Schleichende Krise erfasst Deutschlands Autoindustrie
In der deutschen Automobilindustrie sind zwischen 2019 und 2025 rund 111.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Gleichzeitig verlagern Hersteller zunehmend ihre Produktion nach Osteuropa, wo niedrigere Steuern, Subventionen und deutlich geringere Lohnkosten locken.
Die Europäische Union umfasst 27 Staaten, doch die wirtschaftlichen Unterschiede sind größer, als viele politische Entscheidungsträger einräumen wollen. Besonders deutlich wird das in der Automobilindustrie. Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien verfügen zwar über eine lange industrielle Tradition, doch die Entwicklung der Produktion zeigt ein anderes Bild.
Verlagerung der Produktion verschärft den Druck
Die Fahrzeugproduktion in den großen westeuropäischen Ländern ist in den vergangenen Jahren deutlich eingebrochen. Eine Analyse des Handelsblatts zeigt, dass dort zuletzt 26 Prozent weniger Pkw und leichte Nutzfahrzeuge gebaut wurden als 2019.
In den fünf größten osteuropäischen Ländern Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien und der Slowakei fiel der Rückgang dagegen mit acht Prozent deutlich geringer aus. Der Grund liegt in der schrittweisen Verlagerung von Produktionskapazitäten nach Osten, ein Trend, der sich in den kommenden Jahren weiter verstärken dürfte.
Kostenunterschiede als entscheidender Faktor
Offen wird selten darüber gesprochen, doch im Kern geht es um Kosten. Hersteller reagieren auf steigenden Wettbewerbsdruck, indem sie ihre Produktion an Standorte mit besseren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verlagern.
Ein Vergleich der Stundenlöhne macht die Unterschiede sichtbar. Ein Produktionsarbeiter in Deutschland verdient im Schnitt rund 25 Euro pro Stunde, in Polen sind es etwa sieben Euro. In Einzelfällen können die Differenzen sogar noch deutlich größer ausfallen.
Neben den Löhnen spielen staatliche Anreize eine zentrale Rolle. Viele osteuropäische Staaten bieten Subventionen für neue Werke, niedrigere Unternehmenssteuern und unterstützen den Ausbau der notwendigen Infrastruktur.
Premiumhersteller folgen dem Trend
Lange Zeit waren es vor allem Volumenhersteller wie Volkswagen, die ihre Produktion nach Osteuropa verlagerten. Inzwischen folgen auch Premiumhersteller diesem Kurs und bauen ihre Kapazitäten gezielt aus.
Mercedes-Benz-Chef Ola Källenius erklärte kürzlich, dass Investitionen in Osteuropa aus wirtschaftlicher Sicht attraktiver seien als in Westeuropa. Entsprechend soll die Produktionskapazität im ungarischen Werk Kecskemét von 200.000 auf 400.000 Fahrzeuge verdoppelt werden.
Auch BMW setzt verstärkt auf die Region. In Debrecen investierte der Konzern mehr als zwei Milliarden Euro und produziert dort erstmals Elektrofahrzeuge in Osteuropa, darunter das Modell iX3. Zudem hat Cupra die Fertigung des SUV Terramar in Ungarn aufgenommen.
Schwäche auf dem chinesischen Markt belastet zusätzlich
Die Gewerkschaft IG Metall spricht angesichts dieser Entwicklung von einer schleichenden Krise für Deutschland. Unternehmen würden aus kurzfristigen Kostengründen die industrielle Basis des Landes zunehmend aushöhlen.
Noch sind die Produktionsverluste im internationalen Vergleich moderat. Zwischen 2019 und 2025 ging die Produktion in Deutschland um 16 Prozent zurück, während sie in Großbritannien und Italien um mehr als 40 Prozent einbrach.
Ein stabilisierender Faktor ist die steigende Nachfrage nach Elektroautos. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 1,2 Millionen Elektrofahrzeuge produziert, ein Plus von 15 Prozent. Sie machen inzwischen rund 40 Prozent der heimischen Produktion aus.
Trotzdem kann dieser Zuwachs den generellen Rückgang nicht ausgleichen. Besonders kritisch ist der sinkende Marktanteil deutscher Hersteller in China, dem wichtigsten globalen Absatzmarkt. Gleichzeitig belasten US-Zölle und der harte Preiswettbewerb in China die Margen.
Strukturelle Kostenprobleme am Standort
Viele Hersteller erzielen weiterhin Milliardengewinne, doch die Profitabilität nimmt spürbar ab. Die Verlagerung der Produktion in Länder mit niedrigeren Kosten gilt daher als zentraler Hebel, um Margen zu stabilisieren und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
Diese Strategie verfolgt insbesondere der Volkswagen-Konzern seit Jahren konsequent. In Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei ging die Produktion zuletzt nur leicht um ein Prozent auf 1,2 Millionen Fahrzeuge zurück, während die Dynamik in Westeuropa deutlich schwächer ausfällt.
In Deutschland hingegen produzierten Volkswagen, Škoda sowie Seat und Cupra zusammen lediglich 950.000 Fahrzeuge und damit weniger als BMW allein. Das verdeutlicht die strukturelle Verschiebung innerhalb der europäischen Produktionslandschaft zulasten des Standorts Deutschland.
Neben den Lohnkosten belasten weitere Faktoren den Standort. Deutschland gilt als Hochkostenland mit hohen Steuern, steigenden Energiepreisen und umfangreichen regulatorischen Vorgaben, die Investitionsentscheidungen zunehmend beeinflussen.
Kostenunterschiede verschieben Investitionen
Nach Daten aus dem Jahr 2024 lagen die durchschnittlichen Arbeitskosten in Deutschland bei 43 Euro pro Stunde, während sie in Ungarn lediglich 14 Euro betrugen. Mercedes-Benz beziffert die Produktionskosten dort insgesamt als rund 70 Prozent niedriger als in Deutschland.
Unternehmen planen daher, den Anteil der Produktion in Niedriglohnländern zwischen 2024 und 2027 von 15 auf 30 Prozent zu erhöhen. Neue Modelle wie die elektrische C-Klasse und der SUV GLB sollen künftig ebenfalls in Ungarn gefertigt werden, was die Verlagerung weiter beschleunigt.
Arbeitsplätze geraten zunehmend unter Druck
Die Verlagerung der Produktion hat direkte Folgen für den Arbeitsmarkt. Seit 2019 sind in der deutschen Automobilindustrie rund 111.000 Arbeitsplätze verloren gegangen, was bedeutet, dass innerhalb von sechs Jahren etwa jeder siebte Job in der Branche verschwunden ist.
Der Chefökonom des Branchenverbands VDA, Manuel Kallweit, sieht darin eine Folge der Standortbedingungen. Unternehmen suchten aus wirtschaftlichen Gründen zunehmend Alternativen außerhalb Deutschlands.
Länder wie Ungarn locken mit niedrigen Steuern, schnellen Genehmigungsverfahren und hohen Subventionen. Gleichzeitig kritisiert die Gewerkschaft IG Metall, dass einige Konzerne von geringeren Arbeitsstandards und politischen Rahmenbedingungen profitieren.
Die Regierung von Viktor Orbán steht wegen Einschränkungen der Justiz und Korruptionsvorwürfen in der Kritik. Für viele Investoren überwiegen jedoch die wirtschaftlichen Vorteile, sodass die Verlagerung der Produktion als notwendiger Schritt bewertet wird.
Versäumnisse bei der Elektromobilität verstärken die Krise
Neben den strukturellen Kostenproblemen werden auch Managementfehler als Ursache genannt. Der Automobilexperte Stefan Bratzel sieht Defizite beim Übergang zur Elektromobilität. Viele Hersteller hätten zu spät reagiert und es nicht geschafft, rechtzeitig wettbewerbsfähige und preislich attraktive Elektrofahrzeuge zu entwickeln.
Ein Beispiel ist die EQ-Modellreihe von Mercedes-Benz, die weder in Europa noch in China die erwartete Nachfrage erreichen konnte. Gleichzeitig profitieren deutsche Hersteller davon, dass die Nachfrage nach Tesla zuletzt nachgelassen hat. Dadurch rücken deutsche Elektroautos in den Verkaufsstatistiken wieder näher an die Spitzenpositionen heran.
Standort Deutschland steht vor grundlegenden Entscheidungen
Die Entwicklung verdeutlicht die strukturellen Herausforderungen für die deutsche Automobilindustrie. Steigende Kosten, geopolitische Spannungen und technologische Umbrüche verändern die Wettbewerbsbedingungen nachhaltig.
Für Deutschland ergibt sich daraus ein wachsender Handlungsdruck. Ohne gezielte Reformen bei Energiepreisen, Steuern und Regulierung droht eine weitere Abwanderung von Produktion und Wertschöpfung. Die Zukunft der Industrie hängt damit zunehmend von der Fähigkeit ab, den Standort wieder wettbewerbsfähiger zu machen.
