Technologie

Künstliche Intelligenz: Medikament wird klinisch getestet

Das Biotech-Unternehmen Verge Genomics startet Versuche am Menschen mit einem Medikament gegen ALS, das durch künstliche Intelligenz entwickelt wurde.
Autor
06.11.2022 09:00
Lesezeit: 3 min

Das in San Francisco ansässige Biotechnologie-Unternehmen Verge Genomics hat eigenen Angaben zufolge eine klinische Studie mit einem Medikament gestartet, das mit Hilfe von künstlicher Intelligenz entwickelt wurde.

Verge Genomics wird von den Pharmakonzernen Merck und Eli Lilly sowie dem weltgrößten Vermögensverwalter BlackRock finanziert. Gegründet wurde es von der 33-jährigen Alice Zhang, die einen Doktortitel der Universität von Kalifornien in Neurowissenschaften trägt.

Das Unternehmen hat seinem ersten Patienten ein neuartiges Medikament namens VRG50635 zur Behandlung von ALS verabreicht, berichtet die Financial Times. ALS ist eine neurodegenerative Krankheit, für die es bisher keine Heilung gibt.

Unternehmen wie Verge Genomics, die künstliche Intelligenz in der Arzneimittelforschung einsetzen, sind ein schnell wachsender Sektor, der trotz des Einbruchs der Pharmabranche insgesamt weiterhin viele Milliarden Dollar an Risikokapital anzieht.

Welche Vorteile bringt künstliche Intelligenz?

Künstliche Intelligenz kann riesige Datenmengen schnell verarbeiten, um Proteine im Körper zu erkennen, die mit bestimmten Krankheiten in Verbindung gebracht werden, und um Moleküle zu identifizieren, die man möglicherweise zu Medikamenten verarbeiten kann.

Experten zufolge kann die Technologie die Zeitspanne von der Entdeckung bis zur Zulassung eines Medikaments deutlich verkürzen, die Entwicklungskosten senken und die hohe Misserfolgsquote bei klinischen Versuchen verringern.

Letztes Jahr hat Verge Genomics 98 Millionen Dollar von hochkarätigen Investoren erhalten, um die Entwicklung von Medikamenten voranzutreiben und seine klinische ALS-Studie zu finanzieren.

Zudem ging Verge eine Partnerschaft mit Lilly ein, um Behandlungen für ALS zu entwickeln. Der Deal umfasst eine Vorauszahlung von 25 Millionen Dollar sowie Gelder und Lizenzgebühren im Umfang von 694 Millionen Dollar, wenn bestimmte Ziele erreicht werden.

Morgan Stanley prognostizierte in einem Bericht vom Juni, dass die Technologie die Rentabilität der Medikamentenentwicklung im Frühstadium erhöhen und innerhalb von zehn Jahren 50 zusätzliche Therapien hervorbringen könnte.

Dem Bericht zufolge hoffen die großen Pharmakonzerne und Investoren, dass sie im Bereich der künstlichen Intelligenz im nächsten Jahrzehnt Profite im Umfang von 50 Milliarden Dollar erwirtschaften können.

Mehrere Biotech-Unternehmen, darunter Exscientia, Evotec und Insilico Medicine, haben kürzlich bekannt gegeben, dass sie mit Hilfe von künstlicher Intelligenz entdeckte oder entwickelte Medikamente in die klinische Erprobung gebracht haben.

Riesige Datenbanken statt Versuche mit Mäusen

Verge-Gründerin Zhang sagt, dass ihr Unternehmen vier Jahre brauchte, um das ALS-Medikament durch die Entwicklung und in die klinischen Studien zu bringen. Dies sei schneller und kosteneffizienter als herkömmliche Verfahren, die oft auf Versuch und Irrtum beruhen.

„Hypothesen werden in der Regel aus akademischen Entdeckungen oder Veröffentlichungen abgeleitet und nacheinander getestet, meist an Tieren, Mäusen oder sogar Zellmodellen, um vorherzusagen, welche dieser Medikamente beim Menschen tatsächlich wirken würden“, so Zhang.

„Hunderte von Millionen Dollar später beginnt man mit klinischen Versuchen, und es überrascht nicht, dass das Medikament versagt“, so Zhang. „Warum nicht vom ersten Tag an mit einem datengesteuerten Ansatz beim Menschen beginnen, wenn wir beim Menschen erfolgreich sein wollen?“

Verge hat eine Datenbank mit menschlichem Gewebe von Gehirnen und Rückenmark von Patienten mit neurodegenerativen Krankheiten wie ALS, Parkinson und Alzheimer aufgebaut.

Durch genetische Sequenzierung hat das Unternehmen eine „menschliche Krankheitslandkarte“ erstellt, die mithilfe seiner KI-Plattform ausgewertet werden kann, um therapeutische Ziele für Krankheiten zu identifizieren.

Verge hat nach eigenen Angaben durch die Auswertung von mehr als 11,4 Millionen Datenpunkten einen Mechanismus zur Ursache von ALS entdeckt: den Verlust der endolysosomalen Funktion, der sich auf menschliche Zellen auswirkt. Damit habe man ein vielversprechendes neues therapeutisches Ziel gefunden.

Zhang sagte, dass der Ansatz von Verge die Notwendigkeit beseitigt, groß angelegte Experimente durchzuführen oder Tausende von Medikamenten und potenziellen Krankheitszielen zu untersuchen.

„Die Verwendung menschlicher Daten vom ersten Tag an bedeutet, dass wir mit qualitativ hochwertigeren Targets beginnen, die mit größerer Wahrscheinlichkeit in der Klinik erfolgreich sein werden“, sagte sie.

Experten sagen jedoch, dass der Erfolg bei weitem nicht garantiert ist. Das erste Medikament von Verge, das in die Erprobung geht, zielt auf eine der kompliziertesten Krankheiten ab.

Mindestens 50 klinische Studien zu ALS-Therapien, die in den letzten zwei Jahrzehnten durchgeführt wurden, haben keine positiven Ergebnisse gezeigt. In den USA wurden bisher nur drei Medikamente zugelassen, und diese haben den Patienten nur bescheidene Vorteile gebracht.

„Tiermodelle haben sich in klinischen Studien für neurodegenerative Erkrankungen als schlechte Prädiktoren für die Wirksamkeit [beim Menschen] erwiesen“, sagt Alix Lacoste, Leiterin der KI-Computerbiologie bei Invitae, einem Unternehmen für genetische Tests.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie PC-Gaming in Europa erlebt eine Phase der Zurückhaltung

Einst galt PC-Gaming in Europa als lohnende Langzeitinvestition. Man baute sich einen Rechner zusammen oder rüstete ihn auf, zahlte im...

DWN
Finanzen
Finanzen ETF oder Investmentfonds: Warum viele Anleger das falsche Produkt wählen
11.04.2026

ETF, Investmentfonds oder Rentenfonds. Viele Anleger glauben, die richtige Wahl hänge vor allem von der Rendite ab. Tatsächlich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI-Jobabbau: Warum Frauen besonders betroffen sind
11.04.2026

Künstliche Intelligenz verändert den Bankensektor schneller als erwartet. Tausende Jobs stehen auf der Kippe, während Unternehmen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Meta-Urteil: Datenübertragung in die USA erlaubt – es bleiben Fragen
11.04.2026

Dürfen persönliche Daten von Facebook- und Instagram-Nutzern in die USA übertragen werden? Ein aktuelles Meta-Urteil sorgt für Klarheit...

DWN
Finanzen
Finanzen MSCI stuft Griechenland als entwickelten Markt ein: Chancen und Risiken für Anleger
11.04.2026

Griechenland steht mit der Aufnahme in die MSCI-Indizes wieder stärker im Fokus internationaler Investoren und signalisiert eine neue...

DWN
Immobilien
Immobilien Senkt schnelleres Bauen wirklich die Wohnkosten? Der Bauturbo- und Maßnahmen-Check
11.04.2026

Schwarz-Rot verspricht, dass der Bauturbo und sonstige Maßnahmen, die den Bau von Immobilien beschleunigen, unweigerlich zu Preisfall auf...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Eine nervöse Erholung an der Wall Street, während der brüchige Frieden hält
10.04.2026

Zwischen Hoffen und Bangen: Entdecken Sie, welche verborgenen Marktdynamiken aktuell den Takt vorgeben und für Überraschungen sorgen.

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Wenn Heilung stört: Wie Coldplasmatech einen Milliardenmarkt herausfordert
10.04.2026

Das Medizinprodukt von Coldplasmatech revolutioniert die Heilung von chronischen Wunden. Für Millionen Patienten bedeutet es Erlösung von...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Nahost-Konflikt treibt Ölpreis weiter an: Nordseeöl erreicht Rekordniveau
10.04.2026

Die Eskalation in der Straße von Hormus verschärft die Lage auf den Energiemärkten und setzt Preise sowie Lieferketten weltweit unter...