Wirtschaft

Ökonom fordert „Volkskapitalismus“, um Konzentration von Kapital durch Super-Reiche zu verhindern

Der Ökonom Branko Milanović sagt, dass weltweit eine bestimmte Oberschicht die Politik und Wirtschaft mehr als die Durchschnittsbürger beeinflusse. Einen Ausweg sieht er im sogenannten „Volkskapitalismus“.
26.04.2021 14:25
Lesezeit: 2 min
Ökonom fordert „Volkskapitalismus“, um Konzentration von Kapital durch Super-Reiche zu verhindern
Eine Karikatur einer US-Dollar-Note mit dem Abbild George Washingtons. (Foto: dpa) Foto: Fredrik von Erichsen

Der Ökonom Branko Milanović erkennt im Verlauf der Pandemie Ansätze einer Plutokratie („Herrschaft des Geldes“), die den liberalen Kapitalismus und die Demokratie hinwegfegen könnte. Am Ende stünde dann ein System, das dem chinesischen Kapitalismus gar nicht mehr so unähnlich wäre.

Milanović ist einer der weltweit führenden Ökonomen und beschäftigt sich seit langem mit dem Thema

Ungleichheit. Auch in seinem neuen, nun auf Deutsch erschienenem Buch „Kapitalismus global“ ist dies ein Schwerpunkt. Vor Jahren sorgte der serbisch-amerikanische Wirtschaftsexperte in einem Bericht für die Weltbank mit seiner „Elefanten-Grafik“ für Furore. Sie dokumentierte die Entwicklung der Einkommen seit den 1980er Jahren: In Ländern wie China und Indien konnte die Mittelschicht stark zulegen. Das Gleiche galt für das oberste Prozent in den alten Industrieländern. Doch in der Mittel- und Unterschicht in diesen Ländern stagnierten die Einkommen oder nahmen sogar ab.

Der Frust vieler Trump-Anhänger - und auch wütender Wähler anderer westlicher Staaten - hat also durchaus eine sehr reale Grundlage. Grund für die zunehmende Spreizung ist vor allem die Auseinanderentwicklung von Arbeitseinkommen und Kapitaleinkünften. Wer über Aktien und Immobilien verfügt, konnte sein Vermögen in den letzten Jahrzehnten enorm steigern, wer nur sein Arbeitseinkommen hat, tritt auf der Stelle. Die Aussicht, seine Situation zu verbessern, ist gering. Das Ergebnis ist, dass in den USA (als besonders extremes Beispiel) 90 Prozent des Finanzvermögens in der Hand der oberen zehn Prozent der Bevölkerung sind. Zwar kann man es durch ein sehr hohes Arbeitseinkommen immer noch schaffen, in diesen erlauchten Kreis aufzusteigen. Im Großen und Ganzen aber ist es eine mehr oder weniger geschlossene Gesellschaft. Im Gespräch mit der „Deutschen Welle“ sagt er: „Ungleichheit hat drei negative Hauptmerkmale: Die Reichen haben einen größeren Einfluss auf das politische System, es gibt eine Übertragung von Vorteilen auf die Kinder der Reichen und es gibt eine Verschwendung von Humanressourcen, was zu einer Herabsetzung der Wachstumsrate führt.“

Milanović zeichnet anhand zahlreicher Daten die Verfestigung einer Oberschicht nach, die an lang verflossene feudale Zeiten erinnert. Denn das wirklich Gravierende ist, dass Reichtum aber auch Armut quasi weitervererbt werden. Es gibt immer weniger Austausch und Durchlässigkeit zwischen den Schichten. Die Reichen sichern sich per Finanzkraft die besten Schulen und Universitäten, die wiederum ihren Absolventen später ein hohes Einkommen garantieren: Kinder aus sehr reichen Familien haben in den USA eine 60 Mal höhere Chance auf ein Studium an einer Elitehochschule als Kinder aus der Mittel- und Unterschicht.

Und Reiche sichern sich - etwa durch das umstrittene System fast unbegrenzter Wahlkampfspenden - enormen Einfluss auf die Politik. So wurde nachgewiesen, dass im US-Kongress besonders häufig über Anliegen debattiert und abgestimmt wurde, die vor allem den Reichen am Herzen liegen, weniger dagegen der Mittel- und Unterschicht (Steuersenkungen). Der „liberale meritokratische Kapitalismus“, wie Milanović ihn nennt, zu dem Rechtsstaatlichkeit und Partizipation der Bürger gehört, gerät dadurch in eine gefährliche Schieflage und wird am Ende vielleicht sogar abgeschafft, so die dpa.

Was also ist zu tun? Milanović spricht sich für eine Art „Volkskapitalismus“ oder „egalitären Kapitalismus“ aus: Einerseits hohe Erbschaftssteuern gegen die weitere Konzentration von Kapital, andererseits ein starker Sozialstaat mit einem leistungsfähigen öffentlichen Schul- und Gesundheitssystem, um das Zweiklassensystem aufzubrechen. Schließlich will er die privaten Zuwendungen für US-Wahlkampagnen stark reglementieren und so den Einfluss der Superreichen auf die Politik beschneiden. Ohne solche Eingriffe sorgten in der Regel „Kriege, Revolutionen und in einigen Fällen eine unerwartete Hyperinflation“ für eine Korrektur extremer Ungleichheit. Das zeige die Geschichte.

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