Deutschland

Wie kommen Deutschlands älteste Familienunternehmen durch Corona?

Deutschlands älteste Familienunternehmen können auf viele Jahrhunderte Firmengeschichte zurückblicken. Doch die Corona-Krise stellt sie nun vor eine schwierige Belastungsprobe.
13.12.2021 11:03
Aktualisiert: 13.12.2021 11:03
Lesezeit: 2 min

Fachkräftemangel, Corona, Engpässe in den Lieferketten? Das Unternehmen der Familie Heinz an der bayerisch-thüringischen Grenze hat schon ganz andere Krisen und Katastrophen überstanden. Den 30-jährigen Krieg etwa. Schon seit 1523 macht sie Glas, heute gehört die Firma in Kleintettau zu den Weltmarktführern bei der Herstellung von Parfümflakons. Auf der Liste der 50 ältesten deutschen Familienunternehmen, am Montag von der Stiftung Familienunternehmen veröffentlicht, steht sie auf Platz 10.

Bis auf die beiden letzten wurden alle Unternehmen auf der Liste schon vor der Französischen Revolution 1789 gegründet, und alle sind ununterbrochen in der Hand der Gründerfamilie geblieben. "Über Jahrhunderte waren diese Unternehmen Stabilitätsanker und Fels in der Brandung", sagt Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung. "Sie sind es auch heute."

Als ältestes Familienunternehmen listet die Stiftung ein Metallunternehmen in Siegen auf, den Verzink-Spezialisten The Coatinc Company. Als Gründungsdatum gilt das Jahr 1502 - urkundlich belegt, weil der Schmied Heylmann Dresseler damals einen Schilling für die Nutzung einer Feuerstelle entrichten musste.

Zu den Firmen mit Jahrhunderte alter Familientradition gehören auch die Privatbanken Berenberg (1590) und Metzler (1674), der aus einer Apotheke in Darmstadt hervorgegangene Pharmakonzern Merck (1668), der bayerische Bergschuhhersteller Meindl (1683), der niedersächsische Schnapsbrenner Hardenberg (1700), der Hamburger Essig-Hersteller Carl Kühne (1722), der saarländische Keramikhersteller Villeroy & Boch (1748) und der fränkische Schreibwarenproduzent Faber Castell (1761).

Wie gelingt so etwas über so lange Zeit? Carletta Heinz, die das Glasunternehmen ihrer Familie nun in der 15. Generation führt, nennt drei Gründe: "Erstens den Mut, immer wieder Neues zu wagen und Entscheidungen zu treffen, auch wenn die unpopulär erschienen." Dann das Gespür für die richtigen Mitarbeiter. "Und schließlich ganz schlicht und einfach das nötige Quäntchen Glück." Unternehmergeist und Mut zum Wandel führt auch Frank Stangenberg-Haverkamp an, Vorsitzender des Familienrats von Merck. "Bei uns hat Innovation Tradition", sagt er. "Wissenschaftliche Neugier und unternehmerischer Pioniergeist bleiben Maximen unseres Handelns."

Professor Tom Rüsen von der Universität Witten/Herdecke sagt: "Es sind häufig Nischenplayer, die als Familienunternehmen ein hohes Alter erreichen. Sie entwickeln ihre eine Kompetenz kontinuierlich."

Viele dieser hoch spezialisierten Firmen sind im ländlichen Raum angesiedelt, manche sind Hidden Champions geworden, Weltmarktführer auf ihrem Gebiet. Strikte Kundenorientierung und die Fähigkeit, "Krisen als Innovationsmomente zu begreifen und das Unternehmen weiterzuentwickeln", machten sie erstaunlich widerstandsfähig, sagt Rüsen. Gerade heute, wo "Digitalisierung neue Geschäftsmodelle nötig macht, haben Familienunternehmen gute Chancen".

Heidbreder verweist darauf, dass Familienunternehmen in der Finanzmarktkrise ab 2008 weniger Personal abgebaut haben als die Dax-Konzerne. Im Familienbetrieb auf dem Land herrsche eine andere Firmenkultur, vielleicht sei man sogar in den selben Vereinen. Wer da Mitarbeiter entlässt, suche anschließend vielleicht sehr lange Personal. Der unbedingte Wille, das Unternehmen an die nächste Generation weiterzugeben, führe zu einem anderen Umgang mit Mitarbeitern, und Lieferanten, aber auch mit Heimat und Umwelt, sagt Rüsen.

Die Aufnahme in die Liste der ältesten Familienunternehmen bringt den Firmen nicht mehr Umsatz oder Gewinn. Der hessische Glockengießer Rincker "verkauft deswegen keine einzige Glocke zusätzlich", sagt Heidbreder. Aber die meisten präsentieren die Firmengeschichte stolz auf ihrer Homepage. Viele haben kleine Firmenmuseen eingerichtet. Andere Unternehmen, die noch nicht auf der Liste waren, haben angefangen nachzuforschen. So kam jetzt der schwäbische Kerzenmacher, Industrie- und Dentalwachs-Hersteller Morsa neu auf die Liste - seit 14 Generationen und 1647 durchgängig im Besitz der Familie Sallinger.

Aber natürlich gehen Unternehmensgeschichten auch mal zu Ende. Auf Platz 3 steht derzeit die Glasmanufaktur von Poschinger in Frauenau im Bayerischen Wald, die 1568 gegründet wurde - die aber soeben "die Produktion bis auf Weiteres eingestellt" hat. Die Auswirkungen der Pandemie, Engpässe in der Versorgung mit Rohstoffen und Zubehör, aber auch erhöhte Energiepreise und die CO2-Abgabe machten diesen Schritt notwendig, erklärte Poschinger.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Salus-Aktie: Dieser Börsenstar muss sein Wachstum erst beweisen
09.09.2026

Mehr als 2.000 Prozent Rendite in zehn Jahren, stark steigende Gewinne und eine beeindruckende Übernahmebilanz: Die Salus-Aktie gehört zu...

DWN
Politik
Politik Brüssel hat ein neues Rezept, um öffentliche Aufträge noch komplizierter und teurer zu machen
09.09.2026

Je stärker die EU öffentliche Aufträge reformiert, desto weiter entfernen wir uns durch die Einhaltung der Regeln davon, das beste...

DWN
Finanzen
Finanzen Ölpreis aktuell über 100 Dollar: Hormus-Konflikt eskaliert
09.09.2026

Neue Angriffe rund um die Straße von Hormus lassen den Brent-Preis erneut über 100 US-Dollar steigen. Die umkämpfte Meerenge wird damit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Börsenrisiken im September: Diese acht Gefahren bedrohen Anleger
09.09.2026

Der September gilt ohnehin als schwieriger Börsenmonat. Diesmal treffen jedoch gleich mehrere Risiken zusammen: hohe Energiepreise,...

DWN
Panorama
Panorama Auswandern nach Norwegen: „Du hast keine Rückfahrkarte mehr“
09.09.2026

Peter Grunewald hat Deutschland hinter sich gelassen und lebt heute mitten im norwegischen Wald. Drei Jahre nach seiner Auswanderung...

DWN
Finanzen
Finanzen Apple-Aktie: iPhone-Konzern will den Markt für faltbare Smartphones erobern
09.09.2026

Jahrelang überließ Apple faltbare Smartphones der Konkurrenz. Nun soll ein eigenes Modell folgen – kompakt wie ein Reisepass, mit zwei...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell: Dollar-Schwäche trifft auf neue Zinssorgen – was Gold jetzt antreibt
09.09.2026

Am Goldmarkt treffen derzeit gegensätzliche Signale aufeinander: Geopolitische Spannungen stärken die Nachfrage nach Sicherheit, höhere...

DWN
Politik
Politik Geldgeschenk für Natalie Harp: Trump belohnt enge Vertraute mit 45.000 Dollar
09.09.2026

Drei Mitarbeiter aus Donald Trumps engstem Umfeld erhielten zu Weihnachten jeweils 45.000 Dollar. Das Weiße Haus hält die Zuwendungen...