Panorama

Forscher raten zu Lehren aus schweren Radunfällen auf Landstraßen

Im Verkehr sind immer mehr Radfahrer unterwegs - und es gibt mehr Unfälle. Auch auf dem Land. Was tun?
14.07.2024 08:01
Lesezeit: 2 min
Forscher raten zu Lehren aus schweren Radunfällen auf Landstraßen
2023 gab es 189 tote Radfahrer auf Landstraßen und fast 3.000 Schwerverletzte: Forscher raten nun zum Umdenken und fordern eine andere Infrastruktur (Foto: Arne Dedert). Foto: Arne Dedert

Mit Tempo 90 erwischt der Kleinwagen den Radfahrer von hinten. Der schleudert hoch in die Luft, seine Schuhe fliegen im hohen Bogen seitlich weg. Das Rad bleibt rund 70 Meter weiter auf dem Asphalt liegen. In der realen Welt wäre der Radfahrer tot. Bei dem gezeigten Crashtest der Unfallforscher der Versicherer liegt die Puppe seltsam verkeilt auf der Straße.

Studienleiterin Kirstin Zeidler schaut schockiert von hinter der transparenten Schutzwand auf das Szenario. «Das will man sich ja nicht in der Realität vorstellen», sagt die Forscherin. Zuvor hat sie in Münster die Zahlen einer Studie vorgestellt. In den vergangenen Jahren haben parallel zum gestiegenen Anteil des Radverkehrs auch die schweren Unfälle mit Radfahrern auf Landstraßen zugenommen.

Der Anteil der Radler am Verkehr ist demnach von 2002 bis 2017 um 37 Prozent gestiegen. Frischere Zahlen gibt es erst im Jahr 2026. Die Zahl der auf Landstraßen getöteten Radfahrer ist seit 2013 um den gleichen Prozentsatz angestiegen. Allein 2023 gab es 189 Tote auf Landstraßen und knapp 3000 Schwerverletzte.

Ein Drittel der Unfälle geschieht ohne Einwirkung anderer

Und überraschend: Bei rund einem Drittel der Verunglückten auf Landstraßen passierte der Unfall ohne Einwirkung eines Dritten. Sprich: Hier stürzten die Radler unglücklich über Kanten, hatten auf Schotter einen schlechten Untergrund oder rutschen auf Laub weg. Dabei machte es bei der Unfallursache keinen Unterschied, ob die Radler mit einem klassischen Zweirad unterwegs waren oder auf dem E-Bike.

In 41 Prozent der Fälle waren Autos der Unfallgegner (41 Prozent) - in 59 Prozent davon verursachten die Autofahrer die Unfälle. 32 Prozent der Unfälle passierten auf der freien Strecke. Autofahrer übersahen Radler im Schattenwurf von Bäumen oder tief stehender Sonne und überproportional oft kam es in der Dämmerung zu Unfällen. Und das überwiegend bei mehr als 70 Stundenkilometern. Dieses Szenario sollte der Crashtest simulieren.

Viele Autofahrer schauen an Kreuzungen nicht in beide Richtungen

Bei Kreuzungen sind schlecht einsehbare Straßenverläufe oder überraschende Vorfahrtsregelungen das Problem. Besonders schwierig ist es, wenn Radfahrer in beiden Richtungen auf einem Radweg unterwegs sind. Der Autofahrer schaut oft nur nach rechts - und übersieht den Radler von links. «Zu ihrem eigenen Schutz der Radler sollte hier die Vorfahrtsregelung geändert werden», rät Zeidler.

Sie wünscht sich, dass der Gesetzgeber reagiert. So ist gesetzlich geregelt, dass innerorts nur schneller als 50 Kilometer pro Stunde erlaubt ist, wenn es gleichzeitig einen von der Fahrbahn getrennten Radweg gibt. «Diese Regelung gibt es für Landstraßen nicht. Das halten wir für falsch», sagt die Leiterin. Beim Bau von neuen Bundesstraßen müsse bereits jetzt ein getrennter Radweg gebaut werden. «Das wünschen wir uns auch für Landstraßen», sagt Zeidler.

Vorhandene Radwege müssen laut den Unfallforschern für die Sicherheit der Radfahrer ausgebaut und die Oberflächen verbessert werden. Oft seien die Radfahrer zwar aus Sicht der Polizei die Verursacher für einen Unfall. Aber es gebe auch Gründe. An Kreuzungen müssen laut Forderung der Unfallforscher deutlich mehr Ampeln oder sogar neue Unter- oder Überführungen gebaut werden.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
DWN
Politik
Politik Drei Mächte, ein Krisengebiet: Neue Verhandlungen über den Donbass
23.01.2026

Nach langer Funkstille nehmen die Ukraine und Russland erstmals wieder direkte Gespräche auf – unter Beteiligung der USA. Im Zentrum...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt United Manufacturing Hub: Wie ein Kölner Startup den Datenschatz der Industrie hebt
23.01.2026

Daten gelten als Treibstoff der Industrie 4.0 – doch in vielen Fabriken bleiben sie ungenutzt. Das Start-up United Manufacturing Hub will...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Rekordhoch: Nach Allzeithoch nimmt Gold 5.000 Dollar in den Blick – Silberpreis kratzt an 100 Dollar
23.01.2026

Nach dem Goldpreis-Rekordhoch im frühen Donnerstagshandel oberhalb der Marke von 4.900 Dollar geht die Aufwärtsrallye des gelben...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Autonomes Fahren: Musk sieht zeitnahe Fortschritte bei der EU-Genehmigung
23.01.2026

Globale Machtverschiebungen und technologische Umbrüche verdichten sich derzeit spürbar. Welche Folgen ergeben sich daraus für Europas...

DWN
Politik
Politik Grönlands Ressourcen: NATO und USA sprechen über Zugriff auf seltene Erden
23.01.2026

Die strategische Bedeutung Grönlands rückt stärker in den Fokus westlicher Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen. Welche Folgen hat...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zalando-Aktie: Osten ringt um Erfurter Logistikzentrum – Ramelow setzt auf Rettung
23.01.2026

Thüringens Ex-Ministerpräsident Bodo Ramelow sieht die Zukunft des von Schließung bedrohten Zalando-Standorts in Erfurt mit 2.700...

DWN
Politik
Politik Kriegstüchtigkeit in Europa: Deutschland und Italien stärken Rüstungspartnerschaft
23.01.2026

Kanzler Merz und Ministerpräsidentin Meloni bauen die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Italien in den Bereichen Rüstung,...

DWN
Finanzen
Finanzen Intel-Aktie fällt vorbörslich stark - von Lieferengpässen ausgebremst
23.01.2026

Intel kämpft auf seinem Sanierungskurs weiterhin mit Kapazitätsengpässen. Die für das laufende Quartal prognostizierten Umsätze von...