Finanzen

EZB leitet Zinswende ein und erntet prompt Kritik: "Zu wenig, zu spät"

Von klug eingeleiteter Wende, betont der Hauptgeschäftsführer der Familienunternehmer, könne keine Rede sein.
09.06.2022 16:13
Aktualisiert: 09.06.2022 16:13
Lesezeit: 2 min
EZB leitet Zinswende ein und erntet prompt Kritik: "Zu wenig, zu spät"
Der vorübergehende Ausstieg der EZB aus ihrer ultralaxen Geldpolitik kommt vielen Kritikern zu spät und mit zu wenig Nachdruck. (Foto: dpa)

Aus der deutschen Wirtschaft und von Ökonomen kommt Kritik am Tempo der Europäischen Zentralbank (EZB) bei den geplanten Zinserhöhungen. "Zu wenig und zu spät", sagte der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Dirk Jandura, am Donnerstag zu der angekündigten Zinswende. "Dieser Zeitplan ist immer noch zu zögerlich", sagte auch der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, Christian Ossig.

Kritik kommt auch von Ökonomen. Ifo-Präsident Clemens Fuest bewertet das Signal zwar als "einen richtigen Schritt, der aber zu spät kommt". Es sei nicht akzeptabel, dass die EZB bei einer Inflation von acht Prozent bis heute an Negativzinsen und Anleihekäufen festgehalten habe. "Die Preissteigerungen betreffen nicht nur Energie und Lebensmittel, sie gewinnen an Breite", sagte Fuest.

EZB bringt erste Zinsanhebung seit elf Jahren auf den Weg

Die EZB hatte zuvor für Juli die erste Zinsanhebung seit elf Jahren signalisiert, die mit 0,25 Prozentpunkten aber klein ausfallen soll. Im September soll dann nachgelegt werden - womöglich mit einem stärkeren Anstieg. "Anstelle der notwendigen, deutlichen und schnellen Zinserhöhung, läuft die EZB der Zinsentwicklung weiter hinterher", sagte Jandura. "Die zögerliche Entscheidung der EZB schadet dem Euro." Je später und je sachter die ersten Zinsschritte werden, umso heftiger werde die dann nötige Korrektur ausfallen müssen.

"Das fundamental geänderte Preisumfeld rechtfertigt einen negativen Leitzins bis in den Herbst hinein nicht mehr", sagte Ossig mit Blick auf den Einlagezins von aktuell minus 0,5 Prozent, den Banken für bei der EZB geparktes Geld zahlen müssen. Dieser bliebe damit zumindest bis September im negativen Bereich. Die EZB sollte deshalb im Juli und damit noch vor der Sommerpause ihre Negativzinspolitik mit einer Erhöhung um einen halben Prozentpunkt in einem Schritt beenden. "Das wäre ein deutliches und dringend notwendiges Signal an Verbraucher, Unternehmen und Tarifparteien", sagte Ossig.

Familienunternehmer: "Von klug eingeleiteter Wende kann keine Rede sein"

Kritik kommt auch von den Familienunternehmern. "Durch ihre völlige Fehleinschätzung der Inflation ist die EZB nun selbst eine Getriebene und muss jetzt ein deutliches Zeichen setzen, dass sie die Preisstabilität überhaupt noch ernst nimmt", sagte Hauptgeschäftsführer Albrecht von der Hagen. "Von klug eingeleiteter geldpolitischer Wende kann nicht die Rede sein." Schon lange habe die EZB ihre eigentliche Aufgabe – stabile Preise zu gewährleisten – aus den Augen verloren. Die Geldflut der EZB gelte als einer der wesentlichen Treiber der Kerninflation. "Die Kosten für Bürger und Unternehmen sind bereits unverantwortlich hoch", sagte von der Hagen.

Für den Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geht die Entscheidung insgesamt in die richtige Richtung. Die EZB könne zwar mit ihrem Handeln nicht die importierten Inflationstreiber in Form der dramatisch gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise komplett einfangen. "Jedoch würde ohne Zinswende der Euro gegenüber dem Dollar noch schwächer werden", sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. "Dann würde importiere Energie sogar noch teurer werden als ohnehin schon." Die EZB steht insgesamt vor keiner leichten Aufgabe.

"Es ist aus Sicht der Wirtschaft wichtig, mit einer maßvollen Zinserhöhung gegen die Erwartung einer sich hartnäckig festsetzenden Inflation anzugehen und eine Lohn-Preis-Spirale zu verhindern", so der DIHK-Experte. Die Konjunktursignale seien derzeit aber so negativ, dass der Spielraum für Zinserhöhungen begrenzt sei.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie KI und digitale Steuerberatung: Der Gamechanger für den deutschen Mittelstand

Die Digitalisierung verändert die deutsche Wirtschaft in rasantem Tempo. Während große Unternehmen bereits seit Jahren auf...

DWN
Immobilien
Immobilien Heizungsgesetz: Mehrheit privater Vermieter scheut energetische Sanierungen
03.06.2026

Heizung, Dämmung, Fenster: Die Modernisierung des Immobilienbestands in Deutschland ist ein Schlüssel für die Klimaneutralität in...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deutschlands größte Molkerei wird dänisch : Arla übernimmt Milram
03.06.2026

Milram, Humana und Alete: Deutschlands größte Molkerei wird ins EU-Ausland abgegeben. Das Deutsche Milchkontor (DMK) aus Bremen...

DWN
Panorama
Panorama El Niño kommt: Was das für die Welt bedeutet
03.06.2026

El Niño könnte 2027 zum heißesten Jahr aller Zeiten machen. Was das für die Preise im Supermarkt und unser Wetter in Europa bedeuten...

DWN
Politik
Politik Digitale Souveränität: Europas Alltag hängt an US-Technologie
03.06.2026

Europa will sich von Google, Microsoft und anderen US-Konzernen lösen. Doch der Alltag von Behörden, Unternehmen und Bürgern zeigt, wie...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktüberblick: Wall-Street-Rallye hält an, da Arbeitsmarktbericht Zeichen von Widerstandsfähigkeit zeigt
02.06.2026

Überraschende Entwicklungen und starke Unternehmenszahlen sorgen für Bewegung – was Anleger jetzt wissen müssen.

DWN
Finanzen
Finanzen EZB: Bedeutung des Euro an den weltweiten Finanzmärkten wächst
02.06.2026

Die Notenbank will die globale Rolle des Euro stärken, nicht zuletzt als Antwort auf Trump. Sie sieht mehr Potenzial für Europas Währung...

DWN
Politik
Politik Begeht Amerika gerade wirtschaftlichen Selbstmord?
02.06.2026

Die USA galten über Jahrzehnte als Motor der Weltwirtschaft, doch unter Trump geraten genau jene Kräfte unter Druck, die ihren Aufstieg...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Iran-Krieg treibt Inflation im Euroraum auf 3,2 Prozent
02.06.2026

Der Ölpreisschock infolge des Iran-Krieges treibt die Verbraucherpreise im Euroraum weiter nach oben. Damit wächst der Druck auf die...