Deutschland

Die große Angst vor der Rezession: Stimmung im Mittelstand bricht ein

Die staatliche Förderbank KfW meldet einen Stimmungabsturz im Mittelstand. So starke Sorgen wie aktuell gab es in der Vergangenheit nur vor großen Rezessionen.
02.08.2022 11:39
Lesezeit: 2 min

Inmitten wachsender Rezessionssorgen hat sich das Geschäftsklima im Mittelstand zu Beginn des Sommerquartals massiv eingetrübt. Das von der staatlichen Förderbank KfW erstellte Barometer sackte im Juli um 9,5 Zähler auf minus 15,3 Saldenpunkte ab.

Wie die KfW am Dienstag weiter mitteilte, brachen die schon seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs sehr pessimistischen Geschäftserwartungen noch weiter ein und sind nun so negativ wie bisher nur vor großen Rezessionen: "Vor allem die Furcht vor einem anhaltenden Gaslieferstopp im Zusammenhang mit der Wartung von Nord Stream 1 dürfte zum Umfragezeitpunkt viele Unternehmen beunruhigt haben", hieß es weiter.

Die Beurteilung der aktuellen Geschäftslage sackte im Juli ebenfalls deutlich um 5,3 Zähler ab. Mit jetzt plus 7,6 Saldenpunkten liegt sie laut KfW aber immerhin noch über der Nulllinie, die den langfristigen Durchschnitt markiert.

Der Stimmungsabsturz im Juli betrifft die mittelständischen Unternehmen in allen Branchen. Selbst das Geschäftsklima der Dienstleistungsunternehmen, die in den Vormonaten dank der Erholung in ehemals pandemiebeschränkten Branchen einen deutlichen Aufschwung erlebt haben, verschlechterte sich laut KfW um deutliche 10,5 Zähler.

Besonders getrübt ist die Stimmung aber derzeit beim Einzelhandel. Schon jetzt meldete die Branche eine leicht unterdurchschnittliche Geschäftslage. Angesichts der drohenden zusätzlichen Kaufkraftverluste wegen massiv steigender Heizkosten sind die Zukunftserwartungen aber zudem so schlecht wie nie zuvor seit Beginn der Umfrage.

Angesichts der Folgen des Ukraine-Krieges stottert der deutsche Konjunkturmotor bereits. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stagnierte im Frühjahr gegenüber dem Vorquartal. Die deutsche Industrie treibt die Sorge um, dass eine Rezession immer wahrscheinlicher werden könnte.

Rezession wird immer wahrscheinlicher

Angesichts der Folgen des Ukraine-Krieges stottert der deutsche Konjunkturmotor. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stagnierte im Frühjahr gegenüber dem Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am Freitag mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten mit einem kleinem Plus von 0,1 Prozent gerechnet.

Deutschland bildet in Sachen Wachstum unter den vier größten Volkswirtschaften der Euro-Zone nunmehr das Schlusslicht. Denn das BIP legte in Frankreich (plus 0,5 Prozent), Italien (plus 1,0) und Spanien (plus 1,1 Prozent) zu. In der Wirtschaft wachsen unterdessen hierzulande die Sorgen vor einer Talfahrt.

"Mit der BIP-Stagnation im zweiten Quartal wird eine Rezession immer wahrscheinlicher", warnte Wolfgang Niedermark, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Den Firmen setzen die Folgen des Ukraine-Kriegs, ein langfristig andauernder Gasmangel und die Auswirkungen der Covid-Pandemie zu. Die Risiken für die deutsche und europäische Konjunktur durch fehlende Energierohstoffe bleiben laut dem BDI sehr hoch: "Die Reduzierung russischer Gasexporte besorgt uns."

Auch DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben ist skeptisch: "Die Zeichen stehen auf Stagnation. Es könnte aber noch schlimmer kommen." Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sprach jüngst von der "größten Energiekrise in Deutschland" - ausgelöst durch die starke Abhängigkeit von Russland.

Die offene Frage, ob Moskau den Gashahn gänzlich zudrehen könnte, drückt auf die Stimmung. Insbesondere den Industrieunternehmen treibt dies laut dem Münchner Ifo-Institut die Sorgenfalten auf die Stirn, weil Planungen für die kommenden Monate immer schwieriger würden.

Anfang des Jahres war die Wirtschaft hierzulande allerdings weit besser gelaufen als gedacht: Destatis revidierte das BIP-Plus für das erste Quartal auf 0,8 Prozent von zunächst genannten 0,2 Prozent nach oben. Gestützt wurde die Konjunktur im zweiten Quartal vor allem von den privaten und staatlichen Konsumausgaben, während der Außenbeitrag das Wirtschaftswachstum dämpfte.

"Die schwierigen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit anhaltender Corona-Pandemie, gestörten Lieferketten, steigenden Preisen und dem Krieg in der Ukraine schlagen sich deutlich in der konjunkturellen Entwicklung nieder", erklärten die Wiesbadener Statistiker.

Rezession ist noch nicht sicher

Mit den jüngsten Zahlen werde klar, dass sich die Wirtschaft in einer Stagflation befinde – also stagnierender Wirtschaftsleistung bei hoher Inflation, meint DZ Bank-Experte Jan Holthusen. Die hohe Inflation und die Angst vor einer Gaskrise hätten die Stimmung der Verbraucher und Unternehmen einbrechen lassen, ergänzt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer: "Das Rezessionsrisiko steigt."

Gegen eine Rezession spricht aus Sicht des Ökonomen Nils Jannsen vom IfW Kiel, dass sich der private Konsum noch aus den seit Beginn der Pandemie hohen zusätzlichen Ersparnissen speisen kann und bei den privaten Haushalten nach den eingeschränkten Konsummöglichkeiten weiterhin Nachholbedarf bestehe.

Zudem verfügen die Unternehmen über hohe Auftragsbestände, die es ihnen erlauben auch bei einer vorübergehenden Auftragsflaute ihre Produktion auszuweiten, wenn die Lieferengpässe nachlassen. "Trotz Pessimismus ist eine Rezession nicht ausgemacht", so das Fazit des Ökonomen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Wie Verbraucher mit Risiko umgehen – zwischen Finanzentscheidungen und digitaler Unterhaltung

Risiko ist ein Begleiter fast jeder wirtschaftlichen Entscheidung. Mal ist es größer, mal kleiner. Mal offensichtlich, mal schwer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise in Europa: Warum Europas Strategie zunehmend zerfällt
26.04.2026

Die Energiepreise steigen weiter und Europas Regierungen reagieren mit Milliardenhilfen, Steuererleichterungen und Notmaßnahmen. Doch...

DWN
Panorama
Panorama Leben nach Tschernobyl: Schicksal eines Liquidators zwischen Atomkatastrophe und Krieg in Kiew
26.04.2026

Mehr als drei Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl kämpft ein ehemaliger Liquidator noch immer mit den Folgen. Inmitten...

DWN
Finanzen
Finanzen Kevin Warsh vor Fed-Spitze: Politischer Druck auf die US-Notenbank wächst
26.04.2026

Die Entscheidung über die künftige Führung der US-Notenbank rückt näher und bringt politische Spannungen rund um den Fed-Vorsitz...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Neues EU-Grenzsystem EES belastet Flughäfen: Branche warnt vor Verzögerungen
26.04.2026

Das neue EU-Grenzsystem EES sorgt an europäischen Flughäfen für wachsende Unsicherheit im Reiseverkehr und stellt Abläufe zunehmend auf...

DWN
Technologie
Technologie Telekom testet Quantentechnologie: Glasfasernetz in Berlin im Praxiseinsatz
25.04.2026

Ein Berliner Experiment bringt Quanten-Teleportation erstmals über ein Telekom-Glasfasernetz in eine reale Infrastruktur und markiert...

DWN
Politik
Politik Energieanalyst Demostenes Flores: Europa wird beim Iran-Krieg den Preis zahlen
25.04.2026

„Wir befinden uns in einer Art drittem Weltkrieg in Etappen“, warnt der Energieanalyst Demostenes Floros über den aktuellen Konflikt...

DWN
Politik
Politik EU plant Reform der DSGVO: Weniger Bürokratie für Unternehmen
25.04.2026

Die EU will zentrale Digitalregeln wie DSGVO und Cookie-Vorgaben vereinfachen und stärker aufeinander abstimmen. Führt der geplante Umbau...

DWN
Politik
Politik Großzügig, teuer, umstritten: Wie tragfähig ist unser Sozialstaat noch?
25.04.2026

Arbeit soll sich lohnen. So lautet das Versprechen. Doch zwischen Grundsicherung, Arbeitsanreizen und Fachkräftemangel werden die Zweifel...