Finanzen

Bundesbank-Chef Weidmann erwartet Inflationsrate von 5 Prozent

Die Kritik von Jens Weidmann im EZB-Rat an der inflationären Geldpolitik der Notenbank ist verhallt. Daher erwartet der Bundesbank-Präsident nun bereits dieses Jahr Inflationsraten nahe 5 Prozent.
24.07.2021 08:47
Aktualisiert: 24.07.2021 08:47
Lesezeit: 3 min

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat die Beschlüsse der Europäischen Zentralbank (EZB) zum geldpolitischen Ausblick auf der Zinssitzung am Donnerstag nicht mitgetragen. Ihm sei "die potenziell zu lange Fortschreibung des Niedrigzinsumfelds zu weitgehend", sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Grundsätzlich herrsche im EZB-Rat aber Einigkeit, dass eine expansive Geldpolitik zur Zeit angemessen sei, so der Bundesbank-Präsident. Weidmanns Ratskollege Pierre Wunsch, der Belgiens Notenbank leitet, hatte den Ausblick ebenfalls abgelehnt. Auch aus seiner Sicht legt sich die EZB damit vorab zu stark fest.

Mehr zum Thema: Deutscher Widerstand innerhalb der EZB findet kaum Verbündete

Die Anpassung des Zinsausblicks war notwendig geworden, nachdem sich die Euro-Wächter vor zwei Wochen im Zuge ihres Strategiechecks ein neues Inflationsziel gesetzt hatten. Die EZB strebt nun mittelfristig zwei Prozent Teuerung an. Bislang hatte das Ziel auf knapp unter zwei Prozent gelautet. Die Euro-Wächter wollen unter anderem nun ihre Leitzinsen solange auf dem aktuellen oder einem noch tieferen Niveau halten, bis zu sehen ist, dass die Inflation zwei Prozent erreicht und dann erst einmal so bleibt.

Weidmann äußerte sich in dem Interview auch zur Entwicklung der Inflationsrate. Er rechnet mit einem starken Anstieg der Teuerung in der nächsten Zeit. "Meine Fachleute erwarten etwa für Deutschland zum Jahresende 2021 Raten, die in Richtung fünf Prozent gehen könnten", sagte er. Dabei seien aber vor allem vorübergehende Effekte am Werk. Längerfristig müsse man die unterschiedlichen Faktoren dennoch "genau im Auge behalten".

Für den gesamten Euro-Raum geht die EZB bislang für dieses Jahr von einer Inflationsrate von 1,9 Prozent aus. Sie erwartet zudem in den nächsten Monaten weiter anziehende Preise. Für das nächste Jahr rechnet sie bislang allerdings mit einer wieder schwächeren Rate von 1,5 Prozent gefolgt von 1,4 Prozent im Jahr 2023.

Hintergrund: Starke Differenzen im EZB-Rat auf jüngster Ratssitzung

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat Insidern zufolge in dieser Woche die bislang gravierendsten Differenzen unter den Währungshütern in ihrer Amtszeit kitten müssen. Ihr diplomatisches Rezept waren Kompromisse, Überzeugungsarbeit, Zeitdruck - und auch ein wenig deutsche Hilfe, wie sechs mit den Diskussionen vertraute Personen sagten. "Ich denke, Lagarde hat es gut gemacht", lobte eine von ihnen den Umgang der Präsidentin mit den Differenzen. Von den 25 Mitgliedern des EZB-Rats blieben am Ende mit Belgiens Notenbank-Chef Pierre Wunsch und Bundesbankchef Jens Weidmann nach Angaben der Insider noch zwei Ausscherer übrig. Dieses Ergebnis verdecke allerdings weiter bestehende, tiefe Unterschiede zwischen den Ansichten der Euro-Wächter.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte am Donnerstag auf ihrer Ratssitzung einen neuen Zinsausblick beschlossen. Dieser signalisiert den Finanzmärkten nun im Kern für die nächsten Jahre unveränderte oder sogar noch tiefere Leitzinsen. Die Neufassung war notwendig geworden, weil sich die EZB nach einem 18-monatigen Strategiecheck vor kurzem ein neues Inflationsziel von zwei Prozent gesetzt hatte. Entsprechend musste der Ausblick an die neuen Leitlinien angepasst werden.

EINE UNGEWÖHNLICHE SITUATION

Der ursprüngliche Vorschlag zur Neufassung sei bei fast der Hälfte der Währungshüter auf Einwände und Vorbehalte gestoßen, sagten mehrere mit den Diskussionen vertraute Personen. Es waren einige Entwurfsrunden nötig, um schließlich die meisten Kritiker an Board zu holen. "Der erste Vorschlag hätte zwar immer noch eine Mehrheit erhalten, aber nur knapp," sagte einer der Insider. "Das ist weit vom Konsens entfernt."

Für die Währungshüter war das eine ungewöhnliche Situation. Denn Vorschläge des Direktoriums werden selten auf einer Ratssitzung noch abgeändert. Zudem stand der geldpolitische Ausblick bereits Wochen vor der Zinssitzung zur Diskussion. Einige Änderungen waren daher bereits vorgenommen worden. Ein EZB-Sprecher lehnte eine Stellungnahme zu den Informationen ab.

Mehr zum Thema: EZB zementiert ihre expansive Politik: Null- und Minuszinsen bleiben auf unabsehbare Zeit bestehen

Den letzten größeren Konflikt im EZB-Rat hatte es im September 2019 gegeben - auf der vorletzten Zinssitzung in der Amtszeit von Lagardes Vorgänger Mario Draghi. Der EZB-Rat beschloss damals wegen der Konjunkturschwäche ein großes Maßnahmenpaket zur Stützung der Wirtschaft, wozu auch die Wiederaufnahme der billionschweren Anleihenkäufe zählte. Damals war rund ein Drittel der Euro-Wächter ausgeschert und hatte den Neustart der Käufe abgelehnt.

WEITERE SCHWIERIGE DISKUSSIONEN ERWARTET

Ganz so heftig war der Widerstand wohl diesmal nicht. "Das ist sicherlich nicht in der Größenordnung des Septembers 2019, aber es ist ein Signal, dass die Diskussionen über die Anleihenkäufe im späteren Jahresverlauf sehr, sehr schwierig werden", sagte einer der mit den Diskussionen vertrauten Personen. Den Informationen zufolge konnte Lagarde durch Änderungen am Text mehrere Währungshüter zurückgewinnen. Unter anderem sei eine Passage gestrichen worden, in dem eine Inflation von "mindestens zwei Prozent" erwähnt worden sei. Diese Formulierung habe Befürchtungen ausgelöst, die Notenbank wolle bewusst darauf abzielen, ihr Inflationsziel zu übertreffen.

Den Informationen zufolge zählte die deutsche Notenbank-Direktorin Isabel Schnabel anfänglich noch zu den Skeptikern. Nach einer weiteren Entwurfsrunde habe sie aber dem Vorschlag zugestimmt. Das wiederum habe andere Währungshüter dazu bewegt, sich der Mehrheit anzuschließen und ihre ablehnende Haltung aufzugeben, sagten drei der Insider. "Glaubwürdigkeit war auch ein Thema hierbei", sagte einer der Insider. "Wenn man immer nur 'nein' sagt von Entwurf zu Entwurf, werden einen die Leute nicht ernst nehmen, daher, denke ich, haben ein paar schließlich eingelenkt."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Neue deutsch emiratische Investitionen stärken Dubais Standortrolle

Die Zeiten, in denen eine Firma vor allem am eigenen Standort und nur begrenzt darüber hinaus florieren wollte, sind vorbei. Heute sind...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Aus einem Hobby wird ein Unternehmen: Sie hatte eine Idee, er musste seinen Job kündigen
18.09.2026

Aurelija Mališauskienė, Gründerin des Unternehmens „Minimali“, begann während ihres Elternurlaubs mit der Herstellung von...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeitsmarkttrend „Boomerang Hiring“ – erst gekündigt, dann zurückgeholt
18.09.2026

Die Wiedereinstellung ehemaliger Arbeitnehmer wird auch in Deutschland zum wachsenden Trend auf dem Arbeitsmarkt: Wie Arbeitgeber mit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Benzinpreis aktuell: Warum Tanken trotz billigerem Öl Rekorde bricht
18.09.2026

Rohöl kostet weniger als auf dem Höhepunkt der Energiekrise 2022, der Euro steht stärker zum Dollar. Trotzdem zahlen Autofahrer in...

DWN
Politik
Politik UN-Generalversammlung: Deutschland reist ohne Merz nach New York
18.09.2026

Bundeskanzler Friedrich Merz sagt seine Reise zur UN-Generalversammlung wegen der innenpolitischen Lage ab. Die Bundesregierung betont...

DWN
Politik
Politik CO2-Speicherung unter der Nordsee: Dänemark startet Regelbetrieb
18.09.2026

Dänemark macht bei der unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid den nächsten Schritt. Das Projekt „Greensand“ wechselt vom...

DWN
Politik
Politik Übergewinnsteuer für Ölkonzerne: EU-Kommission bremst Klingbeil
18.09.2026

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil drängt auf eine europäische Übergewinnsteuer für Mineralölkonzerne. Doch aus Brüssel kommt...

DWN
Politik
Politik Ukraine-Hilfe: Merz fordert mehr Geld von EU-Partnern
18.09.2026

Bundeskanzler Friedrich Merz erhöht den Druck auf andere EU-Staaten, ihre Unterstützung für die Ukraine deutlich auszuweiten. Gemeinsam...

DWN
Politik
Politik Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern: Knappe Rennen setzen CDU unter Druck
18.09.2026

Kurz vor den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern spitzt sich der Kampf um die Spitzenplätze zu. Während in beiden Bundesländern...