Politik

USA kündigen bedingungslosen Abzug aus Afghanistan an

Die USA kündigen an, ihre Truppen bis September aus Afghanistan abzuziehen. Deutschland und die anderen Alliierten müssen mitziehen. Die Taliban auch?
14.04.2021 17:37
Aktualisiert: 14.04.2021 17:37
Lesezeit: 3 min

Die US-Entscheidung über einen bedingungslosen Abzug aller Truppen aus Afghanistan bis zum 11. September hat in dem geschundenen Land Enttäuschung und Resignation ausgelöst. Ein Mitglied des Verhandlungsteams der Regierung bei den Friedensgesprächen in Doha, das namentlich nicht genannt werden wollte, nannte den Beschluss am Mittwoch das «Verantwortungsloseste und Egoistischste», was Amerika seinen afghanischen Partnern zufügen könne. Die militant-islamistischen Taliban bestehen hingegen auf dem ursprünglich vereinbarten Termin für einen Rückzug bis zum 1. Mai.

Mit der Entscheidung von US-Präsident Joe Biden, alle amerikanischen Soldaten bis zum 20. Jahrestag der Terroranschläge in den USA von 2001 heimzuholen, geht auch der Einsatz der Bundeswehr zu Ende. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer sagte am Mittwoch im ARD-«Morgenmagazin»: «Wir haben immer gesagt: Wir gehen gemeinsam rein, wir gehen gemeinsam raus.» Der neue Termin bedeute, «dass wir unsere Planungen auch in der Nato mit den Planungen der USA synchronisieren.»

Die USA wollen nun am 1. Mai mit dem Abzug beginnen und ihn bis zum 11. September abgeschlossen haben. Das Ende des Nato-Ausbildungseinsatzes sollte noch am Mittwoch bei einer Videokonferenz der Außen- und Verteidigungsminister der 30 Nato-Staaten besiegelt werden. Unter dem früheren US-Präsidenten Donald Trump war mit den Taliban noch vereinbart worden, dass der Abzug schon bis zum 1. Mai abgeschlossen ist. Der Termin stand jedoch schon seit längerer Zeit in Frage.

Mit der Entscheidung steht für die Bundeswehr der verlustreichste Einsatz ihrer Geschichte vor dem Ende. 59 deutsche Soldaten ließen in Afghanistan ihr Leben. Davon wurden 35 in Gefechten oder bei Anschlägen getötet. Afghanistan ist zudem der zweitlängste Auslandseinsatz der Bundeswehr nach der Kosovo-Mission, die bereits 1999 begann. Aktuell sind noch 1100 deutsche Soldaten im Land. Die Gesamtzahl der internationalen Truppen beträgt etwa 10 000.

Mit Spannung wird nun erwartet, welche Konsequenzen die Entscheidung für die laufenden Friedensverhandlungen zwischen afghanischer Regierung und Taliban hat. Als Risiko gilt, dass die Taliban kurz nach einem Truppenabzug mit Waffengewalt die Macht übernehmen könnten. Für die junge Demokratie in Afghanistan und Fortschritte bei Frauenrechten oder Medienfreiheit wäre dies wohl der Todesstoß.

Aus dem Verhandlungsteam der afghanischen Regierung hieß es, der Abzug möge das Ende des Krieges für die USA sein, aber die afghanischen Partner würden den Preis dafür zahlen. Die USA hätten den Krieg mit etwas mehr Geduld auf «verantwortungsvolle Weise» beenden können. Der Abzug der internationalen Truppen war die Hauptforderung der Taliban. Nun bleiben der Regierung kaum mehr Druckmittel in den seit September laufenden Friedensverhandlungen mit den Extremisten.

Zugleich wurden die US-Ankündigungen auch von den Taliban kritisiert, weil die bis Januar amtierende Regierung von Donald Trump über das sogenannte Doha-Abkommen eigentlich einen Abzug bis Ende April in Aussicht gestellt hatte. Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid erklärte, falls die Vereinbarung gebrochen werde, würden sich die «Probleme verschärfen». Mit Blick auf die USA und andere Truppensteller fügte er hinzu, jene, die sie nicht einhielten, würden dafür haftbar gemacht. Wenn das Abkommen eingehalten werde, gebe es einen Weg, um die verbleibenden Probleme anzugehen.

Damit spielte er auf den laufenden innerafghanischen Friedensprozess an. Die Friedensverhandlungen waren zuletzt ins Stocken geraten. Auch an einer US-initiierten Friedenskonferenz Ende April in der Türkei wollen die Taliban nun nicht mehr teilnehmen. Die laufenden Gespräche in Doha allerdings wolle man weiterführen, sagte Mudschahid der Deutschen Presse-Agentur.

Weitere Reaktionen in Afghanistan fielen emotionaler aus als üblich. Der Vorsitzende des Hohen Rats für Nationale Aussöhnung, Abdullah Abdullah, sagte er denke nicht, dass die Unterstützung der Welt mit der Abzugsankündigung aufhöre. Er hoffe, dass die Taliban nun anders kalkulierten. Bisher hatten die Islamisten immer die Präsenz der US-Truppen als Grund für Gewalt angeführt. Internationale Truppen hin oder her, sagte Abdullah, «der Weg zur Lösung des Problems ist Frieden». Eine offizielle Reaktion des Präsidentenpalasts stand noch aus.

Manche Afghanen begrüßten den Abzug und sagten, die USA hätten ohnehin nicht ewig bleiben können. Nicht wenige äußerten Angst vor einer möglichen gewaltsamen Machtübernahme durch die Taliban. Die Gewalt im Land ist weiter hoch. Einem am Mittwoch von der UN-Mission in Afghanistan (Unama) veröffentlichten Bericht zufolge nahm die Zahl der zivilen Opfer in dem Konflikt im ersten Quartal deutlich zun.

US-Außenminister Antony Blinken verteidigte unterdessen die Abzugsentscheidung. Man habe gemeinsam mit den Verbündeten die Ziele erreicht, die man sich gesteckt habe, sagte er bei einem Gespräch mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Nun sei es an der Zeit, die Truppen nach Hause zu bringen. Als Hauptziel des Nato-Einsatzes galt, dass Afghanistan nie wieder ein Rückzugsort für Terroristen wird, die Nato-Länder angreifen können.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Ökonomen halten KI-Crash für wahrscheinlich: Wo Anleger am Markt Schutz suchen können
26.08.2026

Es wird immer schwieriger, ein Portfolio gegen KI zu diversifizieren, sagen Experten. Sie erklären, wie man sich am besten gegen...

DWN
Politik
Politik „Europa ist schwach“: Patrick Collison und Mario Draghi schließen sich mit neuem Think Tank zusammen – Polen ist nicht dabei
26.08.2026

Stripe-Mitgründer Patrick Collison und der frühere EZB-Präsident Mario Draghi wollen Europas wirtschaftliche Schwäche bekämpfen. Mit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Exklusiv-Interview zu Freyja: Fire-Point-Chefin erklärt die Patriot-Alternative aus der Ukraine
26.08.2026

Nach dem ersten DWN-Bericht über Freyja spricht Fire-Point-Chefin Iryna Terekh nun exklusiv über das ukrainische Rüstungsprojekt. Mit...

DWN
Politik
Politik Sozialhilfe-Ausgaben explodieren: Pflegekosten wachsen stärker als Grundsicherung
26.08.2026

Die Ausgaben für Sozialhilfe sind 2025 in Deutschland um 6,1 Prozent gestiegen. Besonders stark legten die Kosten für die Hilfe zur...

DWN
Finanzen
Finanzen 21,4 Milliarden Euro: Neuer Höchstwert bei Erbschaft- und Schenkungsteuer
26.08.2026

Die festgesetzte Erbschaft- und Schenkungsteuer in Deutschland erreicht einen Rekordwert. Was steckt hinter dem starken Anstieg im...

DWN
Finanzen
Finanzen Aktien 2026: Nvidia, SAP und Co. sind laut Experten noch zu günstig
26.08.2026

Der KI-Boom hat viele Technologieaktien teuer gemacht. Doch ausgerechnet jetzt sieht Morningstar bei zwölf bekannten Unternehmen noch...

DWN
Finanzen
Finanzen Droneshield-Aktie bricht zweistellig ein: Hohe Verluste überschatten starkes Umsatzwachstum
26.08.2026

DroneShield wächst kräftig, schreibt jedoch hohe Verluste und gerät zugleich ins Visier der australischen Finanzaufsicht. Der...

DWN
Politik
Politik Neue Zuckersteuer: Aufpreis war auch für Zero-Getränke und Hafermilch angedacht
26.08.2026

Die geplante Zuckersteuer soll Verbraucher offiziell von stark zuckerhaltigen Getränken abhalten. Doch künftig sollten auch Hafermilch...