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Deutsche Industrie: Löhne sollen kräftig steigen

Lesezeit: 4 min
18.11.2022 09:51  Aktualisiert: 18.11.2022 09:51
Arbeitgeber und Gewerkschaft haben sich in der Metall- und Elektroindustrie angesichts der hohen Teuerungsraten auf eine kräftige Lohnerhöhung geeinigt.

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Arbeitgeber und Gewerkschaft haben sich in der Metallindustrie angesichts der hohen Teuerungsraten auf eine kräftige Lohnerhöhung geeinigt. Der Tarifabschluss im Pilotbezirk Baden-Württemberg, der bundesweit übernommen werden soll, gelang in der Nacht zum Freitag nach fast zwölf Stunden Verhandlungen. Die rund 3,9 Millionen Beschäftigten der größten deutschen Industrie bekommen in zwei Schritten 8,5 Prozent mehr Geld sowie 3000 Euro Einmalzahlung netto. Die IG Metall konnte damit sogar mehr durchsetzen als die geforderten acht Prozent. Die Arbeitgeber setzten dafür eine lange Laufzeit von zwei Jahren bis September 2024 durch. Die Zahlungen beginnen außerdem erst im Frühjahr, das verschafft den Unternehmen etwas Luft.

IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger nannte das Ergebnis sehr ordentlich. "Das ist unterm Strich ein Ergebnis, das in schwieriger Zeit mit viel Hadern, mit viel Ringen und heftigen Debatten zustande gekommen ist", sagte er. Bundesweit hatten sich 900.000 Beschäftigte seit fast drei Wochen an Warnstreiks beteiligt. Die Einigung sei an der "Nahtkante zur Eskalation des Konflikts" gelungen, sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. Der Abschluss bringe den Beschäftigten eine spürbare Entlastung angesichts der gestiegenen Preise.

"Dieser Kompromiss ist angesichts der extrem schwierigen wirtschaftlichen Situation und der enormen Unsicherheiten sicherlich in vielen Punkten schmerzhaft und absolut an der Grenze dessen, was wir für die Mehrzahl unserer Mitglieder gerade noch für tragbar halten", erklärte der Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, Harald Marquardt. Die Arbeitgeber setzen darauf, die einsetzende Rezession schnell zu überwinden und bis 2024 zu Wachstum zurückzukehren. Das Tarifpaket sei ein "Vorschuss auf hoffentlich bessere Zeiten", erklärte Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf.

Vereinbart ist eine Anhebung der Tarifgehälter in zwei Stufen um 5,2 Prozent ab Juni 2023 und um 3,3 Prozent ab Mai 2024. Hinzu kommt eine steuer- und abgabenfreie Pauschale zum Inflationsausgleich von 3000 Euro, gestückelt in zwei Tranchen ausgezahlt zum März 2023 und 2024.

ENTLASTUNG BEI GERINGER RENDITE

Die Tarifverhandlungen waren angesichts hoher Inflation und trüber Wirtschaftslage in der mit rund 3,9 Millionen Beschäftigten größten deutschen Industrie schwierig. Die IG Metall hatte im Sommer eine Erhöhung um acht Prozent bei zwölf Monaten Laufzeit gefordert - im Herbst wäre ihre Tarifforderung angesichts von mehr als zehn Prozent Inflationsrate noch höher ausgefallen. Die Arbeitgeber boten zunächst nur die 3000 Euro Pauschale über 30 Monate Laufzeit an. Auf eine prozentuale Erhöhung wollten sie sich nur einlassen, wenn die Gewerkschaft zu einer langen Laufzeit bereit wäre. Die Lage der Unternehmen beschrieben die Arbeitgeber viel kritischer als die IG Metall. Sie verwiesen auf viele kleinere Betriebe, die mit hohen Energie- und Rohstoffkosten schwer zu kämpfen hätten und finanziell nicht überfordert werden dürften.

Für die Unternehmen stehe unter dem Strich eine Kostenbelastung für die Kalenderjahre 2022 bis 2024, die für das Gros der Betriebe gerade noch tragbar sei, erklärte Marquardt weiter. "Da es einem Teil der Firmen aber schon jetzt schlecht geht, sind wir sehr froh, dass es uns gelungen ist, für diese Firmen substanzielle Entlastungsmöglichkeiten zu schaffen." So können Betriebe mit einer Nettoumsatzrendite von weniger als 2,3 Prozent das schon länger bestehende tarifliche Zusatzgeld verschieben, kürzen oder streichen. Die Summe wird zugleich von 400 auf 600 Euro im Jahr erhöht, eine vorgesehene Steigerung einer anderen Sonderzahlung fällt im Gegenzug aus. Auf eine Eskalation der Energiekrise wollen die Tarifparteien schnell und flexibel reagieren.

Die Arbeitgeber zeigten sich erleichtert, dass mit dem Tarifabschluss eine Eskalation der Warnstreiks vermieden wurde. Die IG Metall hatte für den Fall eines Scheiterns der Verhandlung 24-Stunden-Streiks und Dauerstreik in einigen Bezirken vorbereitet. Der Abschluss sei eine Belastung, erklärte Gesamtmetall-Chef Wolf. Ein Arbeitskampf hätte aber noch größeren Schaden verursacht. "Mit Streiks in der jetzigen Situation ist niemandem geholfen", sagte Marquardt. "Wir haben sicher die ein oder andere Kröte geschluckt, aber auch die anderen sind nicht ohne Krötenschlucken weggekommen."

Ökonomen sagten dazu in ersten Reaktionen:

STEFAN KOOTHS, INSTITUT FÜR WELTWIRTSCHAFT (IFW):

"Der derzeitige Inflationsdruck ist keine reine Energiepreisstory, sondern der Preisauftrieb wird auch merklich von heimischen Faktoren getrieben. Dem passen sich die Tarifparteien nun an, entankerte Inflationserwartungen bedeutet das aber noch nicht. Hierauf weisen die während der Laufzeit abnehmenden tabellenwirksamen Raten sowie die hohe Einmalzahlung hin. Diese dürfte - neben steuerlichen Anreizen - auch Ausdruck hoher Unsicherheit (also noch nicht verfestigter Inflationserwartungen) sein. Zudem spielt eine Rolle, dass angesichts des hohen Auftragsbestands eine Einigung ohne Arbeitskampf für die Unternehmen wichtig war. Eine Entwarnung für die Geldpolitik ist das gleichwohl nicht. Unsicherheit über die weitere Inflationsentwicklung bedeutet auch, dass das Vertrauen in die Preisstabilität bereits gelitten hat."

CARSTEN BRZESKI, ING-CHEFVOLKSWIRT:

"Traditionell wird den deutschen Lohnabschlüssen in der Euro-Zone große Aufmerksamkeit geschenkt. Für die Lohnentwicklung in Deutschland und das Risiko von Zweitrundeneffekten kann man mitnehmen, dass die Einigung zeigt, wie ein Kompromiss aussehen kann. Er wird nicht ausreichen, um den durch die höhere Inflation verursachten Kaufkraftverlust vollständig auszugleichen. Aber er mildert den Schaden ab. Für die EZB bedeutet dies, dass die Zweitrundeneffekte gedämpft bleiben und dass ein geringerer, gedämpfter Inflationsdruck länger anhalten kann als die Märkte derzeit glauben."

JENS-OLIVER NIKLASCH, LBBW:

"Die Arbeitgeber dürften sich bei dem Abschluss vor allem auf die vollen Auftragsbücher stützen, die auf einige Sicht eine gute Auslastung versprechen. Außerdem gelingt es den Unternehmen derzeit wohl noch, die steigenden Kosten weiterzugeben. Solange die Konjunkturlage sich nicht verschlechtert, dürfte diese Rechnung aufgehen. Nicht ohne Grund heißt es jedoch: 'Recession brings inflation down.' Trübt sich die Konjunktur wie erwartet deutlich ein, dürfte es schwierig werden, die Kosten auf die Kunden zu überwälzen.

Die Beschäftigten haben damit absehbar zwar Reallohnverlusten zugestimmt, weil die Inflation im laufenden und im kommenden Jahr und vielleicht auch noch 2024 über den jetzt vereinbarten Abschlüssen liegen dürfte. Im Prinzip hat man sich mit dem Tarifabschluss jedoch auf eine Lastenteilung geeinigt, was langfristig beiden Seiten als Beitrag zur Standortsicherung nutzen dürfte. Wer den größeren Teil der Last trägt, werden wir natürlich erst im Nachhinein sagen können, im Moment scheinen mir die Gewerkschaften den etwas besseren Schnitt gemacht zu haben."

HOLGER SCHMIEDING, CHEFVOLKSWIRT BERENBERG BANK:

"8,5 Prozent plus Sonderzahlung ist hoch. Aber die Laufzeit über zwei Jahre macht es erträglich. Für die EZB ist das zwiespältig. Einerseits ein erheblicher Lohndruck im kommenden Jahr. Andererseits keine Lohn-Preis-Spirale, da dem hohen Anstieg um 5,2 Prozent im Juni 2023 ja ein erträglicherer Anstieg von 3,3 Prozent im Mai 2024 folgt. Der Lohndruck nimmt im Zeitablauf wieder ab. Buckel statt Spirale."


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