Deutschland

Impfexperten widersprechen Gesundheitsminister: Vierte Corona-Dosis oder nicht?

Der Bundesgesundheitsminister rät dazu, doch viele Fachleute winken ab. Brauchen gesunde Erwachsene derzeit einen zweiten Corona-Booster? Manche Experten halten das sogar für kontraproduktiv.
26.07.2022 10:07
Aktualisiert: 26.07.2022 10:07
Lesezeit: 3 min

Wer derzeit über eine zweite Booster-Dosis der Corona-Impfung nachdenkt, kann schnell den Durchblick verlieren: Die Ratschläge aus Politik, Behörden und von der Ständigen Impfkommission (Stiko) unterscheiden sich. Ja was denn nun?

Wer empfiehlt was?

Die für Impfempfehlungen in Deutschland zuständige Stiko hält eine zweite Auffrischimpfung bisher nur für Teile der Bevölkerung für sinnvoll: etwa für Menschen ab 70 Jahren, Patienten mit unterdrücktem Immunsystem, Pflegeheimbewohner und Personal medizinischer Einrichtungen. Weitere Fachleute stärkten der Stiko in den vergangenen Monaten bei dieser Frage den Rücken.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hingegen drängt immer wieder auf mehr Viertimpfungen und brachte diese zuletzt für alle gesunden Erwachsenen ins Spiel. Dann sind da noch zwei EU-Behörden: ECDC und EMA riefen die Mitgliedsstaaten auf, zweite Booster schon ab 60 Jahren anzubieten. Stiko-Chef Thomas Mertens hatte daraufhin angekündigt, das Gremium werde sich „relativ bald“ zu einer möglichen Erweiterung der bestehenden Empfehlung äußern.

Wie begründet Lauterbach seinen Rat für unter 60-Jährige?

Wolle man den Sommer ohne Risiko einer Erkrankung genießen, würde er die zweite Auffrischimpfung – „in Absprache natürlich mit dem Hausarzt“ – auch Jüngeren empfehlen, sagte Lauterbach kürzlich dem Spiegel. Mit der zweiten Booster-Impfung habe man „eine ganz andere Sicherheit“. Er argumentiert mit einem für ein paar Monate deutlich verringertem Infektionsrisiko und deutlich geringerem Long-Covid-Risiko.

Was sagen Kritiker dieser Forderung?

Der Virologe Mertens sagte der Welt am Sonntag, er kenne keine Daten, die den Ratschlag von Lauterbach rechtfertigten. „Ich halte es für schlecht, medizinische Empfehlungen unter dem Motto ,viel hilft viel‘ auszusprechen“. Die EU-Behörden ECDC und EMA hielten fest, dass es derzeit keine klaren epidemiologischen Beweise gebe, die die Gabe zweiter Booster bei immungesunden Menschen unter 60 Jahren stützen – es sei denn, Patienten hätten gesundheitliche Schwachstellen.

Was sind die Argumente gegen Lauterbachs Rat?

Aus Sicht mehrerer Immunologen reichen für gesunde Erwachsene unter 60 die bisher von der Stiko empfohlenen drei Corona-Impfungen, um ein stabiles immunologisches Gedächtnis aufzubauen. Es biete in der Regel zumindest Schutz vor schwerer Erkrankung, Krankenhaus und Tod. Absoluten, langanhaltenden Schutz vor Infektion bringe jedoch auch Dosis vier für diese Gruppe nicht. Wer zum Beispiel vor dem Urlaub keine Ansteckung mehr riskieren wolle, solle sich etwa durch Maske, Abstand und Kontaktreduktion schützen, rät Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Auch Epidemiologe Hajo Zeeb geht von einem allenfalls geringen Vorteil der zweiten Booster-Impfung für unter 60-Jährige aus, insbesondere wenn Menschen auch noch zwischenzeitlich erkrankt waren.

Welche Rolle spielt der Impf-Zeitpunkt?

Der ist keineswegs nebensächlich. Schließlich wird für den Herbst nicht nur wieder eine Zunahme des Infektionsgeschehens erwartet – sondern auch Vakzine, die an Omikron angepasst sind. Es dürfte also nochmal eine größere Impfkampagne anstehen. Allerdings ist momentan ungewiss, mit welchen Mutationen das Virus bis dahin aufwartet und für wen dann erneute Impfempfehlungen ausgesprochen werden.

Was man aber schon sagen kann: Impfabstände von mehreren Monaten haben sich laut Stiko-Mitglied Christian Bogdan (Uniklinikum Erlangen) als vorteilhaft erwiesen für die Stärke der ausgelösten Immunantwort und für die daraus resultierende Schutzdauer. „Besonders wichtig ist, dass eine Booster-Impfung – also die dritte Impfung – in einem deutlichen Abstand zur zweiten Impfung stattfindet“, im Idealfall nicht früher als sechs Monate danach. Dies gelte auch für einen möglichen zweiten Booster. Dieser Abstand gewährleiste eine Steigerung der Immunantwort. Impfe man jedoch in eine laufende Immunantwort hinein, sei der Effekt stark abgeschwächt.

Kann die vierte Dosis auch anderweitig kontraproduktiv sein?

Stiko-Mitglied Bogdan sagt, dass es zur Frage des möglichen Schadens von zusätzlichen, klinisch nicht angezeigten Impfungen bisher für die Covid-Impfstoffe keine umfassenden immunologischen Untersuchungen gebe. Manche Experten verweisen zwar darauf, dass etwa von wiederholten Impfungen etwa gegen Pocken oder Influenza keine negativen Effekte bekannt seien – ebenso wenig bei den Einzelfällen, in denen sich Menschen etliche Male gegen Covid-19 impfen ließen.

Wie steht es denn derzeit insgesamt um den Impfstatus der Nation?

Abgesehen von der Frage nach mehr Viertimpfungen: Schon gemessen an den bisherigen Stiko-Empfehlungen klaffen einige Impflücken. Das Robert Koch-Institut gab in einem Bericht vom Juli an, dass noch etwa 1,3 Millionen Menschen ab 60 Jahren und rund 7,9 Millionen Erwachsene unter 60 ihren Impfschutz mit mindestens einer Impfung auffrischen müssten. Noch gar keine Impfung erhalten hätten rund 1,9 Millionen Menschen ab 60 und rund 7,3 Millionen Erwachsene unter 60 Jahre.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Zufall mit System: Die entscheidende Rolle von RNGs im Gaming

Viel mehr als Würfel-Glück: Erfahre, wie Zufallsgeneratoren von Slot-Klassikern bis hin zu KI-Welten für Fairness, Immersion und echten...

DWN
Panorama
Panorama Teure Störungen am Himmel: Drohnen belasten den Luftverkehr
08.06.2026

Immer häufiger zwingen Drohnensichtungen deutsche Flughäfen zu Einschränkungen oder sogar Betriebspausen. Die wirtschaftlichen Schäden...

DWN
Finanzen
Finanzen Digitaler Yuan: Peking setzt auf eine Alternative zur Dominanz des Dollars
08.06.2026

China treibt den digitalen Yuan mit neuer Entschlossenheit voran. Peking sieht im e-CNY nicht nur ein Zahlungsmittel, sondern ein...

DWN
Finanzen
Finanzen SpaceX-IPO zeigt die gefährliche Macht der Musk-Erzählung
08.06.2026

Elon Musk verkauft den Kapitalmärkten nicht nur Raketen und Satelliten, sondern eine Zukunft, die bis zum Mars reicht. Doch das SpaceX-IPO...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wie viel Markterfolg hat sich China mit staatlichen Subventionen erkauft?
08.06.2026

Chinesische Unternehmen erhalten bis zu achtmal mehr Subventionen als ihre Konkurrenten, stellt die OECD in einem Bericht über...

DWN
Finanzen
Finanzen Magnificent Seven-Aktien: Wo Analysten jetzt die größten Chancen sehen
08.06.2026

Sieben Tech-Konzerne dominieren den S&P 500, doch ihre Aktien laufen längst nicht mehr im Gleichschritt. Der KI-Boom treibt Umsätze,...

DWN
Technologie
Technologie Dokumentenanalyse mit KI: Was Unternehmen jetzt beachten sollten
08.06.2026

KI revolutioniert die Dokumentenanalyse und stellt Unternehmen, Verwaltungen und Beschäftigte vor eine neue Arbeitsteilung. Welche Rolle...

DWN
Panorama
Panorama Fußball-WM 2026 in USA, Kanada und Mexiko: UN-Experten warnen vor gefährlichen Hitzewellen
08.06.2026

Millionen Fans freuen sich auf die größte Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten. Doch die klimatischen Bedingungen in Teilen...

DWN
Politik
Politik Ukraine-Krieg zeigt neue Gefahr aus Russland
08.06.2026

Putin wirkt geschwächt, doch genau das könnte Europa gefährlich werden. In Russland wächst der Druck auf den Kreml, ukrainische Drohnen...