US-Forscher: Goldman Sachs hat uns um unser Lebenswerk gebracht

Zwei Forscher in Boston arbeiten zwanzig Jahre lang Tag und Nacht. Sie schaffen den Durchbruch und entwickeln einen Algorithmus, der die Spracherkennungs-Technologien revolutioniert. Dann machen sie einen verhängnisvollen Fehler: Sie holen sich Goldman Sachs ins Haus, um einen Partner für das Unternehmen zu finden - und verlieren Geld und Lebenswerk. Eine traurige Geschichte über die Naivität von Forschern und die professionelle Kaltschnäuzigkeit einer Investmentbank, die auch noch zehn Jahre nach der Tragödie sagt: „We did a great job!“

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James und Janet Baker: Die Wissenschaftler haben alles verloren, weil Goldman die beiden Forscher nicht vor einem Verkauf ihrer Firma an ein belgisches Betrüger-Duo warnte. Nun fordern die Forscher eine Milliarde Dollar Schadensersatz von Goldman. (Foto: NYT)

James und Janet Baker: Die Wissenschaftler haben alles verloren, weil Goldman die beiden Forscher nicht vor einem Verkauf ihrer Firma an ein belgisches Betrüger-Duo warnte. Nun fordern die Forscher eine Milliarde Dollar Schadensersatz von Goldman. (Foto: NYT)

James und Janet Baker haben sich nur einem Thema verschrieben. Es ist ihr Lebensthema: Wie kann man den Computer dazu bringen, dass er die menschliche Sprache versteht? Beide haben einen PhD von amerikanischen Elite-Universitäten, James von Princeton, Janet von Tufts. Es sind entbehrungsreiche Jahre, in denen das Ehepaar nichts anderes kennt als die besessene Suche nach dem richtigen Code. Sie gönnen sich nichts, leben bescheiden. Nur die Erziehung ihrer Kinder hat in ihrem Leben neben der Forschung Platz. Später werden sie sagen, Dragon sei ihr drittes Kind gewesen.

Dragon: Das ist das Meisterwerk der Bakers.  Nach jahrzehntelanger Forschungsarbeit gelingt es den beiden nämlich, einen Algorithmus zu entwickeln, der heute als Meilenstein der Spracherkennung gilt. Sie gründen ein Software-Unternehmen, Dragon Systems. Sie versuchen, ihre Forschungsergebnisse in ein Business umzuwandeln. Es gelingt.

Im Juni 1997 bringen die Bakers mit Dragon Naturally Speaking das erste erschwingliche PC-Programm zur Spracherkennung auf den Markt, das normale die menschliche Sprache versteht. Das ist eine Weltsensation. Bis zum Durchbruch der Bakers war die Spracherkennung eher eine brotlose Kunst. Man musste beim Sprechen zwischen zwei Wörtern stets eine Pause machen, um vom Computer verstanden zu werden. Die Ergebnisse waren unbefriedigend. Spracherkennung ist eine komplexe Wissenschaft. Der Erfolg der Bakers hat in der Branche einen ähnlichen Stellenwert wie die Mondlandung in der bemannten Raumfahrt.

Lange weigern sich die Bakers,Venture Capital für ihr neues Unternehmen aufzunehmen. Sie wollen unabhängig bleiben, fürchten, dass die Geldgier von Investoren ihre Forschungsergebnisse zu schnell kommerzialisieren würde. Aber das Unternehmen wächst so schnell, dass die Bakers schließlich doch ein Partner-Unternehmen brauchen. Sie entschließen sich, Dragon zu verkaufen, um die Software im großen Stil weiterentwickeln zu können. Zur professionellen Unterstützung der Transaktion holen sie sich eine Firma als Berater, deren Namen damals das Nonplusultra des Investmentbankings war. Goldman Sachs. Im Jahr 2000 verkaufen sie ihr Unternehmen schließlich für 580 Millionen Dollar an das belgische Unternehmen Lernout & Hauspie (L&H). Goldman erhält ein Honorar von fünf Millionen Dollar.

Doch schon bald wird deutlich: Mit diesem Verkauf sind die Bakers in die größte Katastrophe ihres Lebens geschlittert. Die Firma, die Dragon gekauft hat, ist wirtschaftlich bereits am Ende. Die Gründer des belgischen Unternehmens, Jo Lernout und Pol Hauspie, haben nämlich die Bilanz ihres Unternehmens auf betrügerische Weise poliert. Wichtige Kunden aus Korea entpuppten sich als glatte Erfindungen, berichtet die New York Times. Die gesamte Verkaufsstatistik ist ein Lügengebilde, das Unternehmen besteht praktisch nur auf dem Papier.

Von all dem ahnen die Bakers nichts, als sie den Verkauf verhandeln. Denn sie verlassen sich auf Goldman Sachs: Das sind schließlich die Profis, die vom M&A-Geschäft etwas verstehen – denken die Bakers.

Die Bakers im Jahr 1990 bei der Präsentation eines ersten Prototypen für Dragon. (Foto: privat)

Die Bakers im Jahr 1990 bei der Präsentation eines ersten Prototypen für Dragon. (Foto: privat)

Am 27. März 2000 findet bei Dragon Systems die schicksalshafte Vorstandssitzung statt. Unter Leitung von Janet Baker wird entschieden, der Übernahme des Unternehmens durch L&H zuzustimmen. Es ist bei Übernahmen üblich, dass ein erheblicher Teil des Kaufpreises in Unternehmensanteilen des Käufers bezahlt wird (Share Deal). So soll unter anderem sichergestellt werden, dass die Eigentümer des eingekauften Unternehmens ein Eigeninteresse am Erfolg des aufkaufenden Unternehmens haben. An diesem besitzen sie ja jetzt Anteile, sodass dessen Gewinn auch ihr Gewinn ist. Bei Dragon Systems hatte man lange darüber diskutiert, ob man einen solchen reinen Share-Deal wirklich eingehen solle. Schließlich hatten die Forscher einen enormen und realen Unternehmenswert geschaffen. Aber die Bakers sind so überzeugt von ihrer Entwicklung, dass sie schließlich für einen reinen Share-Deal stimmen. Sie sind auch nicht geldgierig, wollen nicht, wie andere Gründer, schnelle Kasse machen. Sie stimmen dem Share-Deal zu, weil sie an die Überlegenheit von Dragon glauben. Goldman riet den Bakers nicht ausdrücklich von einem solchen Deal ab.

Doch damit hatten die Bakers ihr eigenes Todesurteil unterschrieben: Während Goldman die fünf Millionen Dollar Honorar natürlich in Cash erhielt, besaßen die Bakers auf einmal Anteile an einem Fake-Unternehmen, dass in Wahrheit nichts anderes war als eine betrügerisch aufgeblasenen Scheinfirma.

Nur wenige Monate nach der Übernahme von Dragon Systems meldet L&H Konkurs an. Das eben noch als Zukunftssicherung gedachte Unternehmen ist über Nacht nichts mehr wert. Die Bakers verlieren damit nicht nur den gesamten Unternehmenswert an Dragon: Das Unternehmen war zum Zeitpunkt der Transaktion mit 580 Millionen Dollar bewertet worden. Statt Cash zu nehmen, bekamen die Bakers Anteile an einem wertlosen Unternehmen. Die Forscher müssen tatenlos zusehen, wie ihre gesamte Forschungsarbeit mitsamt den Rechten an der Dragon-Technologie aus der Konkursmasse an andere Softwarefirmen verkauft wird. Die Bakers verlieren jede Zeile Code – sie verlieren alles, was sie in Jahrzehnten entwickelt hatten. Teile von Dragon findet man heute unter anderem bei der Spracherkennung, die Apple für seinen Personal Manager Siri verwendet. Die Bakers sehen von den gewaltigen Einnahmen der anderen Unternehmen nie auch nur einen Cent. Sie haben die Patentrechte verloren, wurden um ihr Lebenswerk gebracht.

Janet Baker gründete nach dem Dragon-Debakel das Saras-Institut und ist an verschiedenen US-Universitäten in der Forschung tätig, unter anderem auch in Grenzbreichen von Computertechnologie und Neurowissenschaften. (Foto: Saras Institut)

Janet Baker gründete nach dem Dragon-Debakel das Saras-Institut und ist an verschiedenen US-Universitäten in der Forschung tätig, unter anderem auch in Grenzbreichen von Computertechnologie und Neurowissenschaften. (Foto: Saras Institut)

Anfang November hat in Boston der Prozess Baker vs. Goldman Sachs begonnen (hier die Klage im Wortlaut, die bereit 2009 eingereicht wurde). Denn heute ist den Forschern klar, dass sie sich in Goldman geirrt haben. Bakers Anwalt Alan K. Cotler wirft der Investmentbank vor, „faul und unfähig“ gewesen zu sein. Die Forscher seien heute überzeugt: Die lasche und mangelhafte Arbeit der Investmentbank habe sie um ihr Lebenswerk gebracht. Der Anwalt erklärt den Deutschen Wirtschafts Nachrichten, warum er es für begründet hält, Goldman den Vorwurf der Pflichtverletzung machen zu können: Der Betrug um L&H flog durch einen Artikel des Wall Street Journal vom 8. August 2000 auf (hier). Alan Cotler versteht heute noch nicht, warum Goldman nicht schon viel früher hätte draufkommen können, dass bei den Belgiern etwas faul ist. Die Journalisten des WSJ hatten ganz einfach nichts einige der angeblichen Kunden von L&H angerufen – und schon wussten sie, dass es sich um eine Luftnummer handeln musste. Das sei eigentlich das Mindeste, was eine Investment-Bank an Recherche für ein Honorar von fünf Millionen Dollar leisten müsse.

Die New York Times beschreibt, dass bei Goldman zwei junge und unerfahrene Investmentbanker mit der Transaktion betraut gewesen seien, die sich während der kritischen Verhandlungen mehrfach auf Urlaub befunden, an entscheidenden Telefonkonferenzen nicht teilgenommen und die Sache mit erheblicher Arroganz auf die leichte Schulter genommen hätten. Besonders bitter für die Bakers: Unabhängig von der Dragon-Transaktion hatte bei Goldman eine andere Abteilung schon früher in die Bücher der Belgier geschaut – mit dem Ergebnis, dass Goldman große Zweifel an der Seriosität des Geschäfts von L&H überkamen, und die Investmentbank von einem Einstieg Abstand nahm. Die Bakers haben während ihrer Verhandlungen niemals von dieser Beurteilung erfahren. Es ist gut möglich, dass auch die beiden Jungbanker, die den Deal für Baker verhandelt haben, davon gar nichts gewusst haben.

Goldmans Verteidigung bestreitet sämtliche Vorwürfe. Man sei vertraglich nicht verpflichtet gewesen, eine Prüfung der Bücher (Due Diligence) von L&H durchzuführen. Unterstützung erhält Goldman von William D. Cohan, Autor von „Money and Power: How Goldman Sachs Came to Rule the World.“ Cohan berichtet in einem Beitrag für Bloomberg, dass Goldman Dragon Systems „deutlich ermahnt“ habe, man solle einen internationalen Wirtschaftsprüfer für die Due Diligence engagieren. Doch Dragon Systems habe dies aus Zeit- und Kostengründen abgelehnt. Die Bakers bestreiten dies. Die Verantwortlichen bei Dragon Systems seien davon ausgegangen, dass Goldman L&H einer strengen Prüfung unterziehe – und zumindest über die wichtigsten Kennzahlen des Unternehmens auch eigene Recherchen anstelle. Goldman lehnte eine Stellungnahme für die Deutschen Wirtschafts Nachrichten ab.

Wie blanker Zynismus muss es für die Bakers allerdings klingen, wenn Goldman nicht nur jede Verantwortung für das Desaster ablehnt, sondern den Fall noch als eine besondere Erfolgsgeschichte verkauft. Man habe „großartige Arbeit“ geleistet, sagte einer der involvierten Banker der New York Times. Man habe Dragon Systems „hervorragend beraten“ und „zum Geschäftsabschluss geführt“, sagte ein Goldman-Banker unter Eid. Das und nur das sei der Auftrag gewesen – und den habe man erfüllt. Auch wenn die Bakers alles verloren hätten? Ja, denn der man sei beauftragt gewesen, einen Transaktion zustande zu bringen und diese sei zustande gekommen.

Für alle weiteren Probleme seien die Bakers selbst verantwortlich: Die fatale Entscheidung, eine Zahlung in 100 Prozent Aktien zu akzeptieren, habe allein Dragon Systems zu verantworten.

James Baker arbeitet heute für die Johns Hopkins Universität. (Foto: Johns Hopkins)

James Baker arbeitet heute für die Johns Hopkins Universität. (Foto: Johns Hopkins)

Doch damit nicht genug: Goldman hat sogar eine Gegenklage eingereicht, in der Janet Baker Vertragsbruch vorgeworfen wird. Denn im Vertrag sei nur Dragon Systems das Recht eingeräumt worden, die Bank zu verklagen. Und die Firma Dragon Systems existiert nicht mehr. Obwohl Janet Baker in einem von Goldmann verhandelten Geschäft alles verloren hat, solle sie jetzt die Gerichtskosten der Bank tragen.

In gewisser Weise ist dies die traurige Geschichte eines Mißverständnisses. Die Dragon-Software hat bewiesen: Es mag schwierig, aber nicht unlösbar sein, dass Computer die Sprache von Menschen verstehen. Dragon Systems als Unternehmen hat dagegen bewiesen: Es ist unwahrscheinlich, dass normale Menschen und Investmentbanker jemals so miteinander kommunizieren, dass sie einander verstehen.

Fünf Millionen Dollar sind nämlich für Wissenschaftler etwas anderes als für eine Investmentbank: Für Goldman sind das Peanuts. Dafür arbeitet man nicht hart, das ist eine Angelegenheit für Junior-Kräfte. Und die wissen: Wer in der Goldman-Hierarchie etwas werden will, muss Milliarden bewegen. Mit lumpigen Millionen-Aufträgen schlagen sich Anfänger und Aushilfskräfte herum.

Für Wissenschaftler oder Unternehmensgründer sind fünf Millionen dagegen eine unvorstellbar große Summe: Wer sich, wie die Bakers, während des Aufbaus der Unternehmens überlegen muss, ob er sich die Butter fürs Brot noch leisten kann, der erwartet, dass jemand für fünf Millionen Dollar rennt bis zum Umfallen. Dass diese Annahme im Hinblick auf erwartete Leistungen einer Investmentbank naiv sind, das wissen die Bakers erst jetzt – nachdem sie alles verloren haben.

Vor dem Bundesgericht in Boston fordern die Forscher nun ,„Gerechtigkeit“. Damit sie von Goldman auch verstanden werden, beträgt die Summe, auf die die Bakers klagen, eine Milliarde Dollar.

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