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Wegen Chip-Mangels: Autobauer und Zulieferer schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu

Lesezeit: 2 min
15.02.2021 17:17
Im Streit um die Verantwortung für den Chipmangel verschärft sich der Ton zwischen Autobauern und Lieferanten. Bei Volkswagen stockt - wie bei anderen Autobauern auch - wegen des Chipmangels die Produktion.
Wegen Chip-Mangels: Autobauer und Zulieferer schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu
Ein VW-Logo ist am 05.05.2015 auf einem Reifen zu sehen bei der Hauptversammlung der Volkswagen AG auf dem Messegelände in Hannover (Niedersachsen). Foto: Ole Spata/dpa

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Im Streit um die Verantwortung für den Chipmangel verschärft sich der Ton zwischen Autobauern und Lieferanten. Volkswagen wirft seinen Hauptlieferanten vor, den Prognosen des Autobauers über eine rasche Erholung der Pkw-Nachfrage nach dem ersten Lockdown nicht geglaubt und sich anderer Vorhersagen bedient zu haben. Er finde es „nicht nachvollziehbar“, dass ein wichtiger Zulieferer seinem Abnehmer erst im November einen Engpass bei Halbleitern angezeigt habe, sagte ein Einkaufsmanager des Wolfsburger Konzerns der Nachrichtenagentur Reuters. „Der Ärger ist groß. Wenn der Lieferant in seiner Vormaterialkette kein Chip-Problem hätte, würden wir unsere Steuergeräte bekommen.“ So aber fehlten wichtige Bauteile. Bei Volkswagen stockt - wie bei anderen Autobauern auch - wegen des Chipmangels die Produktion. Für mehrere Werke musste der Konzern tageweise Kurzarbeit anmelden.

Der Chip-Engpass war kurz vor Weihnachten von Volkswagen in China bekannt gemacht worden und hat sich rasch auf die gesamte Autobranche ausgeweitet. Fast alle großen Hersteller sind davon betroffen. In den USA hatten General Motors und Ford zuletzt angekündigt, halbfertige Autos zwischenzuparken, bis die nötigen Chips geliefert werden. Lediglich Toyota und BMW sind bisher kaum von der Knappheit betroffen.

Die Autobauer hatten während des ersten Lockdowns ihre Produktion heruntergefahren und in den Wochen danach alles unternommen, um den Geldabfluss möglichst gering zu halten. Dabei hätten sich die Unternehmen zu sehr auf Kosteneffizienz konzentriert anstatt ihre Lieferbeziehungen auf mehrere Beine zu stellen, sagen Experten. In der Chipkrise erweise sich nun, wie brüchig die Lieferbeziehungen seien.

Volkswagen macht geltend, seine Zulieferer bereits Anfang April über die Erwartung steigender Produktionszahlen informiert zu haben. „Wenn ein Lieferant unseren Zahlen keinen Glauben schenkt und ein Prognoseinstitut zu Rate zieht, das die Situation - aus welchen Gründen auch immer - anders einschätzt, als unsere Experten, und deshalb in seiner Vormaterialkette weniger bestellt, könnte das eine Erklärung für die gegenwärtige Situation sein“, sagte der Einkaufmanager. „Die Verbindlichkeit unserer Lieferabrufe sind nach VDA-Bedingungen geregelt.“ Volkswagen gehe davon aus, dass die Lieferabrufe entsprechend erfüllt würden und Zulieferer diesen umgehend widersprächen, wenn die Lieferfähigkeit nicht gegeben sei. Dieses Vorgehen sei üblich in der Automobilindustrie. „Wir haben derzeit bei bestimmten Bauteilen rein technisch keine Chance, Alternativen zu nutzen. Zudem können wir bestimmte elektronische Bauteile nicht nachträglich einbauen.“

Volkswagen prüft nach früheren Angaben aus Konzernkreisen Schadensersatzansprüche gegen seine Hauptlieferanten Bosch und Continental. Als Konsequenz aus dem Chip-Mangel wollen die Wolfsburger die Versorgung mit Halbleitern künftig durch direkte Absprachen mit den Herstellern absichern. Üblicherweise schließen die Autobauer Verträge über Bauteile mit großen Zulieferern wie Bosch und Continental, die die Versorgung mit Chips mit ihren Lieferanten aus der Halbleiterindustrie regeln.

Bei Continental hieß es: „Wir haben zu jedem Zeitpunkt gegenüber unseren Kunden offen und transparent kommuniziert“. Der Zulieferer orientiert sich bei Prognosen an dem Datenanbieter IHS Markit, dessen Analysen auf Annahmen aller Marktteilnehmer basieren. „Wir haben mit sehr vielen Kunden zu tun. Deswegen müssen wir unsere Prognose auf einer breiten Basis erstellen“, sagte ein Insider. Dass man da schon mal von einer Einzelprognose abweiche, sei nachvollziehbar.

Im Frühjahr 2020 sei nicht absehbar gewesen, dass sich die Pkw-Produktion rasch erholen werde. „Das sah desaströs aus, es gab kaum Abrufe“, sagte die Person mit Kenntnis der internen Abläufe. „Die Marktforschungsinstitute haben das nicht kommen sehen.“ Zu den Vorwürfen von Volkswagen wollte sich der Dax-Konzern aus Hannover nicht äußern.

Wie Continental macht auch der weltgrößte Autozulieferer Bosch mehrere Faktoren auf dem weltweiten Beschaffungsmarkt für die Halbleiterknappheit verantwortlich. Dem könne sich auch Bosch nicht entziehen. Man unternehme alles, um die Kunden weiter zu versorgen und die Auswirkungen des Engpasses so gering wie möglich zu halten. Zu den Vorwürfen nahm Bosch nicht Stellung.

Experten verweisen darauf, dass die Automobilindustrie für die Chiphersteller eine geringere Rolle spielt als die Unterhaltungselektronik und Telekommunikation. Während des Lockdowns sei die Nachfrage nach Laptops, Handys und Spielekonsolen sprunghaft gestiegen. Dazu habe auch der Trend zum Homeoffice beigetragen. Eine gängige Erklärung lautet daher, dass die Halbleiterhersteller ihre Kapazitäten auf diese Kunden konzentriert hätten, als die Autobranche die Produktion wegen der Pandemie zurückfuhr. Die Folgen des Engpasses dürften sich bis in die zweite Jahreshälfte hinziehen.


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