Europäische Aktien im Aufwind: Renaissance des Kontinents oder nur Währungsrally?
Seit dem Wahlsieg von Donald Trump 2024 hat der US-Dollar gegenüber dem Euro rund zehn Prozent an Wert verloren. Seit Jahresbeginn ist die US-Währung zudem noch einmal um zwei Prozent geschwächt – ein deutliches Signal für eine strukturelle Neubewertung des Dollars. Anfang 2025 lagen Paritätsbedenken bei einem EUR/USD-Kurs von 1,02 im Raum; mittlerweile nähert sich der Kurs 1,20. Jordy Hermanns, Portfolio Manager bei Aegon Asset Management, spricht von einer "strukturellen Neubewertung der US-Währung".
Rüstungsboom und strategische Autonomie als Wachstumstreiber
Unternehmen wie Rheinmetall profitieren derzeit - trotz aktueller Turbulenzen - langfristig von verstärkten Aufrüstungsbemühungen. Laut Hermanns verfügen sie über "volle Auftragsbücher und strukturelle Unterstützung durch sich verändernde Sicherheitsprioritäten". Steilere Zinskurven spiegeln zudem steigende Investitionspläne in Europa wider, die teilweise durch das Ziel motiviert sind, Abhängigkeiten von außen zu verringern.
Hermanns zieht daraus den Schluss: "Zusammengenommen signalisieren diese Trends, dass die Anleger eine strukturelle Verschiebung hin zu einer geringeren Integration zwischen den USA und Europa, einer größeren strategischen Autonomie Europas und anhaltender geopolitischer Unsicherheit einpreisen."
Europäische Aktien schlagen US-Pendants
Die Marktbewegungen der vergangenen Quartale zeigen, dass europäische Aktien den US-Märkten überlegen sind. In lokalen Währungen erzielten europäische Aktien höhere Renditen als US-Titel. Unter Berücksichtigung der Dollarschwäche, der viele europäische Anleger ausgesetzt sind, klafft die Performance-Lücke deutlich: US-Aktien +4 %, europäische Aktien +27 %. Hermanns rät Anlegern, "das Währungsrisiko neu zu bewerten – insbesondere da der US-Dollar weiterhin als Druckventil für umstrittene politische Maßnahmen wie die Politisierung der Federal Reserve dient."
Handelsstreit 2026 vorprogrammiert
Die politischen Spannungen zwischen den USA und ihren Partnern halten an. Der Streit um Grönland hat erneut erhebliche Bedenken ausgelöst. Hermanns warnt: "Wenn die Vereinigten Staaten bereit sind, solche Maßnahmen sogar gegen Verbündete zu ergreifen, sind auch andere umstrittene Maßnahmen denkbar." Unter der Präsidentschaft Trumps erwartet er weiterhin Streitigkeiten und Unsicherheiten bei Zöllen.
Als Beispiel nennt er Korea: Die US-Zölle wurden dort von 15 auf 25 % erhöht, da das Land Handelsabkommen nicht einhielt. Im Gegenzug versprach Korea Investitionen in Höhe von 350 Milliarden US-Dollar. Hermanns hält es jedoch für "unwahrscheinlich, dass Korea diese Verpflichtung erfüllen will; wahrscheinlich wurde das Abkommen in der Hoffnung geschlossen, Zeit zu gewinnen, bis eine neue US-Regierung ihr Amt antritt." Japan sicherte Investitionen von 550 Milliarden US-Dollar zu, die wegen der prekären Haushaltslage ebenfalls kaum realistisch erscheinen.
Die Europäische Union verpflichtete sich zu Investitionen von 600 Milliarden bzw. 750 Milliarden US-Dollar in US-Energieprodukte. Hermanns betont: "Zwar werden EU-Unternehmen erhebliche Summen in den USA investieren, doch haben die Regierungen keinen Einfluss darauf. Außerdem liegen die Energiekäufe weit über dem realistischen Bedarf Europas." Da die Zusagen wahrscheinlich nicht eingehalten werden, steigt die Wahrscheinlichkeit künftiger Handelsstreitigkeiten.
Auch das ab November auslaufende Handelsabkommen mit China wird neue Verhandlungen erfordern. China dürfte erneut Lieferungen von Seltenen Erden drosseln, um die eigene Verhandlungsposition zu stärken. Eine mögliche Entscheidung des US-Obersten Gerichtshofs könnte zudem einen Teil der IEEPA-Zölle für verfassungswidrig erklären. Dennoch verfüge die US-Regierung über alternative Mechanismen, um Zölle zu erheben, so Hermanns: "Das Risiko bleibt bestehen."
Langfristige Folgen für Europa
Hermanns bilanziert: "Die Beziehungen zwischen den USA und Europa haben tatsächlich Schaden genommen und eine schmerzhafte Entkopplung wurde in Gang gesetzt." Die US-Politik werde für die EU in den kommenden Jahren unvorhersehbar und potenziell feindselig sein – mit direkten Auswirkungen auf Wirtschaft und Märkte.
Gleichzeitig bietet sich für Europa die Chance, strategische Autonomie auszubauen. Hermanns sieht "erhebliche Investitionen in Verteidigung, Energie und Technologie" auf den Kontinent zukommen. Diese könnten zwar leichten Inflationsdruck erzeugen, gleichzeitig aber das Wachstum stützen. "Diese Auswirkungen werden sich jedoch erst zu gegebener Zeit zeigen," so Hermanns abschließend.

