Finanzen

Wie groß ist die Gefahr einer starken Inflation?

Die Gefahr einer starken Inflation ist derzeit das große Thema in den Unternehmen. Denn vor dem Hintergrund der Corona-Krise ist es deutlich schwerer geworden, verlässliche Prognosen zu erhalten.
16.05.2021 10:56
Lesezeit: 3 min

Die Verbraucherpreise in Deutschland sind im April so stark gestiegen wie seit zwei Jahren nicht mehr. Waren und Dienstleistungen kosteten im Schnitt 2,0 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Energiepreise legten sogar um 7,9 Prozent zu. Ein Grund dafür ist die seit Jahresbeginn geltende CO2-Sondersteuer. Zudem haben die Weltmarktpreise für Öl angesichts der besseren Weltkonjunktur wieder angezogen. Nun sind 2 Prozent Inflation mit Blick auf vergangene Jahrzehnte sicherlich nicht viel. Doch zahlreiche Analysten erwarten derzeit einen starken Anstieg.

Viele Rohstoffpreise sind im letzten Jahr um mehr als 50 Prozent gestiegen, was zuletzt die Ängste vor einer kommenden Inflation geschürt hat. Denn höhere Rohstoffpreise können offensichtlich schnell in einen starken Anstieg der Verbraucherpreise umschlagen. Die Inflationsängste zeigen sich etwa in einer aktuellen Untersuchung der Bank of America, welche die letzten Vorstellungen der Finanzzahlen von S&P-500-Unternehmen untersucht hat. Demnach wurde in diesen Konferenzen neunmal so oft über Inflation gesprochen wie noch ein Jahr zuvor.

Der breit angelegte Rohstoffindex Refinitiv Commodity Total Return notiert derzeit rund 68 Prozent höher als vor einem Jahr. Die 19 Komponenten in dem Index sind Aluminium, Kakao, Kaffee, Kupfer, Mais, Baumwolle, Rohöl, Gold, Heizöl, Schweine, Rinder, Erdgas, Nickel, Orangensaft, Benzin, Silber, Sojabohnen, Zucker und Weizen. Der zuletzt starke Anstieg des Index (über 20 Prozent seit Jahresbeginn) könnte lediglich die Erholung vom Einbruch des Corona-Jahres sein, ähnlich wie nach dem Platzen der Dotcom-Blase und nach der großen Finanzkrise.

Möglicherweise sind die angeschlagenen Lieferketten ein Grund für die hohen Rohstoffpreise, so wie es sich derzeit zum Beispiel in weiten Teilen der Welt beim wichtigen Rohstoff Holz zeigt. Wer in Deutschland Holz kaufen will, dürfte es kaum bekommen, schrieb kürzlich DWN-Analyst Sebastian Becker. Zudem seien die Preise explodiert, und die Lage für die Holzzulieferer wird zunehmend prekär. Doch eine entscheidende Ursache sind wohl auch die extrem verstärkten Eingriffe der Notenbanken seit dem Ausbruch der Corona-Krise.

Mehr zum Thema: Insider: Rohstoffe sind erst in drei Monaten lieferbar, Lieferketten sind unterbrochen

Sicher ist, dass die Unternehmen wegen der höheren Rohstoffkosten ihre Preise erhöhen werden. Unklar ist, wie lange diese Phase der Inflation andauern wird. Denn zumindest ein Teil der höheren Rohstoffpreise lässt sich auf die massiven Verwerfungen infolge der Corona-Krise zurückführen. Und auch wenn es wohl noch länger dauert, bis im globalen Handel wieder Normalität einkehrt, so ist das Problem doch lösbar. Sobald die Produktion wieder läuft und die Lieferketten wieder halten, so sind offensichtlich auch wieder mehr Rohstoffe lieferbar - und die Preise fallen.

Tatsächlich scheint es, dass der Preisanstieg bei Rohstoffen derzeit nicht von einer stärkeren Nachfrage getrieben wird. Denn dann hätte der Welthandel weit über sein früheres Niveau hinaus ansteigen müssen. Zwar hat der Welthandel wieder das Niveau von vor Corona erreicht. Doch es gibt weiterhin eine gewisse Flaute. Daher scheint es verfrüht, von dem zuletzt starken Anstieg der Rohstoffpreise auf einen dauerhaften Anstieg der Inflation zu schließen.

Bislang hat der Markt das Risiko einer längerfristigen Inflation gut verkraftet. Eine höhere Inflation sollte die Zinsen nach oben bringen, sodass der Kurs der bestehenden Anleihen fällt. Doch die Notenbank drücken die Zinsen weiter mit aller Macht nach unten, und es ist unwahrscheinlich, dass sie in absehbarer Zukunft zu einer strafferen Geldpolitik zurückkehren werden. Die Verschuldung von Staaten und Unternehmen ist einfach zu hoch, als dass die Zentralbanken einen signifikanten Anstieg der Zinsen riskieren würden.

Viele Analysten berufen sich in ihren Prognosen, es werde eine starke Inflation oder gar eine Hyperinflation geben, auf den beispiellosen Anstieg der Geldmenge im vergangenen Jahr. "Die etwa 25-prozentige Ausweitung der M2-Geldmenge im Jahr 2020 ist in etwa doppelt so stark wie jene Anstiege zu Anfang und in der Mitte der 1970er Jahre (10 bis 13 Prozent), welche rückblickend zu einer Phase hoher Inflation in den USA führten", schrieb kürzlich der DWN-Finanzexperte Nicolas Dvorak.

Auch die M2-Geldmenge an Euro ist im letzten Jahr immerhin um 11 Prozent gestiegen, sodass Analysten auch in der Eurozone eine starke Inflation vorhersagen. Doch tatsächlich zeigen die Daten kaum einen Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflationsrate. Der Grund dafür ist, dass das neu geschaffene Geld die Nachfrage nach Konsumgütern kaum erhöht hat, sondern stattdessen die Nachfrage nach Vermögenswerten wie zum Beispiel nach Wertpapieren oder Immobilien, deren Preise in der Folge tatsächlich stark gestiegen sind.

Entscheidend im Hinblick auf eine mögliche stärkere Inflation ist aber auch, über wie viel Geld die Konsumenten verfügen und wie viel davon sie bereit sind auszugeben. Die Sparquoten sind im letzten Jahr weltweit stark gestiegen, vor allem in den USA, aber auch in Europa. Deutschland verzeichnete zuletzt eine "überaus hohe Sparquote" von 16 Prozent, so die GfK-Marktforscher. Dies könnte bedeuten, dass die Konsumenten das Geld in naher oder in ferner Zukunft ausgeben werden, und sie haben nach den Lockdowns möglicherweise einigen Nachholbedarf.

Sobald bei den Verbrauchern das nötige Geld vorhanden ist und die Bereitschaft zum Konsum einsetzt, führt dieser Anstieg der Nachfrage nach verschiedenen Waren und Dienstleistungen offensichtlich zu einem Anstieg der Inflationsrate. Doch selbst wenn die Verbraucher über Geld verfügen, so könnten sie es sparen oder wenn nötig damit ihre Schulden zurückzahlen. Lockdowns, Kontaktsperren, Reiseverbote und Zukunftssorgen zügeln den Konsum und halten daher auch die inflationären Kräfte in Schach, zumindest vorerst.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen DeFi-Hashing nutzt die Rechenleistung künstlicher Intelligenz, um das Vermögen der Nutzer zu mehren.

Major economies are actively promoting the establishment of a unified capital market regulatory framework and plan to strengthen the...

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

DWN
Finanzen
Finanzen Deutsche Bank-Analyse: S&P 500 wird zur Milliardenfalle für sorglose Anleger
05.06.2026

Der S&P 500 rennt von Rekord zu Rekord, doch ausgerechnet die Deutsche Bank sieht darin ein Warnsignal. Der rasante Anstieg erinnert an...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Astrolight: Laser statt Funk für Militär und Weltraum
05.06.2026

Klingt nach "Star Wars": Das litauische Start-up Astrolight entwickelt Lasertechnologie für den Weltraum, die sich aber auch auf der Erde...

DWN
Finanzen
Finanzen Anthropic-IPO: Der KI-Boom bekommt seinen Börsentest
05.06.2026

Erst kam ChatGPT, jetzt drängt Claude an die Börse. Das Anthropic IPO könnte zeigen, ob der KI-Boom wirklich tragfähig ist oder Anleger...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gegenwind für den Standort: Bund verteidigt Kurs nach Pharma-Investitionsstopps
05.06.2026

Nachdem große Pharmakonzerne angekündigt haben, geplante Milliardeninvestitionen in Deutschland auf Eis zu legen, bezieht die...

DWN
Politik
Politik "Ein reines Belastungspaket": Scharfe Kritik an Warkens Pflegereform - "erschüttert und wütend"
05.06.2026

Für die Pflegeversicherung liegt jetzt ein Sanierungskonzept vor, das den Alltag für viele teurer macht. Nun erhält Warken starken...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EY-Analyse: Deutsche Autobauer verlieren Umsatz und hinken hinterher
05.06.2026

Fehlstart ins Jahr: Während die internationale Konkurrenz beim Umsatz zulegen kann, verlieren Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW deutlich...

DWN
Politik
Politik Rentenreform: Abschaffung der Frührente würde Milliarden sparen
05.06.2026

Kommt das Aus für die Frührente? 9,5 Milliarden Euro an Einsparungen, 125.000 erhaltene Arbeitskräfte: Das Forschungsinstitut DIW nennt...

DWN
Politik
Politik Milliarden-Spritze: Neue Finanzhilfen für die ukrainische Wirtschaft
05.06.2026

Russlands Angriffe treffen auch die Unternehmen der Ukraine hart. Ein neues Hilfsprogramm von EU und EBRD steuert nun mit Garantien und...