverhandlungen: Welche Faktoren entscheiden über den Erfolg?
21.02.2026

Der Spielraum für Gehaltsverhandlungen schrumpft in einem sich beruhigenden Arbeitsmarkt, während die Erwartungen an Vergütung und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Leapmotor C10 im Praxistest: Günstiger Elektro-SUV im Tesla-Vergleich
21.02.2026

Der elektrische Leapmotor C10 ist rund sechstausend Euro günstiger als ein Tesla Model Y, die Hybridvariante C10 REEV liegt preislich...

DWN
Politik
Politik Cum-Ex-Skandal: Kronzeuge Steck im DWN-Interview – wie Banken deutsche Gesetze mitschrieben
21.02.2026

Cum-Ex gilt als größter Steuerskandal der deutschen Geschichte. Doch wie konnte es passieren, dass ausgerechnet Banken beim Schreiben der...

DWN
Politik
Politik Cum-Ex-Skandal: Kronzeuge Steck im DWN-Interview – der Betrug, den Politik und Banken gemeinsam möglich machten
21.02.2026

Zehn Milliarden Euro Schaden, tausende Beschuldigte – und bis heute keine politische Verantwortung. Der Cum-Ex-Kronzeuge und Autor Dr....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa reformiert Lkw-Maut 2026: Höhere Tarife und neue CO2-Regeln
21.02.2026

Europas Lkw-Maut wird 2026 umfassend reformiert, viele Staaten erhöhen Tarife und stellen auf CO2-basierte Kilometerabrechnung um. Welche...