Wirtschaft

Silicon Valley in Bewegung: Amazon Web Services verliert Priorität bei Startups

Das Silicon Valley steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Start-ups verschieben ihre Prioritäten und verändern die Nutzung klassischer Cloud-Dienste, während Halbleiterunternehmen mit steigender Nachfrage und geopolitischen Risiken konfrontiert sind. Wie können Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern?
23.10.2025 11:05
Lesezeit: 5 min
Silicon Valley in Bewegung: Amazon Web Services verliert Priorität bei Startups
Im Silicon Valley setzen Start-ups verstärkt auf KI, während AWS an Bedeutung verliert (Foto: iStock.com, JHVEPhoto) Foto: JHVEPhoto

Amazon Web Services tritt in den Hintergrund

In dieser Woche haben die Finanzzahlen der Halbleiterunternehmen TSMC und ASML die Euphorie im Silicon Valley in Bezug auf Künstliche Intelligenz (KI) weiter angeheizt. Der KI-Boom verändert auch den Markt für Cloud-Dienste.

Start-ups investieren zunehmend zuerst in Modelle und KI-Tools, während klassische Cloud-Ausgaben, etwa für Dienste von Amazon Web Services (AWS), auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden.

AWS verliert an Priorität bei Start-ups

Über viele Jahre hinweg nahm AWS in den Ausgabenlisten von Start-ups eine führende Rolle ein. Der aktuelle KI-Trend verändert jedoch die Struktur der IT-Ausgaben.

Interne AWS-Dokumente, die Business Insider einsehen konnte, zeigen, dass immer mehr KI-Start-ups zunächst in KI-Modelle, Entwicklungswerkzeuge und GPU-Infrastruktur investieren, während Budgets für klassische Cloud-Services wie Rechenleistung und Datenspeicher später bereitgestellt werden.

Die Dokumente verweisen auf einen „grundlegenden Wandel“ bei der Verteilung der Technologieausgaben durch Start-ups. „Gründer sagen uns, dass sie AWS erst in einer späteren Phase einsetzen wollen“, heißt es darin.

Diese Entwicklung markiert den Übergang von der früheren „Cloud 1.0“-Phase, in der Amazon dominierte, hin zu einer „Cloud 2.0“-Ära, die auf KI-Tools, spezialisierte Hardware, Software und neue Anbieter setzt. Für Amazon bedeutet dies potenziell eine Abschwächung der bisherigen Marktposition in einem lukrativen Ökosystem.

Start-ups verzichten jedoch nicht vollständig auf AWS. In späteren Entwicklungsphasen bleiben die Dienste relevant. Dennoch zeigt das Verhalten, dass neue KI-Technologien zunehmend die frühzeitigen IT-Budgets beanspruchen und Kunden schon vor der Nutzung klassischer AWS-Dienste binden können.

Wachsende Konkurrenz in der Cloud

AWS wurde in den vergangenen Monaten wegen hoher Preise und Rückständigkeit im KI-Bereich kritisiert. Während Start-ups letztlich weiterhin AWS-Dienste nutzen, geben die Dokumente an, dass frühe Ausgaben zunehmend auf andere Plattformen wie OpenAI, Anthropic oder Vercel entfallen.

Daten von CB Insights zeigen, dass die Position von AWS bei KI-Start-ups abnimmt. Im September 2025 nutzten 30 Prozent der 1.100 führenden KI-Start-ups AWS, hinter Google Cloud mit 38 Prozent, jedoch vor Microsoft Azure mit sieben Prozent.

Amazon bleibt dennoch ein wichtiger Akteur im KI-Cloud-Ökosystem. Das Unternehmen arbeitet eng mit Anthropic zusammen, in das es Milliarden investiert hat. Analysten schätzen, dass diese Partnerschaft bis 2027 Einnahmen von bis zu 5,6 Milliarden US-Dollar generieren könnte. Experten betonen, dass KI-Dienste AWS nicht unbedingt „kannibalisieren“.

Auch andere Cloud-Anbieter profitieren weiterhin von GPU-Infrastruktur. Die Konkurrenz wächst jedoch, da Azure und Google Cloud jährliche Wachstumsraten von über 30 Prozent aufweisen, während AWS um 18 Prozent wächst.

Analyst Gil Luria von D. A. Davidson erklärt: „AWS liegt weiterhin einen Schritt hinter Microsoft und Google bei der Förderung der GPU-Nachfrage und beim Verkauf zusätzlicher KI-Dienste.“ AWS-Mitarbeiter identifizieren drei aktuelle Bereiche, die frühe Ausgaben der Start-ups anziehen: GPU-Training und Feinabstimmung, GPU-Inferenz sowie AI-as-a-Service.

Amazon weist in einer Stellungnahme darauf hin, dass die in den Dokumenten von März und Juli enthaltenen Daten veraltet seien und die aktuelle Lage nicht widerspiegelten. Start-ups wählten weiterhin AWS wegen der Skalierbarkeit und Vielfalt der Dienste. Quellen bestätigen jedoch, dass die Daten nach wie vor relevant sind.

TSMC profitiert vom KI-Boom

Trotz des Handelskonflikts zwischen den USA und China meldete der taiwanesische Halbleiterhersteller TSMC starke Ergebnisse im dritten Quartal. Der KI-Boom zeigt sich weiterhin stabil. TSMC erzielte in Q3 einen Nettogewinn von 452,3 Milliarden Taiwan-Dollar (etwa 14,8 Milliarden US-Dollar), ein Plus von 39,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Hauptkunden wie Nvidia und Apple trugen wesentlich zu diesem Erfolg bei. Der High-Performance-Computing-Bereich von TSMC, der KI- und 5G-Anwendungen abdeckt, machte 57 Prozent der Gesamtverkäufe aus.

Allerdings sorgt die mögliche Einführung spezifischer US-Zölle auf Halbleiter für Unsicherheit. TSMC rechnet aufgrund geplanter Expansionen in den USA mit Ausnahmen, erkennt aber die anhaltende Unsicherheit im Handel an.

CEO C. C. Wei wies darauf hin, dass US-Sanktionen bereits den Zugang zu großen Segmenten Chinas, dem größten Halbleitermarkt der Welt, einschränken. Gleichzeitig bereitet sich die Industrie auf mögliche Lieferkettenstörungen vor, nachdem Peking den Export seltener Mineralien beschränkte und Washington mit Zöllen und Softwareeinschränkungen reagierte.

Trotz geopolitischer Risiken bleibt TSMC im Zentrum der globalen KI-Revolution. Seit Jahresbeginn ist der Aktienkurs in Taiwan um mehr als 38 Prozent gestiegen und liegt über 290 US-Dollar.

ASML sieht Schatten in China

Der niederländische Halbleiter-Ausrüster ASML veröffentlichte im dritten Quartal bessere Ergebnisse als erwartet und bestätigte stabile Einnahmen für 2026. Gleichzeitig warnte das Unternehmen vor einem „signifikanten“ Umsatzrückgang in China.

Q3 brachte einen Nettogewinn von 2,125 Milliarden Euro, leicht über den Analystenschätzungen von 2,11 Milliarden Euro. Der Umsatz betrug 7,516 Milliarden Euro. Für 2025 prognostiziert ASML ein Umsatzwachstum von rund 15 Prozent und eine Bruttomarge von etwa 52 Prozent. Im vierten Quartal werden 9,2 bis 9,8 Milliarden Euro Umsatz und 51 bis 53 Prozent Bruttomarge erwartet.

ASML betont weiterhin den starken Einfluss von KI auf die Auftragseingänge, deren Wert im Quartal bei 5,4 Milliarden Euro lag. CEO Christophe Fouquet warnte jedoch vor einer „signifikanten Abschwächung des chinesischen Marktes“ in 2025–2026.

ASML, das kürzlich das wertvollste börsennotierte Unternehmen Europas wurde, bleibt ein zentraler Anbieter von Technologieausrüstung. Geopolitische Entscheidungen, wie verschärfte US-Exportbeschränkungen für Chips nach China, wirken sich direkt auf das Unternehmen aus.

Analysten bewerten die Ergebnisse optimistisch. Morgan Stanley, UBS und Jefferies hoben die Aktienratings an, gestützt auf die Expansion von KI-Chipfabriken, steigende Nachfrage nach Halbleitern in China und höhere als erwartete Verkäufe von Smartphones und Computern.

Darüber hinaus profitiert ASML von der Übernahme von Nvidia und Intel sowie von einer Partnerschaft mit dem französischen KI-Unternehmen Mistral, die das Unternehmen näher an die KI-Welt bringen soll.

Ben Barringer von Quilter Cheviot sieht die Stabilisierung der Auftragseingänge in diesem Jahr als positives Signal und richtet den Blick auf 2027, wenn die Industrie möglicherweise erneut in eine Phase schnellen Wachstums eintritt.

Quantentechnologie bleibt im Fokus

Die seit dem letzten Jahr boomende Quantencomputer-Branche hält weiterhin Investoreninteresse. Impulse kommen unter anderem durch den diesjährigen Physik-Nobelpreis für John Clarke, Michel Devoret und John Martinis für Entdeckungen im Bereich der Quantenmechanik.

Ein weiterer Schub erfolgte durch die Ankündigung der US-Bank JPMorgan Chase, bis zu zehn Milliarden US-Dollar in Quantencomputing zu investieren.

Dieses Vorhaben ist Teil der „Security and Resiliency Initiative“, einer strategischen Initiative zur Stärkung von Wirtschaft und Technologie in den USA, die auch Lieferketten, fortschrittliche Fertigung, Verteidigungs- und Raumfahrtindustrie sowie Energietechnologien umfasst. CEO Jamie Dimon betonte, dass die USA zu stark von unzuverlässigen Quellen für kritische Mineralien und Produkte abhängig seien.

Nach Bekanntgabe der Investitionen stiegen die Aktien führender Quantenunternehmen wie Arqit Quantum, D-Wave Quantum, Rigetti Computing, IONQ und Quantum Computing sofort an.

Große Technologieunternehmen wie Google, Microsoft und Amazon investieren ebenfalls in das sogenannte „Gate-Model“-Quantencomputing, das komplexe Aufgaben lösen kann, die klassische Rechner überfordern. Auch IBM, Softbank und Alibaba zählen zu den größten privaten Investoren.

Quantencomputer von Rigetti und IONQ sind bereits über Amazon Braket, die Quantenplattform von AWS, zugänglich. Microsoft stellte im Februar seinen ersten Quantenchip „Majorana 1“ vor, während Google Ende 2024 mit dem Chip „Willow“ einen Durchbruch vermeldete.

Auswirkungen für Deutschland

Die Entwicklungen im Silicon Valley zeigen, dass KI und spezialisierte Halbleitertechnologien zentrale Treiber des globalen IT-Markts bleiben. Auch für Deutschland sind diese Trends relevant: Unternehmen, die frühzeitig in KI-Infrastruktur investieren, können Wettbewerbsvorteile sichern.

Gleichzeitig verdeutlichen geopolitische Spannungen und Lieferkettenrisiken die Notwendigkeit, in Deutschland eigene Kapazitäten für Halbleiterfertigung, KI-Entwicklung und Quantencomputing auszubauen, um internationale Abhängigkeiten zu reduzieren.

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