Wirtschaft

Arbeitslosigkeit in Deutschland: Geht das Jobwunder seinem Ende entgegen?

Viele Krisen der jüngsten Vergangenheit konnten dem deutschen Arbeitsmarkt wenig anhaben – er erwies sich als äußerst robust. Doch jetzt machen sich die zahlreichen wirtschaftlichen und demografischen Entwicklungen bemerkbar. Wo die Arbeitslosigkeit steigt und welche Branchen auch zukünftig viele Jobs liefern werden.
10.08.2025 15:57
Lesezeit: 4 min

Arbeitslosigkeit in Deutschland: Was kommt nach der Rekordbeschäftigung?

In Deutschland herrscht aktuell noch Rekordbeschäftigung. Die höhere Arbeitslosenquote in den Pandemiejahren hat sich nivelliert. Aber ein Ende der Beschäftigungsrekorde könnte schon bald in Sicht sein, denn die Arbeitslosenzahlen steigen wieder. Aktuell sind fast drei Millionen Menschen arbeitslos und es wird mit weiter steigenden Zahlen gerechnet, bis sich im Herbst die Zahlen saisonbedingt wieder erholen. Damit sind im Juli 65.000 mehr Menschen erwerbslos als noch im Juni. Im Vergleich zum Vorjahresmonat stieg die Zahl der Arbeitslosen um ganze 171.000. Die Arbeitslosenquote liegt jetzt bei 6,3 Prozent und damit um 0,1 Prozent höher als im Vormonat. Experten erwarten, dass die Grenze von 3 Millionen Arbeitslosen im August dann noch überschritten wird. Mehr als 3 Millionen Arbeitslose hatte es zuletzt im Februar 2015 gegeben.

Wie Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, mitteilte, ist aktuell die Arbeitslosigkeit aufgrund der Sommerpause gestiegen. Neue Stellen werden von den Unternehmen nur sehr verhalten gemeldet und bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung gibt es eine Stagnation. Die übliche Belebung zum Herbst hin ist bereits in den vergangenen Jahren aufgrund der konjunkturellen Schwächen ebenfalls sehr schwach ausgefallen.

Wie Nahles weiter ausführte, ist es bisher noch zu keinem starken Einbruch gekommen. Da die deutsche Wirtschaft seit drei Quartalen kein Wachstum mehr verzeichnet, steht der Arbeitsmarkt im Vergleich zu anderen Indikatoren deshalb noch recht gut da. Das Wachstum bei der Beschäftigung lasse aber spürbar nach.

Mittelfristig mehren sich die Anzeichen für ein Ende des deutschen Jobwunders

Wirtschaftsexperten sehen in den aktuellen Entwicklungen ebenfalls eine Abschwächung der bislang positiven Dynamik bei der Beschäftigung, die jedoch noch nicht als Trendwende zu interpretieren sei. Allerdings zeigen sich die Unternehmen zunehmend vorsichtig bei Neueinstellungen, wie das ifo-Institut bekanntgab. Viele Unternehmen wollen abwarten, wie lange sich die Schwäche der deutschen Wirtschaft hinzieht, weshalb sich ein weiterer Beschäftigungsaufbau auch nicht abzeichnet.

Die Konjunktur läutet jedoch keinen Wendepunkt am Arbeitsmarkt ein, wie Dominik Groll vom Institut für Weltwirtschaft erklärte. Dieser sei in erster Linie durch die demografische Entwicklung in Deutschland zu erwarten. Deshalb dürfte die Beschäftigung in Deutschland auch ihren Höhepunkt erreicht haben. Es sind dabei verschiedene Indikatoren maßgeblich, die ein Ende des Beschäftigungsaufbaus begünstigen.

Zuwächse werden kleiner – offene Stellen weniger

Die Beschäftigung ist bislang immer noch gewachsen, jedoch nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit. So hat sich der Aufbau sozialversicherungspflichtiger Jobs im ersten Quartal 2025 im Vergleich zum Vorjahr halbiert. Ferner ist auch die Anzahl der offenen Stellen zurückgegangen und lag im ersten Quartal 2025 bei 1,7 Millionen.

Renteneintritt der Babyboomer: Fachkräfte fehlen

Wir leben in Zeiten, in denen die besonders geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer jetzt und in den kommenden Jahren in Rente gehen. Diese fehlenden Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt können nur unzureichend kompensiert werden durch längere Beschäftigung oder mehr Erwerbstätigkeit von Frauen und Zuwanderern. Aus diesem Grund ist mit dem Sinken der Erwerbstätigenanzahl auf jeden Fall zu rechnen auf eine längere Sicht.

Auch wenn die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt quantitativ nachlässt, so fehlen doch in vielen Unternehmen die Fachkräfte. Deshalb versuchen viele Unternehmen, Mitarbeiter trotz Konjunkturschwäche zu halten, weil ein Stellenabbau und eine spätere Neueinstellung beim gegenwärtigen Fachkräftemangel kontraproduktiv sind. Aus diesem Grund erwartet das ifo-Institut auch nicht, dass die Arbeitslosigkeit aufgrund der aktuellen Wirtschaftsschwäche deutlich steigen wird. Wenn die Konjunkturschwäche aber längerfristig anhalten würde, könnte sich auch das ändern, erklärte BA-Chefin Nahles.

Langzeitarbeitslosigkeit hält das Niveau

Wer hingegen schon lange Zeit arbeitslos ist oder aus unterschiedlichen Gründen als schwer vermittelbar am Arbeitsmarkt gilt, wird es auch weiterhin schwer haben, wieder in Beschäftigung zu kommen. Wie IAB-Forscher Enzo Weber erklärte, kann Arbeitslosigkeit auch bei einem hohen Bedarf an Arbeitskräften nicht einfach abgebaut werden. Die Beschäftigungschancen von Arbeitslosen sinken weiterhin und die Zahl der Arbeitslosen, die schon über ein Jahr ohne Beschäftigung sind, steigt. Reduzieren ließe sich das Problem nur entsprechende Qualifizierungen und eine persönliche Betreuung.

Nachfrage nach Zeitarbeit ist rückläufig

Eine Wende am Arbeitsmarkt lässt oft schnell an einer Änderung bei der Beschäftigung von Zeitarbeitern feststellen. Bei schwacher Konjunktur trennen sich Unternehmen erst einmal von der Arbeitnehmerunterlassung und halten ihr festangestelltes Personal. Geht es wirtschaftlich bergauf, steigt entsprechend auch die Nachfrage nach Zeitarbeit. Hier zeigt sich jetzt deutlich die konjunkturelle Schwäche, denn die offenen Stellen, die durch Zeitarbeit gefüllt werden sollen, haben das Vor-Pandemie-Niveau noch nicht wieder erreicht. 34.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer weniger weist die Statistik der BA im Mai diesen Jahres bei den Leiharbeitnehmern im Vergleich zum Vorjahr aus.

Weniger Personalnachfrage auch in anderen Branchen

Ähnlich wie bei der Zeitarbeit entwickelte sich die Nachfrage nach Arbeitskräften im Handel. Insgesamt 33.000 weniger sozialversicherungspflichtig Beschäftigte als vor einem Jahr sind hier zu verbuchen. Auch im Bereich der Produktion von Konsumgütern und Vorprodukten wurden Stellen abgebaut.

Besser sieht es aus im Dienstleistungssektor für Unternehmen – hier wurden 84.000 Arbeitsplätze aufgestockt bis zum Mai dieses Jahres. Erstaunlicherweise gut sieht es da auch aus in der Metall-, Elektro- und Stahlbranche mit einem Plus von 40.000 Arbeitsplätzen und der Informations- und Kommunikationsbranche mit 50.000 zusätzlichen beschäftigten. Ferner verzeichnet auch das Gastgewerbe ein Plus von 34.000 Arbeitsstellen. Allerdings sind die Zahlen relativ – so wurden zwischen Mai 2021 und Mai 2022 im Handel noch 76.000 neue Jobs geschaffen und im Gastgewerbe 102.000. In der Informations- und Kommunikationstechnik waren es 50.000, in der Metall-, Elektro- und Stahlindustrie 40.000 und im Gastgewerbe 34.000.

Arbeitslosenquoten in den einzelnen Bundesländern sehr uneinheitlich

Der Anteil der Arbeitslosen an der Bevölkerung zeigt sich in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich. Bei den drei Stadtstaaten liegt er am höchsten, 11,8 Prozent in Bremen, 10,3 Prozent in Berlin und 8,4 Prozent in Hamburg. Besonders wenig Erwerbslose hat Bayern mit 4,0 Prozent, wobei die Arbeitslosenquote in den Städten höher liegt als auf dem Land. Wie die BA mitteilt, hat die Arbeitslosenquote jedoch in allen Bundesländern zugenommen, am meisten in Berlin, um 0,7 Prozentpunkte.

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