Deutschland

Ifo-Institut: Elektro-Offensive vernichtet jede dritte Stelle in der deutschen Automobilindustrie

Etwa jeder dritte Arbeitsplatz wird hierzulande durch den von der Politik vorangetriebenen Feldzug gegen Benziner und Diesel-Autos verschwinden. Den gegenwärtigen „Überbietungswettbewerb“ beim Thema Klima könne er sich nur mit dem Wahlkampf erklären, sagt Ifo-Chef Fuest.
07.05.2021 14:56
Aktualisiert: 07.05.2021 14:56
Lesezeit: 2 min
Ifo-Institut: Elektro-Offensive vernichtet jede dritte Stelle in der deutschen Automobilindustrie
Autoproduktion bei Daimler. (Foto: dpa) Foto: -

Rund 613 000 Arbeitsplätze in Deutschland hängen nach einer Studie des Ifo-Instituts am Bau von Benzin- und Dieselautos. Mit dem Hochlauf der Elektromobilität stünden 2025 "zwischen 29 Prozent und 36 Prozent der betroffenen Beschäftigten zur Disposition", also bis zu 221 000 Beschäftigte, heißt es in einer am Donnerstag veröffentlichten Ifo-Studie im Auftrag des Verbands der Automobilindustrie (VDA).

Auch wenn etwa 86 000 der potenziell Betroffenen bis dahin in Rente gehen könnten, bleibe eine große Lücke: Annähernd 100 000 Menschen müssten bald eine neue Beschäftigung finden, sagte Studienleiter Professor Oliver Falck. Umschulungen und Fortbildung könnten den Rückgang abfedern. Aber ob Batteriezellen und andere Produkte künftig in Deutschland oder anderswo gefertigt werden, sei offen. Zur Stellenentwicklung unter dem Strich "würde ich keine Prognose wagen", sagte Falck.

Ifo-Präsident Clemens Fuest sagte, es gehe um "Menschen, die für eine bestimmte Tätigkeit spezialisiert sind" und bisher meist gut verdienten. "Der einzelne Mensch ist nicht so einfach von A nach B zu versetzen", sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller.

Konzerne könnten auch ausgelagerte Produktionsprozesse wieder zurück ins Unternehmen holen, sagte Falck. Aber das ginge dann auch zulasten von Zulieferern, die Teile für E-Autos entwickeln und herstellen. Kleine, auf wenige Produkte spezialisierte Betriebe könnten nicht mehr nachgefragte Teile oft gar nicht mehr durch andere Produkte ersetzen.

Schon jetzt werden Arbeitsplätze abgebaut

"Vor allem für die mittelständisch geprägte Zuliefererbranche ist der Übergang zur Elektromobilität eine große Herausforderung", sagte Fuest. 2019 lag der Produktionswert aller direkt vom Verbrenner abhängigen Produkte bei 149 Milliarden Euro. Aber E-Autos brauchen keine Motorblöcke, Zylinderköpfe, Kolben, Kraftstoffpumpen, Zündkerzen, Auspufftöpfe und Katalysatoren mehr. Auch Bremsen- und Kupplungshersteller sind betroffen, weil der Verschleiß geringer ist.

Forschung, Entwicklung und der Aufbau neuer Kapazitäten für E-Autos und Digitalisierung haben die Beschäftigung in der Autobranche bislang gestützt. Inzwischen haben die Autobauer und Zulieferer begonnen, Stellen abzubauen. "Eine zentrale Frage in den kommenden Jahren" ist für die Ifo-Forscher, ob der Abbau paralleler Strukturen für Verbrenner- und Elektro-Autos und eine geringere Wertschöpfung etwa bei der Fertigung von Batterien weitere Stellen kostet.

Bis 2030 seien zwischen 215 000 und 289 000 Arbeitsplätze von der Transformation betroffen - "und dies schon auf der Basis der bisherigen Klimaschutzgesetze", erklärten die ifo-Forscher.

Fuest kritisiert Überbietungswettbewerb

Fuest und Müller kritisierten, dass die Bundesregierung die Klimaziele jetzt "über Nacht" und "im nationalen Alleingang" verschärfe, ohne europäische Abstimmung.

Deutschland soll nach den neuen Plänen 2030 bereits 65 Prozent weniger CO2 ausstoßen und 2045 vollkommen „klimaneutral“ sein. Statt für stabile Rahmenbedingungen sorge das für neue Verunsicherung, klagte Fuest. Diesen "Überbietungswettbewerb" könne er sich "nur mit dem Wahlkampf erklären". Die Unternehmen bräuchten für die Transformation und die Umschulung von Beschäftigten Planungssicherheit, betonte Müller.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Teure Energie dämpft Konsumlust: Sparneigung der Deutschen zieht spürbar an
25.09.2026

Angesichts hoher Energiekosten zeigen sich die Bürger in Deutschland beim Geldausgeben wieder deutlich zurückhaltender. Nach...

DWN
Politik
Politik Einheit ohne Gleichstellung: Die Linke fordert Bürgerrat zur Überwindung der Ost-West-Kluft
25.09.2026

Selbst 36 Jahre nach der Wiedervereinigung hinken die östlichen Bundesländer bei Gehältern und Vermögen hinterher. Da sich die...

DWN
Technologie
Technologie Unbemerkte Aufnahmen im Alltag: Steht Smart Glasses ein Verbot bevor?
25.09.2026

Das heimliche Filmen anderer Personen in der Öffentlichkeit gelingt mit Smart Glasses noch unauffälliger als mit dem Smartphone. Dies...

DWN
Politik
Politik Chinas Einfluss in Russland: Putin droht der Kontrollverlust im Osten
25.09.2026

Während Putin und Xi demonstrativ Nähe zeigen, verschiebt sich im russischen Fernen Osten das Kräfteverhältnis. Chinesisches Kapital,...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: US-Aktien schließen uneinheitlich, während sich die Rendite 10-jähriger Anleihen 5,2 Prozent nähert
24.09.2026

Erfahren Sie, welche Kräfte die Wall Street aktuell in Atem halten und was das für Ihre Anlagen bedeutet.

DWN
Politik
Politik Debatte im Bundestag: Neuer Anlauf für umstrittene Widerspruchsregelung bei Organspenden
24.09.2026

Tausende schwerkranke Patienten warten dringend auf ein Spenderorgan wie eine Niere oder eine Leber. Um die Zahl der Transplantationen zu...

DWN
Politik
Politik Tiefe Gräben beim Staatsvertrauen: Wie die Bürger das politische System bewerten
24.09.2026

Während eine breite Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland nach wie vor auf die Qualität der Demokratie vertraut, offenbart eine neue...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Audi China-Modelle: Diese Elektroautos will Audi in Deutschland stoppen
24.09.2026

Audi entwickelt Elektroautos eigens für China, doch plötzlich stehen sie bei Händlern in Deutschland. Was wie ein Erfolg der eigenen...