Technologie

Grausame Versuche an Affen bei Elon Musks Gehirn-Implantat-Firma "Neuralink"

Neuralink will mit Hirn-Implantaten neurologische Erkrankungen behandeln. Schon für dieses Jahren waren erste Experimente an Menschen geplant. Nun wird dem Start-up jedoch vorgeworfen, dass Versuchs-Tiere schwer geschädigt wurden – häufig mit tödlichen Folgen.
16.02.2022 09:47
Lesezeit: 3 min
Grausame Versuche an Affen bei Elon Musks Gehirn-Implantat-Firma "Neuralink"
Eine Goldstumpfnase. (Foto: dpa) Foto: Xiao Yijiu

Eine Gruppe von US-Medizinern beschuldigt das Gehirnchip-Startup „Neuralink“ des Tech-Milliardärs Elon Musk der extremen Tierquälerei. Während jahrelanger grausamer Experimente sei Versuchs-Affen „massives Leid“ zugefügt worden. Die Organisation „Ärztekomitee für verantwortungsvolle Medizin“ (PCRM) wirft Neuralink und der kalifornischen Universität UC Davis neun Verstöße gegen das "Bundesgesetz über das Wohlergehen von Tieren" (Animal Welfare Act) vor. Die Klage wurde beim US-Landwirtschaftsministerium (USDA) eingereicht.

„Viele, wenn nicht sogar alle Affen, litten extrem unter unzureichender Pflege und den hochinvasiven experimentellen Kopfimplantaten während der Experimente, die mit dem Ziel durchgeführt wurden, das zu entwickeln, was Neuralink und Elon Musk öffentlich als Gehirn-Maschine-Schnittstelle bezeichnet haben“, schrieb die Gruppe in ihrer Beschwerde an die USDA.

Ein Weibchen habe laut Komitee eine Hirnblutung erlitten und sei daraufhin eingeschläfert worden. In einem Fall wurde ein Affe gefunden, dem angeblich einige Finger und Zehen fehlten, „möglicherweise aufgrund von Selbstverstümmelung oder einem anderen nicht näher bezeichneten Trauma“. Der Affe wurde dann später während eines „tödlichen Eingriffs“ getötet, behauptet die Gruppe in ihrer Beschwerde, die der New York Post vorliegt. Andere Versuchs-Affen reagierten wohl mit bedenklichen Symptomen auf die Implantations-Prozedur. Laut PCRM kam es unter anderem zu Erbrechen, Würgen, Zusammenbrüchen wegen Erschöpfung und schwersten Entzündungen. An den Experimenten waren insgesamt 23 Affen beteiligt. Mindestens 15 von ihnen starben oder wurden eingeschläfert, so die Gruppe, die sich in ihrem Bericht auf gerichtlich erstrittene Unterlagen von Neuralink stützt.

Die Vorwürfe kommen für Neuralink zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn das Unternehmen plant schon Versuche an Menschen und sucht hierfür einen Leiter für klinische Studien, wie aus einer offiziellen Stellenausschreibung hervorgeht. Bisher wurde das Implantat nur an Schweinen und Affen getestet. Möglicherweise sollten die klinischen Studien schon dieses Jahr beginnen. Das geht zumindest aus einem Tweet von Elon Musk vom 2. Februar 2021 hervor.

Mensch-Maschine-Verbindung zur Heilung neuronaler Krankheiten

2016 gründete der Tesla-Chef sein Implantat-Startup, welches die Möglichkeiten einer Schnittstelle zwischen dem menschlichen Gehirn und einem Computer erforscht. Neuralink will Neuronen im Gehirn per drahtloser Funkverbindung an Computer anschließen. Dafür wird ein von außen nicht sichtbarer Chip („Neuralink“ genannt) als Informations-Kanal in den Schädel implantiert, wobei die feinen Leitungen des Mini-Computers mit Hirn-Gewebe verbunden werden.

Musk behauptet, dass implantierte Gehirnchips Menschen eines Tages hyperintelligent machen und gelähmte Menschen wieder laufen lassen werden. Kurzfristig fokussiert man sich auf neurologische Erkrankungen. Der erste Produkt-Prototyp mit dem Namen „N1“ soll es Querschnittsgelähmten, die weder Beine noch Arme bewegen können, ermöglichen, Computer oder Smartphones zu bedienen. Langfristig strebt Neuralink eine umfassende Gehirn-Computer-Schnittstelle an, die menschliche und Künstliche Intelligenz vereint. Erst im Sommer konnte man frisches Geld (insgesamt rund 200 Millionen Dollar) von Google und verschiedenen Startup-Investoren einsammeln.

Gutes Marketing, zweifelhafter Fortschritt

Neuralinks Schnittstellen sollen laut Experten auf dem neuesten Stand der Technik sein, teilweise ist von „cutting-edge“-Technologien die Rede (solche nehmen eine Vorreiterrolle in ihrem jeweiligen Feld ein). Führende Neurowissenschaftler zeigten sich in der Vergangenheit durchaus von den Fortschritten des Medizin-Unternehmens begeistert und bezeichneten die Technologie als „bahnbrechend“.

Aber: „Ich denke, dass Neuralink sehr gut im Marketing ist und sehr selektive Videos erstellt. Aber die Realität ist viel düsterer, wenn man sich genauer anschaut, was diese Implantate für die Tiere bedeuten, denen sie ins Gehirn eingesetzt werden“, so Jeremy Beckham, Tierschützer des Ärzteausschusses PCRM. Das ist nicht ganz falsch. Im Frühjahr 2021 sorgte ein Video auf dem offiziellen Youtube-Kanal von Neuralink für großes Aufsehen. Zu sehen ist ein mit dem Neuralink-Chip implantierter Affe, der auf einem Monitor scheinbar nur per Gedankensteuerung ein Videospiel steuert. Ein Jahr vorher wurde eine Video zum Thema Tierwohl veröffentlicht, in dem ein Bild glücklicher umsorgter Versuchstiere vermittelt wird.

Zugleich gibt es Skepsis unter unabhängigen Forschern, welche die bisherigen Ergebnisse von Musks Startup für überbewertet halten. Unter den Kritikern sind auch solche, die Musk schlichtweg völlig unrealistische Zeitpläne und Größenwahn vorwerfen. Neuralink ist zudem nicht der einzige Bewerber in diesem Forschungsfeld. Die Firma „Synchron“ verfolgt ähnliche Ziele und konnte jüngst sogar den Neuralink-Mitgründer und Ex-Präsidenten Max Hodak vom Konkurrenten abwerben und als Investor gewinnen. Das ist in gewisser Weise symptomatisch, weil heute nur wenige Wissenschaftler des Gründungs-Teams immer noch bei Neuralink arbeiten.

Im Gegensatz zu Neuralink will Synchron die Schnittstelle nicht ins Gehirn, sondern über die Blutgefäße implantieren, was Hodak „eine wirklich sehr elegante Idee“ nennt. Synchron hat das bereits an einigen menschlichen Patienten erprobt und von der US-Medizinbehörde FDA eine Genehmigung für klinische Studien in den Vereinigten Staaten erhalten. Neuralink dagegen hat noch keine Zulassung durch die FDA bekommen.

Es bleibt jedoch abzuwarten, ob Neuralink angesichts der brisanten Vorwürfe überhaupt so weitermachen wird wie geplant, oder ob Menschenversuche erst einmal auf Eis gelegt werden. Aktuell hat sich das Unternehmen noch nicht offiziell zu den Vorwürfen geäußert. Firmengründer Elon Musk dementierte die Anschuldigungen. Auf Anfrage der "Daily Beast" antwortete er folgendermaßen: „Neuralink unternimmt große Anstrengungen, um die Tiere zu versorgen.“ Eine enge Zusammenarbeit mit der Universität bestritt Musk: „Wir führen keine Forschungsarbeiten an der UC Davis durch - das ist eine fast ausschließlich staatlich finanzierte Einrichtung. Sie stellen uns eine kleine Anzahl von Makakenaffen zur Verfügung, und wir kümmern uns sehr gut um sie.“

Lesen Sie weiter:

Hirn-Implantate und digitale Klone: So werkelt Silicon Valley am Übermenschen

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Verbessern Sie die Lieferketten-Transparenz

Identifizieren, scannen und übermitteln von eindeutigen Komponentendaten

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Deutsche Umwelthilfe: Verbrenner-Aus 2030? BGH prüft Klimaklagen gegen Autobauer
02.03.2026

Wenn es nach der Deutschen Umwelthilfe geht, müssen BMW und Mercedes-Benz 2030 den Verkauf klimaschädlicher Verbrenner einstellen. Um den...

DWN
Finanzen
Finanzen Erdgas-Preis aktuell: Iran-Krieg lässt Erdgas-Preis nach oben schnellen
02.03.2026

Nach dem Angriff auf den Iran steigt der Erdgaspreis so stark wie lange nicht. Analysten warnen vor weiteren Preissprüngen, sollte der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Inflation in Frankreich und Spanien: Unerwarteter Anstieg zwingt EZB harten Wechselkurs aufrechtzuerhalten
02.03.2026

Neue Inflationsdaten aus Frankreich und Spanien sorgen für Unruhe an den Märkten. Muss die Europäische Zentralbank ihre Zinspolitik...

DWN
Politik
Politik Nahost-Krieg: Bundeswehr letzte Wahl bei der Rückholung von Deutschen
02.03.2026

Etwa 30.000 Touristen von deutschen Reiseveranstaltern hängen im Nahen Osten fest. Die Bundesregierung sieht aber in erster Linie nicht...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft ADAC: Sprit so teuer wie seit fast zwei Jahren nicht mehr
02.03.2026

Der Irankonflikt macht Öl teuer. Das bekommen auch die deutschen Autofahrer zu spüren. Bisher hält sich die Reaktion an den Zapfsäulen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen PCK-Raffinerie GmbH: Treuhandverwaltung für Rosneft Deutschland verlängert
02.03.2026

Die deutschen Töchter des russischen Staatskonzerns Rosneft stehen wegen des Ukraine-Kriegs jetzt unter Kontrolle der Bundesnetzagentur...

DWN
Technologie
Technologie Blackout-Vorsorge: Notstromlösung mit Solaranlagen auf Balkon oder Dach – was dabei wichtig ist
02.03.2026

Ein plötzlicher Blackout kann Haushalte und Unternehmen unvorbereitet treffen. Immer mehr Eigentümer setzen deshalb auf eine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Hapag-Lloyd übernimmt ZIM: Machtverschiebung in der globalen Container-Schifffahrt
02.03.2026

Hapag-Lloyd treibt mit der Übernahme von ZIM die Konzentration im globalen Containerverkehr weiter voran. Wie verschiebt diese Transaktion...