Finanzen

Aktienexperten an den US-Börsen sehen Bargeld als strategische Waffe – aber nur für Geduldige

Die US-Börsen zeigen sich in den vergangenen Wochen sehr volatil. Einige Wall Street-Strategen kritisieren offen Trumps Wirtschaftspolitik – und raten zu Bargeld als Schutz in unsicheren Zeiten. Warum Bargeld zwischen geopolitischen Spannungen, Zöllen und Kapitalmarktpanik eine gute Krisenstrategie sein kann und was die Aktienprofis noch raten.
05.05.2025 15:03
Aktualisiert: 05.05.2025 15:03
Lesezeit: 3 min

Volatile US-Börsen: Bargeld als mächtige Reserve

Inmitten zunehmender geopolitischer Spannungen und einer von Unsicherheit getriebenen Geldpolitik wird an der Wall Street zunehmend eine zentrale Frage diskutiert: Soll man jetzt Bargeld halten – oder verpasst man den Einstieg in den nächsten Boom? Die Antworten fallen unterschiedlich aus – doch eines eint die großen Namen der Finanzindustrie: Niemand geht davon aus, dass die aktuelle Lage von Dauer ist.

Während die politische Führung in Washington sich weiter in Handelsstreitigkeiten und erratische Entscheidungsfindung verstrickt, setzen immer mehr Investoren auf Liquidität als strategisches Instrument. Bargeld, also Gelder in Form von Einlagen, Geldmarktfonds und kurzfristigen (bis zu 90 Tage) Anleihen, wurden einst als unproduktiv geschmäht. In dieser Krise scheint es zur mächtigsten Reserve zu werden.

Mobius: „Bargeld ist König“ – die Märkte sind nicht bereit

Mark Mobius, der legendäre Schwellenländer-Investor, macht keinen Hehl aus seiner Skepsis gegenüber den aktuellen Märkten. Seine drastische Position: 95 Prozent seines Fondsvermögens liegen in Bargeld. Für Mobius ist die Zeit des Agierens noch nicht gekommen – er sieht die globalen Märkte in einem Zustand tiefgreifender Desorientierung.

„Wir müssen jetzt bereitstehen“, so Mobius. Schwellenländer wie Indien könnten profitieren, doch solange der Nebel über der Handelspolitik nicht weicht, sei es besser, auf der Seitenlinie zu bleiben. Für viele Investoren, die sich noch an die Marktverwerfungen von 2008 erinnern, hat diese Haltung fast schon etwas Beruhigendes – der große Absturz kam damals für jene, die zu früh optimistisch wurden.

Solomon: Kapitalmärkte auf der Suche nach Orientierung

David Solomon, CEO der Investmentbank Goldman Sachs, mahnt zur Ruhe – und rechnet mit einer baldigen Stabilisierung der Lage. Die Kapitalmärkte seien „aktiver als im Vorjahr“, aber ihre aktuelle Beweglichkeit sei fragil. Ohne klare politische Signale droht ein Einbruch.

Dennoch sieht Solomon in Europa einen Lichtblick: Der politische Wille, Regulierung abzubauen und Kapitalverkehr zu erleichtern, sei spürbar. Sollte die EZB fiskalisch mitziehen, könnte daraus eine nachhaltige Belebung entstehen. Doch auch hier gilt: Anleger brauchen Geduld – und Liquidität.

Ritholtz: Das Narrativ der Angst ist gefährlich – aber real

Barry Ritholtz, der als einer der wenigen die Finanzkrise 2008 frühzeitig erkannte, warnt vor vorschnellen Panikreaktionen. Zwar lähmt die Unsicherheit Haushalte und Unternehmen gleichermaßen, doch er warnt vor Selbstsabotage: „Wir dürfen uns keine Krise einreden.“ Die Wirtschaft sei in guter Verfassung – zumindest bis zum 2. April, wie er pointiert anmerkt.

Für Ritholtz gilt: Nicht Angst, sondern Intransparenz ist das größte Risiko. Sobald Klarheit herrscht – sei es durch politische Entscheidungen oder durch Marktbereinigungen – werde auch das Kapital wieder in Bewegung geraten.

Seroka: Der Hafen zeigt die Realität – 35 Prozent weniger Volumen

Abseits der Wall Street liefert der Hafen von Los Angeles harte Fakten: Ein Rückgang von über einem Drittel im Frachtvolumen – binnen Jahresfrist. Hafenchef Gene Seroka spricht offen von massiven Lieferstörungen, die ihren Ursprung in den US-Zöllen auf chinesische Produkte haben.

Die Lieferengpässe werden bald auch den Konsumenten treffen. Seroka bringt es auf den Punkt: „Wenn Sie ein blaues T-Shirt in Größe M wollen, finden Sie vielleicht nur noch ein lila in XL.“ Die Auswirkungen reichen also tief in den Alltag – mit realen Preissteigerungen bei banalen Konsumgütern.

Deutsche Bank: China kann warten – der Westen nicht

Stefanie Holtze-Jen, CIO bei der Deutschen Bank, verweist auf eine strategische Stärke Chinas: Geduld. „Sie sind vorbereitet auf ein vollständiges Ende der Handelsbeziehungen“, sagt sie. In Peking wird nicht mehr auf schnelle Deals mit Washington gesetzt – sondern auf die strategische Langfristigkeit.

Gleichzeitig erwartet die Deutsche Bank dennoch ein Handelsabkommen – allerdings ohne Eile. „Wir sehen keine Dringlichkeit.“ Eine Reduktion der Zölle ist wahrscheinlich, aber nicht kurzfristig. Für Investoren bedeutet das: Es gibt Chancen – aber erst, wenn der Nebel sich lichtet.

Oppenheimer: Die Katze lebt – aber sie faucht

John Stoltzfus, Chefstratege bei Oppenheimer Research, überrascht mit einer ungewöhnlichen Metapher: „Das ist eine lebendige Katze.“ Gemeint ist der S&P 500 – trotz der geopolitischen Unsicherheit, trotz der Zölle, trotz aller Krisengerüchte, bleibt der US-Aktienmarkt robust – aber angespannt.

Die Prognose für den S&P wurde dennoch vorsichtig zurückgenommen – von über 6.000 auf 5.950 Punkte. Der Grund: Die Auswirkungen der Zölle wurden unterschätzt. Dennoch zeigen die Unternehmen solide Fundamentaldaten – das Gewinnwachstum übertrifft die Erwartungen.

Bargeld als Bollwerk gegen das Unbekannte

In einer Welt, in der politische Willkür über wirtschaftliche Rationalität triumphiert, wird Bargeld zum strategischen Schutzschild. Doch Bargeld allein ist keine Lösung – es ist eine Wette auf eine bessere Zukunft. Die Wall Street steht nicht still, aber sie wartet. Nicht auf den nächsten Boom – sondern auf Klarheit.

Denn wer jetzt investiert, muss mehr wissen als alle anderen. Wer wartet, muss vor allem eines haben: Geduld.

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