Novo Nordisk-Aktie: Zwischen Wettbewerb mit Eli Lilly und Geopolitik
In dem nordeuropäischen Land ohne Berge, aber mit starkem Wind und ausgeprägter Fahrradkultur, trägt Dänemark derzeit einen Konflikt mit den USA auf zwei Ebenen aus. Die erste Front ist politischer Natur und betrifft Grönland, das US-Präsident Donald Trump wiederholt aus dänischem Einfluss lösen möchte. „Ihre Verteidigung besteht aus zwei Hundeschlitten. Wissen Sie das? Wissen Sie, was ihre Verteidigung ist? Zwei Hundeschlitten“, kommentierte Trump kürzlich die dänischen Militärkapazitäten auf Grönland. Damit ist die politische Dimension der Auseinandersetzung klar umrissen. Auch wenn nach dem Weltwirtschaftsforum in Davos etwas Entspannung in den geopolitischen Konflikt eingekehrt ist, dominieren weiterhin Unsicherheiten in dieser Angelegenheit. Der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen sieht sein Land im Dialog mit den USA auf einem guten Weg. Doch der Däne betonte am Donnerstag gegenüber dänischen Medien: "Die Situation ist nicht gelöst."
Die zweite Front verläuft weniger sichtbar, ist wirtschaftlich jedoch deutlich relevanter. In der globalen Pharmaindustrie stehen sich der dänische Konzern Novo Nordisk und der US-Wettbewerber Eli Lilly gegenüber. Was lange als klarer Vorsprung der Dänen galt, hat sich im vergangenen Jahr spürbar relativiert. Novo Nordisk verlor im Markt für Adipositas-Therapien an Boden, während Eli Lilly Marktanteile gewann. Die Börse reagierte deutlich, die Aktie der Dänen geriet massiv unter Druck. Erst seit einigen Monaten deutet sich eine Stabilisierung an.
Aktie von Novo Nordisk: Volatilität dominiert
Der Kurs von Novo Nordisk erreichte im Sommer 2024 ein Hoch von über 1.000 dänischen Kronen, umgerechnet rund 134 Euro. Danach folgte eine ausgeprägte Abwärtsbewegung, die den Kurs bis August zeitweise auf 276 Kronen, etwa 37 Euro, drückte. Seit diesem Tiefpunkt hat sich das Bild spürbar verändert. Rund um den Jahresbeginn legte die Novo Nordisk-Aktie wieder zu, das Plus summierte sich zwischenzeitlich auf mehr als 15 Prozent. Zwischenzeitliche Rückschläge nach negativen Unternehmensnachrichten konnten den Trend nicht dauerhaft bremsen.
Für Marktbeobachter gab es mehrere Gründe für diese kurzzeitige Erholung: Dazu zählt eine veränderte Erwartungshaltung, nachdem die Prognosen für das Geschäftsjahr 2025 lange Zeit sehr pessimistisch ausgefallen waren. In einem solchen Umfeld reicht bereits begrenzter positiver Nachrichtenfluss für eine Gegenbewegung. „Nach einer langen Phase, in der Investoren Eli Lilly klar bevorzugt haben, mehren sich nun die Anzeichen für eine Neubewertung von Novo Nordisk“, sagte ein Vermögensverwalter gegenüber der dänischen Wirtschaftszeitung Børsen.
Regulatorische Entscheidungen verschieben das Kräfteverhältnis
Zusätzlichen Rückenwind erhielt Novo Nordisk Ende Dezember durch eine Entscheidung der US-Arzneimittelbehörde FDA. Diese erteilte die Zulassung für die Abnehmtablette Wegovy, während Eli Lilly für ein vergleichbares Produkt noch mehrere Monate auf eine Genehmigung warten dürfte. Diese Verzögerung verschafft den Dänen kurzfristig einen Vorteil im wichtigen US-Markt. Während die Aktie von Eli Lilly im vergangenen Monat lediglich um 1,7 Prozent zulegte und seit Jahresbeginn kaum Bewegung zeigte, profitierte Novo Nordisk deutlich stärker.
„Novo Nordisk tritt nun mit voller Breite in den Markt für Abnehmtabletten ein. Sollte es gelingen, das Produkt erfolgreich zu positionieren, könnte sich die Ausgangslage grundlegend verändern“, heißt es aus dem dänischen Marktumfeld. Ob daraus eine nachhaltige Trendwende entsteht, bleibt jedoch offen, denn strukturell besitzt Eli Lilly weiterhin mehrere Vorteile.
Technologischer Vorsprung bei Eli Lilly
Beide Konzerne konkurrieren im Markt für GLP-1-basierte Wirkstoffe, die das Sättigungsgefühl regulieren. Der Erfolg von Novo Nordisk beruht auf Semaglutid, das sowohl in Ozempic als auch in Wegovy eingesetzt wird. Eli Lilly brachte mit Tirzepatid einen Wirkstoff auf den Markt, der neben dem Sättigungseffekt auch die Energiebalance stabilisiert. Das Medikament wird unter dem Namen Zepbound vertrieben. Zusätzlich arbeitet der US-Konzern an Retatrutid, einem experimentellen Dreifachpräparat aus GLP-1, GIP und Glukagon.
Glukagon wirkt entgegengesetzt zu Insulin, erhöht den Blutzuckerspiegel und steigert zugleich den Fettabbau sowie den Energieverbrauch. Klinische Studiendaten deuten darauf hin, dass dieser Ansatz deutlich wirksamer sein könnte als bestehende Therapien. In einer 72-wöchigen Studie verloren Anwender von Zepbound im Durchschnitt 20,2 Prozent ihres Körpergewichts, während Patienten mit Wegovy auf 13,7 Prozent kamen. Einzelne Daten lassen sogar eine Gewichtsreduktion von bis zu 28 Prozent erwarten.
Tablettenstrategie bleibt Risikofaktor
Novo Nordisk erhielt Anfang Dezember zwar die Zulassung für eine höhere Semaglutid-Dosierung von 7,2 Milligramm, womit die durchschnittliche Gewichtsabnahme auf 20,7 Prozent stieg. Ein vergleichbares Entwicklungsprojekt wie Retatrutid befindet sich bei den Dänen jedoch nicht in der Pipeline. Gleichzeitig setzt das Unternehmen stark auf die Tablettenform. „Wir werden alles daransetzen, dass die Markteinführung ein großer Erfolg wird“, sagte Novo-Nordisk-Manager Mike Doustdar gegenüber Bloomberg. Er sprach von einem hochwirksamen Peptid in Tablettenform, das in großem Maßstab produziert werde.
Skepsis kommt jedoch von Analystenseite. Goldman Sachs geht davon aus, dass bis 2040 rund 40 Prozent der geeigneten Patienten eine Tablette bevorzugen würden. Die Einnahme der dänischen Variante gilt allerdings als vergleichsweise umständlich. Wegovy muss nüchtern eingenommen werden, anschließend ist eine Wartezeit von 30 Minuten erforderlich. Diese Einschränkungen könnten die Akzeptanz dämpfen, während die Tablette von Eli Lilly auf einer kleinen Molekülstruktur basiert und sich einfacher skalieren lässt.
Preise, Umsätze und Analystenerwartungen
JP Morgan erwartet für die Abnehmtablette von Novo Nordisk im Jahr 2026 einen Umsatz von rund 750 Millionen US-Dollar. Für Eli Lilly wird im selben Jahr ein Erlös von nahezu zwei Milliarden US-Dollar prognostiziert, obwohl das Produkt später auf den Markt kommen dürfte. In den USA hat sich Novo Nordisk mit der Regierung auf feste Preise geeinigt. Die monatliche Therapie kostet je nach Dosierung zwischen 149 und 299 US-Dollar. Der Vertrieb erfolgt über die eigene Online-Apotheke Novocare sowie über Partner wie Ro, Weightwatchers und große Einzelhandelsketten.
Auch die Analystenbewertungen spiegeln die Unsicherheit wider. Für Novo Nordisk empfehlen 15 Analysten den Kauf, 14 raten zum Halten, vier zum Verkauf. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 374 dänischen Kronen, umgerechnet rund 50 Euro. Eli Lilly wird etwas positiver eingeschätzt. 29 Analysten sprechen eine Kaufempfehlung aus, das durchschnittliche Kursziel liegt bei rund 1.131 US-Dollar.
Novo Nordisk-Aktie: Analystenmeinungen – positives Momentum vorbei?
Die jüngsten Analystenstimmen zur Novo Nordisk-Aktie zeigen ein differenziertes Bild: Während mehrere Banken die Chancen der neuen oralen Wegovy-Form betonen, bleiben andere vorsichtig wegen überhöhter Erwartungen. Entscheidend ist, ob die Tabletten-Einführung in den USA tatsächlich langfristig Dynamik entfalten kann. Auch Kursziele und Einstufungen bewegen sich in einer breiten Spanne, was die Unsicherheit am Markt widerspiegelt.
Am 23. Januar bestätigte Jefferies die Einstufung „Underperform“ mit einem Kursziel von 270 Kronen. Analyst Michael Leuchten hob zwar hervor, dass die Startphase der oralen Wegovy-Version stark gewesen sei, doch die Verschreibungen lägen weiterhin unter den Höchstwerten vor Weihnachten. Die Markterwartungen seien aus seiner Sicht zu hoch. Einen Tag zuvor blieb Berenberg bei der Kaufempfehlung „Buy“ mit einem Kursziel von 415 Kronen. Kerry Holford verwies auf Google-Suchdaten, die ein wachsendes Interesse in den USA an der neuen Tablettenform signalisierten. Ebenfalls am 22. Januar hob Goldman Sachs das Kursziel von 352 auf 436 Kronen an und bestätigte „Buy“. James Quigley sieht kurzfristig eine beflügelte Anlegerstimmung, während im zweiten Halbjahr 2026 mögliche Erstattungen durch US-Krankenversicherungen als Impuls gelten könnten. Am selben Tag bewertete Barclays die Novo Nordisk-Aktie mit „Equal Weight“ und einem Kursziel von 360 Kronen. James Gordon sprach von vielversprechenden Daten zur oralen Einnahme, wies aber auf Unsicherheit bei der injizierbaren Version hin. UBS blieb am 20. Januar bei „Neutral“ und 390 Kronen. Im Fokus stehe die Profitabilität der oralen Wegovy-Variante sowie ein zurückhaltender Ausblick auf 2026. Insgesamt bleibt die Novo Nordisk-Aktie ein Spannungsfeld zwischen Optimismus und Vorsicht.
Der Wettbewerb zwischen Novo Nordisk und Eli Lilly zeigt, wie dynamisch sich der Markt für Adipositas-Therapien verändert. Während Novo kurzfristig von regulatorischem Rückenwind profitierte, setzt Eli Lilly auf technologische Überlegenheit und neue Wirkstoffgenerationen. Analysten erwarten milliardenschwere Umsätze, doch Unsicherheiten bleiben – etwa bei der Akzeptanz von Tabletten oder der Geschwindigkeit weiterer Zulassungen. Für Europa und Deutschland steht mehr auf dem Spiel als nur Aktienkurse: Es geht um Versorgung, Innovation und die strategische Position im globalen Pharmarennen.

