Wirtschaft

Chinas Forschungsdominanz: Wachsende Risiken für Europas Sicherheit

China treibt den globalen Technologiewandel voran und zwingt Europa zu einer strategischen Neubewertung seiner Abhängigkeiten. Welche Folgen ergeben sich daraus für das Verhältnis von Zusammenarbeit und Sicherheit?
28.11.2025 05:51
Lesezeit: 4 min
Chinas Forschungsdominanz: Wachsende Risiken für Europas Sicherheit
Chinas technologischer Vorsprung erhöht den Druck auf Europa, Abhängigkeiten zu verringern und sicherheitsrelevante Schlüsselbereiche neu auszurichten (Foto: iStock.com, SaidMammad) Foto: SaidMammad

China drängt EU und USA in entscheidenden Zukunftstechnologien zurück

China hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten bei zahlreichen Schlüsseltechnologien rasant aufgeholt und in vielen Bereichen bereits die Führungsposition übernommen. Eine neue Analyse der Denkfabrik Kraka und des Beratungsunternehmens Deloitte zeigt, dass das gängige Bild vom rein kopierenden Technologierivalen nicht länger zutrifft. Die Menge an hochwertiger Forschung aus China hat seit der Jahrtausendwende stark zugenommen.

Die australische Denkfabrik Aspi kommt zu dem Ergebnis, dass China inzwischen in 58 von 64 kritischen Forschungsfeldern vor allen anderen Staaten liegt. Dazu zählen künstliche Intelligenz, Energieinnovationen und verteidigungsrelevante Technologien. Diese Bereiche sind zentral für wirtschaftliche Entwicklung und militärische Stärke und verschieben die globale Machtbalance.

Der Politikwissenschaftler André Ken Jakobsson warnt, dass China seine technologische Führungsposition nutzen wolle, um den Westen auch militärisch zu überflügeln. Dies sei die eigentliche strategische Sorge, die sich aus der Analyse ergebe. Auch Christian Jensby, Geschäftsführer von Deloitte in Dänemark, betont, wie wichtig technologischer Vorsprung für Wertschöpfung, Wohlstand und Sicherheit ist. Schon in ihrer Neujahrsrede 2025 beschrieb die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen die Lage zugespitzt. Die neuen Daten zeigen jedoch, dass die Realität die bisherige Wahrnehmung längst überholt hat. Für Europa ergibt sich daraus eine unmittelbare sicherheitspolitische Herausforderung, die nicht ignoriert werden kann.

Chinas Aufstieg zur Forschungssupermacht

Laut der Analyse von Deloitte und Kraka hat sich China innerhalb von rund zwei Jahrzehnten von einer peripheren Forschungsnation zu einem globalen Vorreiter entwickelt. Christian Jensby beschreibt diese Entwicklung als Ergebnis einer gezielten Strategie, die auf enormes Wirtschaftswachstum und konsequente Investitionen in zentrale Industrien aufbaut. China hat über Jahre hinweg erhebliche Mittel in Forschung, Technologie und strategische Branchen gelenkt. Diese Investitionen haben das Land in eine Position gebracht, in der es bei verschiedenen militärisch relevanten Technologien einen deutlichen Vorsprung hält. Dadurch verschiebt sich das sicherheitspolitische Gleichgewicht zugunsten Pekings.

Die Analyse zeigt, dass dieser Vorsprung nicht nur theoretisch ist, sondern sich bereits in der Praxis bemerkbar macht. Technologien, die früher als westliche Stärke galten, entstehen heute zunehmend zuerst in China. Daraus ergeben sich wirtschaftliche und geopolitische Vorteile, die über Jahre oder Jahrzehnte bestehen bleiben können. Technologische Führerschaft entscheidet nicht nur über militärische Stärke, sondern auch über industrielle Wertschöpfung. Wer Standards setzt und Innovationen dominiert, schafft Abhängigkeiten, die globalen Einfluss sichern. Auch darin liegt eine wesentliche strategische Dimension des chinesischen Forschungsvorsprungs.

Debatte über Abhängigkeit und Kooperation

Obwohl sowohl Christian Jensby als auch André Ken Jakobsson die Lage als ernst einstufen, gehen ihre Einschätzungen über den angemessenen westlichen Umgang auseinander. Jakobsson fordert eine deutliche Reduzierung der Zusammenarbeit mit China und warnt vor strategischen Risiken weiterer technischer Abhängigkeiten. Er verweist darauf, dass Russland den Krieg gegen die Ukraine ohne chinesische Unterstützung kaum in dieser Form führen könnte. Dies müsse Konsequenzen haben, da weitere Abhängigkeiten die Handlungsfähigkeit des Westens einschränken würden. Neue Abhängigkeiten zu vermeiden und bestehende zu verringern, sei daher essenziell.

Jakobsson nennt die europäische Debatte über die Beteiligung von Huawei am Ausbau der 5G-Netze im Jahr 2019 als Beispiel. Viele EU-Staaten konnten den Konzern bis heute nicht vollständig aus ihren Netzen entfernen. Dies zeige, wie schwer es Europa fällt, sich aus bestehenden Strukturen zu lösen, selbst wenn sicherheitspolitische Bedenken vorliegen. Für Jakobsson ist klar, dass Europa aus dieser Erfahrung lernen muss. Technologische Kernbereiche sollten so weit wie möglich auf unabhängige und vertrauenswürdige Partner gestützt werden. Nur so lasse sich langfristige Sicherheit gewährleisten, ohne in geopolitische Abhängigkeiten zu geraten.

Kooperation mit China unter klaren Bedingungen

Christian Jensby erkennt die Risiken, hält eine vollständige Abkopplung jedoch für unrealistisch. China sei bereits heute einer der wichtigsten Handelspartner Europas. Eine vollständige Trennung würde tief in vorhandene wirtschaftliche Strukturen eingreifen und beträchtliche Nachteile mit sich bringen. Er argumentiert, dass Europa vielmehr eine präzise definierte Form der Zusammenarbeit brauche. Es gelte zu klären, in welchen Bereichen Kooperation möglich ist und in welchen Bereichen Sicherheitsinteressen Vorrang haben müssen. Nur so lasse sich eine Balance zwischen wirtschaftlichen Chancen und strategischen Risiken erreichen.

Zudem erinnert Jensby an jüngste Vorwürfe dänischer Energieunternehmen, wonach Behörden zu viel technisches Wissen über Offshore-Windenergie an China weitergegeben hätten. Ohne gesicherten Marktzugang habe dies die Position europäischer Firmen geschwächt und möglicherweise die Entwicklung chinesischer Hersteller beschleunigt. Heute stammen die drei größten Windturbinenhersteller der Welt aus China. Für Kritiker ist dies ein Hinweis darauf, dass technologischer Wissenstransfer ohne klare Rahmenbedingungen die Wettbewerbsfähigkeit Europas untergraben kann. Die Analyse weist jedoch darauf hin, dass Innovation grundsätzlich global nutzbar wäre, sofern Wissen offen geteilt wird.

Besonders sensibel: Wissenstransfer und technologische Abschottung

Ob China bereit ist, Wissen tatsächlich offenzulegen, bleibt fraglich. Christian Jensby weist darauf hin, dass China zentrale Schlüsseltechnologien bewusst schützt und teilweise geheim hält. Dieser Schutz soll sicherstellen, dass der eigene technologische Vorsprung erhalten bleibt und nicht vorschnell an internationale Wettbewerber übergeht. Für Europa ergibt sich daraus ein schwieriges Spannungsfeld. Zu viel Offenheit birgt die Gefahr, eigene industrielle Stärken preiszugeben. Zu viel Abschottung erschwert notwendige wirtschaftliche und technologische Kooperationen. Die politische Aufgabe besteht darin, diesen Konflikt zu steuern, ohne den strategischen Handlungsspielraum zu verlieren.

Die Analyse macht deutlich, dass Innovation in China zwar globale Vorteile bringen kann, diese aber keineswegs garantiert sind. Ohne klare Regeln für Wissensaustausch, Schutz geistigen Eigentums und Marktzugang bleibt die Zusammenarbeit asymmetrisch. Für Europa entsteht damit ein strukturelles Risiko, das politischen Handlungsbedarf erzeugt. Jensby betont daher, wie wichtig es ist, europäische Interessen klar zu definieren und konsequent zu verteidigen. Nur wenn Europa eigene Prioritäten setzt, kann es im technologischen Wettbewerb bestehen und seine wirtschaftliche Basis sichern.

Europas Antwort und Konsequenzen für Deutschland

Nach Einschätzung von Christian Jensby kann kein einzelnes europäisches Land den technologischen Vorsprung Chinas allein aufholen. Es braucht gemeinsame Investitionen in kritische Forschungsfelder sowie eine koordinierte europäische Strategie, die Ressourcen bündelt und klare Prioritäten setzt. Nur so kann der Abstand zu China langfristig reduziert werden. Er fordert, dass sich die EU auf einen gemeinsamen Kurs einigt und strategische Industrien gezielt fördert. Ohne eine abgestimmte europäische Forschungs- und Industriepolitik werde sich der Rückstand weiter vergrößern, was Europas sicherheits- und wirtschaftspolitische Position schwächt.

Für Deutschland hat diese Entwicklung unmittelbare Relevanz. Die deutsche Industrie ist stark auf Technologien in Energie, KI-Anwendungen, Mikroelektronik und militärisch wichtigen Bereichen angewiesen. Gleichzeitig sind deutsche Unternehmen eng in chinesische Lieferketten eingebunden, was eine schnelle Reduzierung der Abhängigkeit erschwert. Deutschland steht daher vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits müssen eigene Innovationskapazitäten gestärkt und kritische Abhängigkeiten systematisch reduziert werden. Andererseits braucht es eine enge Abstimmung mit den europäischen Partnern, um gemeinsam eine technologische Gegenposition zu China aufzubauen. Nur so bleibt Deutschland langfristig handlungsfähig.

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