Deutschland

Deutsche Wirtschaft wächst wieder, Staatsdefizit aber auch

Kauffreudige Verbraucher und staatliche Hilfen haben der deutschen Wirtschaft nach dem Corona-Lockdown im Frühjahr zu Wachstum verholfen.
24.08.2021 12:06
Aktualisiert: 24.08.2021 12:06
Lesezeit: 2 min
Deutsche Wirtschaft wächst wieder, Staatsdefizit aber auch
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Gespräch mit Olaf Scholz (l, SPD), Bundesminister der Finanzen, im Bundestag nach ihrer Regierungserklärung zur Corona-Pandemie und zum Europäischen Rat. (Foto: dpa) Foto: Kay Nietfeld

Kauffreudige Verbraucher und staatliche Hilfen haben der deutschen Wirtschaft nach dem Corona-Lockdown im Frühjahr zu Wachstum verholfen. Das Bruttoinlandsprodukt stieg von April bis Juni um 1,6 Prozent zum Vorquartal und damit einen Tick mehr als bisher gedacht, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Zunächst hatte es ein Plus von 1,5 Prozent gemeldet, nachdem die Wirtschaft im ersten Quartal noch um 2,0 Prozent geschrumpft war. „Der Aufschwung hat Tritt gefasst“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Das hat allerdings seinen Preis: Steigende Ausgaben im Kampf gegen die Corona-Krise - etwa für Überbrückungshilfen an Unternehmen und für Impfstoffe - ließen das Staatsdefizit in der ersten Jahreshälfte auf 81 Milliarden Euro anschwellen. Ein größeres Minus gab es seit der Wiedervereinigung nur im ersten Halbjahr 1995, als die Treuhandschulden in den Staatshaushalt übernommen wurden.

„Es gibt keinen Grund zur Schuldenpanik“, sagte der Wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien. „Die Ausgaben werden sich absehbar wieder normalisieren, bei den Einnahmen hat bereits die Trendwende eingesetzt.“ Im internationalen Vergleich ist das Defizit vergleichsweise klein. Es machte in der ersten Jahreshälfte 4,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus. „Damit steht Deutschland weiterhin wesentlich besser da als viele andere Länder der entwickelten Welt“, sagte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding. „So rechnen wir für die USA in diesem Jahr mit einem Fehlbetrag von 14 Prozent und für Großbritannien von neun Prozent.“

Die Bundesbank sagt für 2022 einen deutlichen Rückgang der deutschen Defizitquote auf etwa 1,5 Prozent voraus - vorausgesetzt, die künftige Bundesregierung hält am aktuellen Kurs weitgehend fest. „Bei fortgesetzter Wirtschaftserholung können coronabedingte Ausgaben wie staatliche Überbrückungshilfen an Unternehmen auslaufen“, erklärte die Bundesbank in ihrem Monatsbericht. Zudem dürften Steuern und Sozialbeiträge kräftiger fließen. „Die Staatsfinanzen erholen sich insoweit automatisch“, so die Bundesbank.

Für konjunkturellen Schwung sorgten im Frühjahr vor allem die privaten Haushalte, die 3,2 Prozent mehr ausgaben als zuletzt. Der Staatskonsum kletterte um 1,8 Prozent. Der Außenhandel allerdings bremste die Wirtschaft, weil die Exporte mit 0,5 Prozent schwächer zulegten als die Importe mit 2,1 Prozent. Während vor allem die Dienstleister nach den monatelangen Einschränkungen wegen der Pandemie Morgenluft schnuppern, könnte es bei der Industrie trotz guter Aufträge oft noch besser laufen. Denn vielen Firmen machen die Lieferengpässe bei wichtigen Vormaterialien wie Mikrochips zu schaffen. Laut Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) klagen derzeit 83 Prozent der Unternehmen über Preisanstiege oder Lieferprobleme bei Rohstoffen, Vorprodukten und Waren.

„Wir gehen nach wie vor davon aus, dass die deutsche Wirtschaft noch vor Jahresende das Vorkrisenniveau erreichen wird“, sagte ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski dazu. „Um dies wirklich zu erreichen, dürfen die derzeitigen Verwerfungen in der Lieferkette jedoch nicht zu lange andauern.“ Risiken für den Aufschwung drohen auch von anderer Seite. „Sorgen für die deutsche Konjunktur bereiten das nachlassende Impftempo und die Ausbreitung der Delta-Variante, wodurch die Infektionszahlen seit Juli wieder schnell und kontinuierlich steigen“, sagte KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib. Nach Ende der Schulferien könnte sich die Lage im Herbst verschlechtern. „Angesichts der Eingrenzbarkeit von Infektionsrisiken mit Masken, Tests und vor allem Impfungen sind pauschale Schließungen, etwa im Handel oder Gastgewerbe, allerdings inzwischen eher unwahrscheinlich.“

Die Wirtschaftsleistung lag trotz Aufholjagd zur Jahresmitte noch unter Vorkrisenniveau - also um 3,3 unter dem Wert von Ende 2019. Die Bundesbank geht davon aus, dass die Wirtschaft im laufenden Sommerquartal nochmals stärker wächst als im Frühjahr. Es bleibe abzuwarten, ob sie ihr Vorkrisenniveau im Sommer wieder erreiche oder erst im Herbst. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für Deutschland in diesem Jahr 3,6 Prozent Wachstum und für 2022 sogar plus 4,1 Prozent. Im Rezessionsjahr 2020 war das BIP wegen der Corona-Krise noch um knapp fünf Prozent eingebrochen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft VW ID. Buzz im Test: Übernachten im Elektroauto wird zum Geduldsspiel
19.10.2026

Im Elektroauto schlafen, morgens Kaffee kochen und dabei unabhängig vom Campingplatz bleiben. Der neue Campingmodus des VW ID. Buzz soll...

DWN
Finanzen
Finanzen Was wäre, wenn ich statt des S&P 500 einfach seine Mutter kaufen würde?
19.10.2026

Ohne das Unternehmen S&P Global könnten die Finanzmärkte nur schwer funktionieren. Der Aktienkurs ist in diesem Jahr jedoch auf ein...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin und Co.: Sparkassen starten schrittweise Kryptohandel
19.10.2026

Der Wettbewerb im Kryptohandel nimmt zu: Nun wollen auch die Sparkassen mit einem eigenen Angebot Privatkunden ansprechen. Sie rollen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Anthropic: Milliardenverluste, Millionengehälter und ein gigantischer Börsenplan
19.10.2026

18 Millionen Dollar Vergütung für den Chef, fast 42 Milliarden Dollar Verlust für das Unternehmen: Beim KI-Entwickler Anthropic liegen...

DWN
Politik
Politik Heil statt Klingbeil? Ex-Arbeitsminister schließt Kandidatur für SPD-Vorsitz nicht aus
19.10.2026

Bekommt Lars Klingbeil jetzt Konkurrenz? Ex-Arbeitsminister Hubertus Heil bekommt nach eigenen Worten aus der SPD viele Ermutigungen, für...

DWN
Finanzen
Finanzen Wölfe der Wall Street: Generationenkaufgelegenheit? Weniger Technologie, mehr Gesundheit
19.10.2026

Der S&P 500 verzeichnet zwar ein Plus von zwölf Prozent, doch unter der Oberfläche zeichnet sich ein weitaus schwächeres Bild ab. Der...

DWN
Politik
Politik Steuerzinsen 2027: Nachzahlungen sollen doppelt verzinst werden
19.10.2026

100.000 Euro Steuernachzahlung, zwei volle Zinsjahre: Heute können daraus 3.600 Euro Zinsen werden. Unter dem geplanten neuen Satz wären...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zeekr greift BMW und Mercedes an: Ex-BMW-Manager rechnet mit Europas Autobauern ab
19.10.2026

In chinesischen Autofabriken verschwinden die Menschen, Roboter übernehmen ihre Arbeit. Während BMW, Mercedes und Audi unter Kostendruck...