Deutschland

Deutsche Spediteure verzichten wegen Brexit auf Großbritannien-Geschäft

In letzter Minute hatten sich Großbritannien und die EU noch auf einen Brexit-Handelsvertrag geeinigt. Die Wirtschaft atmete auf. Doch gut ein halbes Jahr später gibt es noch erhebliche Probleme - mit Folgen.
12.07.2021 14:57
Lesezeit: 2 min
Deutsche Spediteure verzichten wegen Brexit auf Großbritannien-Geschäft
Die Dokumente eines Lastwagenfahrers werden von Eurotunnel-Mitarbeitern kontrolliert, als der Lkw den Check-in für den Zug durch den Eurotunnel zum europäsichen Festland passiert. (Foto: dpa) Foto: Frank Augstein

Wegen der neuen Zollvorgaben verzichten viele Spediteure seit dem Brexit auf das Geschäft mit Großbritannien. Nur Unternehmen mit jahrelanger Expertise würden noch fahren, sagte Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), der Deutschen Presse-Agentur. „Transportlogistikunternehmen, die nicht regelmäßig Ziele im Vereinigten Königreich ansteuern und ihre Expertise eher im Intra-EU-Bereich sehen, scheuen den zusätzlichen Aufwand und die Risiken für Transporte nach und aus dem neuen Drittland.“

Großbritannien ist zum 1. Januar 2021 auch aus der EU-Zollunion und dem Binnenmarkt ausgetreten. Zwar gelang in letzter Minute noch die Einigung auf ein Handelsabkommen. Dennoch werden für viele Waren nun Zölle fällig, der bürokratische Aufwand etwa bei der Warenanmeldung oder wegen Arbeitsvisa für Fahrer ist deutlich gestiegen.

Die komplexe neue Vorschriftslage mache Großbritannien als „Gelegenheitsziel“ unattraktiv, sagte Engelhardt. Die Konsequenzen würde vor allem das Vereinigte Königreich zu spüren bekommen. Der BGL-Chef forderte sogenannte green lanes („Grüne Fahrbahnen“) zwischen der EU und Großbritannien, um schnellen und freien Warenverkehr zu ermöglichen.

Auch der Bundesverband Spedition und Logistik (DSLV) berichtet von Problemen im Lieferverkehr mit Großbritannien. So fehle in Deutschland und anderen EU-Staaten sowie im Vereinigten Königreich weiterhin qualifiziertes Personal für die Zollabwicklung von Sendungen, teilte der Branchenverband der dpa mit. Zwar hätten sich die Zollprozesse soweit eingespielt. Akut bereite der drastische Anstieg unerledigter Ausfuhrverfahren aber Probleme.

Viele Lastwagen gelangten unkontrolliert und damit ohne Erhalt einer Ausgangsbestätigung nach Großbritannien, sagte Jutta Knell, stellvertretende DSLV-Hauptgeschäftsführerin. Folge: Deutschen Exporteuren fehlt der zoll- und umsatzsteuerliche Nachweis über die Ausfuhr. Zudem hake es beim Export über Frankreich. Grund seien technische Defizite und fehlerhafte Anwendungen des dortigen IT-Verfahrens. „Als Konsequenz erwägen deutsche Logistiker bereits die Verlagerung ihrer Verkehre über niederländische Häfen, da die dortige Exportabwicklung nicht so fehleranfällig ist“, sagte Knell.

In Großbritannien haben der Brexit und die Corona-Pandemie die Lage deutlich erschwert. Dort fehlen nach Branchenangaben bis zu 100.000 Lastwagenfahrer, etwa weil Arbeitskräften aus Osteuropa seit dem Brexit die Visa zu teuer sind. Als erste Maßnahme hat die britische Regierung die Ruhezeiten gelockert - trotz scharfer Kritik der Branche. Die Regelung erhöhe lediglich den Druck auf die Fahrer, bringe aber nicht mehr Arbeitskräfte, sagte auch BGL-Chef Engelhardt.

Den europäischen Spediteuren kommt die Brexit-Lücke in Großbritannien aber nicht zugute. „Der grassierende Lkw-Fahrermangel hat ganz Europa fest im Griff“, sagte Engelhardt. Der BGL geht allein in Deutschland von 45.000 bis 60.000 fehlenden Fahrern aus. 30.000 Lkw-Fahrer gingen pro Jahr in den Ruhestand, doch wurden zuletzt nur 15.000 bis 20.000 Lkw-Führerscheine jährlich neu erworben. Die Lücke dürfte daher größer werden, sagte Engelhardt. Wenn nicht bald gegen den Mangel vorgegangen werde, drohe ein Versorgungskollaps.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Politik
Politik Pflegeversicherung unter Druck: Linnemann schließt Leistungskürzungen nicht aus
29.10.2026

Millionen Menschen in Deutschland sind auf Pflege angewiesen, gleichzeitig steigen die Kosten immer weiter. Gesundheitsminister Carsten...

DWN
Finanzen
Finanzen VW-Aktie im Fokus: Milliardenverlust bei VW – es läuft noch schlechter als gedacht
29.10.2026

Die VW-Aktie hat am Donnerstag im frühen Börsenhandel im Minus tendiert, weil es beim Autobauer noch schlechter läuft als gedacht....

DWN
Politik
Politik Haushaltskrise der Länder: Kommunale Schulden steigen um fast zehn Prozent
29.10.2026

4.907 Euro je Einwohner: Die Verschuldung der Kommunen ist im vergangenen Jahr weiter gewachsen. Dabei fällt die Belastung regional sehr...

DWN
Finanzen
Finanzen Europäische Banken: Höhere Zinsen dämpfen bereits die Kreditnachfrage
29.10.2026

Vor ihrer Zinssitzung veröffentlichte die EZB einen Bericht über den Stand der Kreditvergabe der Banken. Daraus geht hervor, dass ihre...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bestattungshandwerk: Warum das Geschäft mit dem Tod wächst
29.10.2026

Rund eine Million Menschen starben 2024 in Deutschland – neun Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Davon profitiert das Bestattungshandwerk...

DWN
Panorama
Panorama Paul Klassen im Porträt: Vom Schweinestall zu Millionen auf dem Konto
29.10.2026

Paul Klassen baut Luxusautos für Kunden, denen selbst Rolls-Royce nicht exklusiv genug ist. Seine Fahrzeuge werden verlängert, gepanzert...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Wall Street schließt im Plus – Fed lässt Leitzinsen unverändert
28.10.2026

Bewegte Märkte an der Wall Street: Welche Faktoren die aktuellen Börsenkurse steuern und was Anleger jetzt wissen müssen.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Das ist Russlands neuer Albtraum
28.10.2026

Das deutsche Verteidigungsunternehmen Helsing bringt zwei neue Luftabwehrraketen und ein KI-gestütztes Abwehrsystem auf den Markt. Ziel...