Politik

Analyse: Karten zeigen einen weiteren möglichen Grund, warum Trump Grönland ins Visier nimmt

Donald Trump begründet sein Interesse an Grönland mit nationaler Sicherheit. Doch hinter den Kulissen eröffnen sich weitreichendere Motive. Schmelzendes Eis, neue Handelsrouten und geopolitische Rivalitäten machen die Arktis zu einem der sensibelsten Schauplätze der Weltpolitik.
26.01.2026 10:59
Lesezeit: 5 min

Sicherheit ist nur ein Teil der Wahrheit

Die nahezu kochende Spannung rund um Grönland hat sich zuletzt etwas gelegt. Erst letzte Woche erklärte Trump in Davos, dass er zum 1. Februar keine zusätzlichen Zölle gegen europäische Länder einführen werde. Er begründete dies damit, dass er gemeinsam mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte die Grundlagen für eine künftige Vereinbarung über Grönland und die gesamte Arktisregion gelegt habe.

Ungeachtet dessen hat der Schifffahrtssektor die Veränderungen bereits zu spüren bekommen. Das Beratungsunternehmen Linerlytica, das Entwicklungen in der Containerschifffahrt analysiert, berichtete, dass die Frachtraten für Containertransporte von der EU in die USA seit Beginn des Jahres 2025 um rund 40 Prozent gesunken sind. Über das Jahr hinweg wurden 5,9 Prozent mehr Container von der EU über den Atlantik transportiert. Im Dezember verlangsamte sich das Wachstum jedoch deutlich. Lars Jensen, Gründer des Containerschifffahrtsunternehmens Vespucci Maritime, wies zudem darauf hin, dass die dänische Reederei Maersk Probleme mit ihrer Tochtergesellschaft Maersk Line Limited bekommen könnte. Diese betreibt Schiffe unter US-Flagge und erbringt Dienstleistungen für das US-Militär. Sollte der Konflikt erneut eskalieren, könnte auch die zur französischen CMA-CGM-Gruppe gehörende Reederei APL betroffen sein, da Frankreich seine Unterstützung für Dänemark erklärt hat.

Neue Routen verändern die globale Schifffahrt

Das Energieberatungsunternehmen Wood Mackenzie betonte, dass Trumps Interesse an Grönland mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur auf den dort vorhandenen seltenen Erden beruht. Ebenso entscheidend seien die neuen Perspektiven, die sich durch arktische Schifffahrtsrouten eröffnen. Experten zufolge sind traditionelle Routen wie der Suezkanal oder der Panamakanal zunehmend zu Geiseln geopolitischer Spannungen geworden. Vor diesem Hintergrund habe sich Grönland zu einem Tor in den Norden entwickelt, berichtete das Fachmedium Splash247.

Der Klimawandel führt dazu, dass sich der grönländische Eisschild ebenso zurückzieht wie die Eisbedeckung der arktischen Gewässer. Daten des National Snow and Ice Data Center der USA zeigen, dass das Meereis in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich eine Fläche von 4,6 Millionen Quadratkilometern bedeckte. Wie die Zeitung The Guardian feststellt, entspricht dies zwar in etwa der Fläche der gesamten EU, liegt jedoch um 27 Prozent unter dem Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010. Das schmelzende Eis erreicht im Sommer bereits nicht mehr die Küsten Kanadas und Russlands. Da sich unter dem Eis am Nordpol kein Festland befindet, öffnen sich bislang unzugängliche Gewässer.

Am weitesten entwickelt ist derzeit der Nördliche Seeweg entlang der russischen Arktisküste von Europa nach Asien. Dieser ist von zentraler Bedeutung für die strategischen Ambitionen Moskaus. Weiter westlich verläuft die Nordwestpassage durch den kanadischen arktischen Archipel. Diese Route führt Schiffe deutlich näher an Grönland heran. Nach Einschätzung von CBS News ist dies ein zentraler Grund für die Besorgnis der Trump-Administration. Derzeit ist das Verkehrsaufkommen in diesen Gewässern noch gering. Mit zunehmender Erwärmung wird die Kontrolle über diese Route jedoch strategisch immer wichtiger. Die US-Behörde NOAA erklärte bereits 2022, dass in den kommenden Jahrzehnten mit regelmäßigen Fahrten in diesen Gewässern zu rechnen sei.

In langfristigen Planungen gewinnt zudem eine dritte Route an Bedeutung. Der zentrale Arktisweg führt direkt über den Nordpol. Er verändert die Landkarte des Welthandels, da er eine attraktive Alternative zum Suezkanal darstellen könnte. Der Weg von Westeuropa nach Ostasien ließe sich nahezu halbieren. Nach Schätzungen der NOAA könnten Schiffe diese Route ab dem Jahr 2059 nutzen, da sich das arktische Meereis weiter zurückziehen wird.

Enorme Einsparungen, aber hohe Risiken

Im vergangenen Jahr war das Containerschiff Istanbul Bridge das erste, das von China nach Europa über den Nördlichen Seeweg fuhr. Dieser ist auch als Polarer Seidenweg bekannt. Die Reise dauerte rund 20 Tage. Daten der Organisation Marine Exchange of Alaska zeigen, dass im Jahr 2024 insgesamt 665 Fahrten durch die Beringstraße registriert wurden. Dies entspricht einem Anstieg von 175 Prozent gegenüber dem Jahr 2010. Das Arctic Institute, das sich mit politischen und sicherheitspolitischen Fragen der Region befasst, beziffert das Einsparpotenzial des Nördlichen Seewegs im Vergleich zum Suezkanal auf bis zu 50 Prozent der Gesamtkosten. Die Reisezeit von Japan nach Europa verkürzt sich demnach von 22 auf etwa 10 Tage. Ähnlich stark reduziert sich die Strecke von Shanghai nach Rotterdam.

Trotz dieser Vorteile gelten die arktischen Routen als riskant, was ihre kommerzielle Attraktivität einschränkt. Serafina Andrejeva vom norwegischen Fridtjof-Nansen-Institut erklärte gegenüber The Guardian, dass Schiffe selbst im Sommer im Eis stecken bleiben. Dies geschieht trotz russischer Investitionen in atomgetriebene Eisbrecher und des Ziels, den Nördlichen Seeweg ganzjährig offen zu halten. Russland und China haben sich bereits zuvor darauf verständigt, diese Route gemeinsam auszubauen.

Schmelzendes Eis, neue Routen

Trumps offiziell mit Sicherheitsinteressen begründetes Engagement in Grönland bildet nur einen Teil des Gesamtbildes. Die Arktis verändert sich schneller als jede andere Region der Welt. Das Klima erwärmt sich dort viermal schneller als im globalen Durchschnitt. Während neue wirtschaftliche Chancen in Bergbau und Schifffahrt entstehen, wächst zugleich das geopolitische Risiko. Die Kontrolle über arktische Routen entwickelt sich zu einem strategischen Machtfaktor zwischen den USA, Russland, China und Europa. Grönland rückt damit ins Zentrum einer globalen Neuordnung.

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