Deutschland

Das sagen Volkswirte zum gesunkenen Ifo-Geschäftsklima-Index

Die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Unternehmen trübt sich wegen Lieferengpässen weiter ein.
25.08.2021 11:31
Lesezeit: 2 min

Die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Unternehmen trübt sich wegen Lieferengpässen weiter ein. Der Ifo-Geschäftsklimaindex sank im August auf 99,4 Punkte von 100,7 Zählern im Juli und damit den zweiten Monat in Folge, wie das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut am Mittwoch zu seiner Umfrage unter rund 9000 Managern mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten sogar nur mit einem Rückgang auf 100,4 Punkte gerechnet. Sie sagten in ersten Reaktionen:

CLAUS NIEGSCH, DZ BANK:

„Lieferengpässe bei Vorprodukten, höhere Kosten und die Sorge vor steigenden Inzidenzen belasten das Geschäft der Unternehmen. Immerhin bewerten die Firmen ihre aktuelle Geschäftslage heute besser als noch im Vormonat. Sie stieg von 100,4 Punkten auf 101,4 Punkte. So hoch war sie zuletzt vor mehr als zwei Jahren. Das zeigt: Das gesunkene Geschäftsklimaniveau bietet noch keinen Grund zur Sorge. Handel und Dienstleister profitieren weiter vom Nachholbedarf der privaten Haushalte, die während der Pandemie kräftig gespart haben. Auch die Industrie kann sich derzeit über mangelnde Aufträge nicht beklagen, auch wenn die Produktion unter Lieferproblemen leidet.“

JÖRG KRÄMER, COMMERZBANK:

„Die Unternehmen fürchten sich vor den Auswirkungen der begonnenen vierten Corona-Welle. Entsprechend sind die Geschäftserwartungen im Einzelhandel und bei den Dienstleistern stärker eingebrochen als in anderen Branchen. Die Befürchtungen der Unternehmen sind berechtigt. Es ist bei weiter steigenden Infektionen wahrscheinlich, dass die Politiker wie bei zurückliegenden Wellen trotz der weit fortgeschrittenen Impfungen weitere Beschränkungen erlassen. Die Industrieproduktion, die bereits seit Jahresanfang trotz einer starken Nachfrage sinkt, wird zumindest bis zum Jahresende als Konjunkturmotor ausfallen. Wegen der vierten Welle, des Materialmangels und weil der Aufholprozess im Dienstleistungsbereich nach den Lockerungen im Frühjahr mittlerweile weitgehend abgeschlossen ist, dürfte das Wachstum der deutschen Wirtschaft im vierten Quartal massiv nachlassen. Wir erwarten nur ein mageres Plus von 0,2 Prozent gegenüber dem dritten Quartal.“

FRITZI KÖHLER-GEIB, KFW-CHEFÖKONOMIN:

„Es ist Sommer, aber immer wieder stören Wolken den Sonnenschein – genauso verhält es sich momentan auch mit der deutschen Konjunktur. Die Haushalte haben nach den Lockdowns ungewöhnlich viel Geld in der Tasche und fragen nun wieder lange entbehrte Dienstleistungen etwa des Gastgewerbes nach. Vor allem die deutlichen Impffortschritte machen dies möglich. Gleichzeitig erweisen sich die Materialengpässe in der Industrie und im Bau aber hartnäckiger als zunächst erwartet und dämpfen trotz guter Nachfrage die Produktion. Konjunkturell setzen sich erneut die Wolken durch, nach dem Rücksetzer im Juli fällt das Geschäftsklima im August ein zweites Mal. Der erwartungsgetriebene Rückgang passt, denn die weitere Luft nach oben ist begrenzt. Die Materialengpässe werden sich nur graduell lösen und mit der sich abzeichnenden vierten Welle infolge der ansteckenden Delta-Variante nehmen die pandemiebezogenen Sorgen erneut zu. Wir haben unsere BIP-Prognose für 2021 deshalb leicht auf 3,0 Prozent nach unten revidiert.“

ELMAR VÖLKER, LBBW:

„Das Ifo-Geschäftsklima bestätigt in Kern die Indikationen, welche zuvor bereits der ZEW-Konjunkturindikator und die Markit-Einkaufsmanagerindizes gegeben hatten. Die Überraschung war gleichwohl etwas auf der negativen Seite, da sich der Rückgang im Vergleich zum Vormonat beschleunigt hat. Ursächlich war ein starkes Absacken der Erwartungen auf den tiefsten Stand seit Februar, während die Lageeinschätzung günstiger ausfällt als im Juli. Das heißt: die meisten Unternehmen sind mit der aktuellen Geschäftsentwicklung recht zufrieden, womit für das laufende dritte Quartal eine Beschleunigung des gesamtwirtschaftlichen Wachstumstempos in Richtung 2,5 bis 3 Prozent unseres Erachtens wahrscheinlich bleibt. Anhaltende Lieferengpässe in der Industrie und die Sorge vor neuen Corona-Einschränkungen im Herbst führen jedoch zu erhöhter Unsicherheit und Vorsicht mit Blick auf das Schlussquartal.“

BASTIAN HEPPERLE, BANKHAUS LAMPE:

„Die erneute Stimmungseintrübung im Juli war ausschließlich auf die Geschäftserwartungen zurückzuführen. Die Lageeinschätzung hat sich dagegen überraschend nochmals verbessern können. Anhaltende Beschaffungsprobleme und wieder steigende Infektionszahlen belasten aber immer mehr, vor allem das Verarbeitende Gewerbe und nun auch den Dienstleistungssektor. Insbesondere in Südostasien drohen weitere Schließungen von Betriebsstätten für wichtige Vorleistungsgüter und womöglich von Seehäfen. Die Lieferkettenprobleme werden sich somit eher verschärfen als entspannen. Fehlen aber wichtige Teile wie Halbleiter, können gut gefüllte Auftragsbücher nicht zügig abgearbeitet werden. Die Folgen sind eine Verlagerung der Produktion in die Zukunft und weiterhin lange Lieferzeiten.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen XRP-Ledger-Transaktionsvolumen überschreitet die Marke von 1 Million

Analysten erwarten ein Aufwärtspotenzial von 100%. XRP Wie können Inhaber neue passive Einkommensquellen schaffen?

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Wall Street im Höhenflug nach US-Iran-Abkommen
15.06.2026

Ein diplomatischer Durchbruch sorgt für unerwartete Dynamik an den Finanzmärkten – was Anleger zu den aktuellen Marktentwicklungen...

DWN
Panorama
Panorama Fußball-WM 2026: Milliarden fließen in wenige Taschen
15.06.2026

Die in Nordamerika beginnende Fußball-WM 2026 ist größer als je zuvor. Von den astronomischen Einnahmen dieses Sportfestes profitieren...

DWN
Finanzen
Finanzen EZB-Leitzins angehoben: Wer sind die Verlierer und Gewinner?
15.06.2026

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins für die Eurozone am vergangenen Donnerstag angehoben. Für Sparer, Kreditnehmer, Staaten und...

DWN
Politik
Politik Europäische Schlüsselstaaten wollen Kaja Kallas’ Macht beschneiden
15.06.2026

Mehrere Mitgliedstaaten der Europäischen Union, allen voran Deutschland und Frankreich, suchen nach Möglichkeiten, die Macht der Hohen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Investoren verlieren Geduld: Merz-Beauftragter Blessing warnt vor Ernüchterung
15.06.2026

Deutschland gilt international weiterhin als verlässlicher und stabiler Standort. Dennoch wächst bei manchen Investoren die Skepsis...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft USA-Iran-Abkommen: Kommt jetzt die Entlastung bei den Spritpreisen?
15.06.2026

Die Einigung zwischen den USA und dem Iran sorgt weltweit für Aufmerksamkeit – auch an den Energiemärkten. Experten sehen Chancen auf...

DWN
Politik
Politik Ukraine entwickelt kostengünstige Alternative zu US-amerikanischen Patriot-Raketen
15.06.2026

Die Ukraine hat eine neue Luftabwehrrakete getestet, die eine kostengünstigere und für die Serienfertigung geeignete Alternative zum...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie kaufen? Der Superzyklus steht erst am Anfang
15.06.2026

Der Wert der Rheinmetall-Aktie hat sich seit 2022 bereits vervielfacht. Russlands Krieg gegen die Ukraine, Europas Aufrüstung und...