Politik

Insider: US-Geheimdienste haben Einblick in Chinas innere Machtzirkel verloren

Seitdem mehrere amerikanische Spionageringe ausgehoben wurden, verfügen US-Geheimdienste über keine effektiven Quellen in China mehr, behaupten Insider.
19.11.2021 11:00
Aktualisiert: 19.11.2021 11:33
Lesezeit: 2 min
Insider: US-Geheimdienste haben Einblick in Chinas innere Machtzirkel verloren
02.01.2019, China, Peking: Xi Jinping (M), chinesischer Präsident, spricht in der Großen Halle des Volkes. (Foto: dpa) Foto: Mark Schiefelbein

Mehreren Insidern zufolge haben US-amerikanische Geheimdienste die Fähigkeit verloren, das Verhalten der chinesischen Führung zu antizipieren und richtig einzuordnen. Dieser „Blindflug“ sei Folge der Zerschlagung mehrerer amerikanischer Spionageringe vor rund zehn Jahren durch Behörden der chinesischen Gegenspionage, von der sich die Organisationen bis heute nicht erholt hätten, berichtet die South China Morning Post.

Bei den Insidern handelt es sich um mehrere aktive und im Ruhestand befindliche Beamte aus dem US-Geheimdienstapparat, deren Namen nicht genannt werden.

Die fehlenden Kapazitäten in China hätten dazu geführt, dass die US-Regierungen der vergangenen Jahre regelmäßig von den Initiativen der chinesischen Führung überrascht worden seien, so die Insider. Zu diesen unvorhergesehenen Vorstößen Pekings gehöre beispielsweise das Durchgreifen Chinas in der von schweren Unruhen erschütterten Sonderverwaltungszone Hongkong, die Machtentfaltung im Südchinesischen Meer und die Fähigkeit, geplante Börsengänge chinesischer Unternehmen in den USA zu verhindern.

Hohe Hürden

Die Gründe für die fehlenden Kapazitäten seien vielfältig. So hätte sich das amerikanische Spionagenetz in China bis heute nicht von seiner Zerschlagung kurz vor Beginn der Präsidentschaft Xi Jinpings erholt, als zwischen Ende 2010 und Ende 2012 rund zwei Dutzend Quellen aufgeflogen waren. Hinzu komme ein Mangel an Kandidaten, welche die chinesische Landessprache Mandarin sprechen können.

Bedeutende Hürden für die Aktivitäten amerikanischer Geheimdienste in China stellten zudem die von Staatspräsident Xi vorangetriebene Kampagne gegen Korruption und Misswirtschaft in der Verwaltung dar, welche bis dato zu Strafen gegen etwa 1,5 Millionen Beamten geführt hat. Die Anti-Korruptionskampagnen hätten es beispielsweise deutlich erschwert, Quellen in China zu bezahlen, weil die Finanztransaktionen von Beamten nun engmaschiger durchleuchtet werden.

Ein weiteres großes Problem stellten die weit entwickelte Überwachungsinfrastruktur in chinesischen Städten einschließlich des Einsatzes von intelligenter Software zur Gesichtserkennung dar, zitiert die South China Morning Post die US-Geheimdienstler.

Eine hohe Hürde stelle auch das Regierungssystem Xi Jinpings an sich dar. Die Organe des chinesischen Staates seien schon ohnehin schwer zu durchschauen, weil große Teile von Medien, Universitäten, gesellschaftlichen Organisationen und der Wirtschaft von Staatsbeamten kontrolliert werden. Erschwerend komme hinzu, dass Xi Jinping einen anderen Regierungsstil als seine Vorgänger Jiang Zemin und Hu Jintao verfolge. Während Jiang und Hu auf ein auf Berater und die Einbeziehung von Ministern abgestütztes System der Entscheidungsfindung setzten, habe Xi ein streng hierarchisches Prinzip aufgebaut, in welchem Informationen von unten nach oben fließen und nicht weiträumig zirkulierten.

Beobachter sind zudem der Meinung, dass der nach den Anschlägen vom 11. September von großen Teilen der amerikanischen Sicherheitsdienste betriebene Fokus auf den Nahen Osten und andere Teile des islamischen Welt sowie die damit zusammenhängende Anti-Terrorbekämpfung zu einer relativen Vernachlässigung der Kapazitäten in China geführt habe.

Der Leiter der Central Intelligence Agency (CIA), William Burns, verwies in einem Interview mit National Public Radio auf einen Weg, um die Effektivität und Einsichtsfähigkeit des Geheimdienstes mit Blick auf China zu steigern: „Der CIA-Chef sagte National Public Radio, dass die Agency darüber nachdenke, China-Spezialisten außerhalb Chinas zu stationieren - ein Ansatz, den man schon während des Kalten Krieges verfolgt hatte, um den sowjetischen Einfluss zu kontern. Einem ehemaligen Beamten zufolge ist damit zumindest teilweise die Hoffnung verbunden, dass sich diese Orte als wirksamere Umwelt zur Rekrutierung neuer Quellen eignen würde als die engmaschig überwachten Straßen Pekings. Aber bei dieser Strategie handelt es sich eher um einen langfristigen Lösungsansatz. In naher Zukunft müssen sich die Geheimdienstler auf weitere überraschende Manöver einstellen, die Xis Regentschaft in den vergangenen Jahren charakterisiert hatten - ohne zu wissen, um was es sich dabei handelt.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Wertvollste Marken 2026: Apple ist auf Platz eins, Tesla hat am meisten verloren
07.11.2026

Welche Unternehmen führen das Ranking der wertvollsten Marken 2026 an, welche gewinnen besonders stark und welche verlieren an Bedeutung?...

DWN
Politik
Politik Alterssicherung: Wie viele Ältere nutzen die umstrittene Frührente?
07.11.2026

Die meisten Menschen gehen laut einer neuen Untersuchung früher in Rente. Wie lange das noch in heutiger Form möglich ist, ist in der...

DWN
Politik
Politik Klimapolitik: Zehn Jahre Pariser Klimaabkommen – "unbeherrschbare Zukunft"
07.11.2026

Eigentlich gibt es einen Plan, um die Krise in den Griff zu bekommen: das Pariser Klimaabkommen, das nun seit zehn Jahren in Kraft ist....

DWN
Finanzen
Finanzen Brutale Woche für Tech-Branche endet mit kurzer Verschnaufpause, doch KI-Zweifel bleiben
06.11.2026

Erfahren Sie, wie Schnäppchenjäger die Märkte kurzzeitig stabilisieren und welche unberechenbaren Risiken die Börsen weiterhin bedrohen.

DWN
Politik
Politik Schweden bestätigt Taurus-Lieferung: Marschflugkörper erreicht mehr als 500 Kilometer
06.11.2026

Schweden hat erstmals bestätigt, bereits Taurus-Marschflugkörper erhalten zu haben. Die Waffe kann Ziele in mehr als 500 Kilometern...

DWN
Politik
Politik Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier: Union und SPD für Ilse Aigner als Bundespräsidentin
06.11.2026

Ein Versorgungsposten zwischen den Unionsparteien und der SPD? Es herrscht anscheinend Einigung zwischen Union und SPD, dass Aigner...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt West Transport: Mit 22 Lastwagen gegen die Krise der Transportbranche
06.11.2026

Die Transportbranche kämpft mit steigenden Kosten, Fahrermangel und wachsendem Wettbewerbsdruck. Doch ein kleines Familienunternehmen aus...

DWN
Finanzen
Finanzen Gold vs. Bitcoin: Welcher Vermögenswert schützt in der Krise?
06.11.2026

Ende August bewegten sich Bitcoin und Gold so stark im Gleichlauf wie seit fast sechs Jahren nicht mehr. Dr. André Dragosch, Head of...