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Bundesbank: Eine deutsche Ikone kämpft ums Überleben

Die Entscheidung der EZB über den Ankauf von Staatsanleihen ist für die Bundesbank ein Frage des Überlebens: Schon heute ist ihr Gründungs-Ideal – eine von der Politik und den Banken unabhängige Geldpolitik – zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Jens Weidmann kann zum Helden oder zur tragischen Figur werden. Aktuell sieht es danach aus, dass er den Kampf verliert. Doch vielleicht gibt es doch noch eine Überraschung. Denn der Ruf der Zentralbanken ist ramponiert – und darin könnte Weidmanns letzter Trumpf liegen. Wenn er clever taktiert, kann er zum Robin Hood der deutschen Sparer werden.

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Die Weichen scheinen gestellt für die Neuordnung Europas: 50 Milliarden Euro pro Monat soll die Europäische Zentralbank (EZB) in den Markt pumpen, indem sie Staatsanleihen im großen Stil kauft. Das Procedere ist eine Formsache. De facto wird die EZB mit diesem Schritt die Europäische Zentrale Budgetkontrolle (EZB) – mit weitreichenden Auswirkungen für die nationalen Parlamente und damit für die Demokratie.

Einen Vorgeschmack auf den Konflikt zwischen den Parlamenten und der EZB lieferte am Mittwochabend überraschend das Parlament der Niederlande: Gegen die Stimmen der an der Regierung beteiligten Sozialdemokraten lehnten die Abgeordneten mit Mehrheit das Ankaufprogramm der EZB ab. Finanzminister Jeroen Dijsselbloem wies das Parlament in seine Schranken und behauptete, es sei unstatthaft, dass sich die Politik in die Angelegenheiten einer unabhängigen Zentralbank mische. Er qualifizierte damit das parlamentarische Votum als das, was es wirklich war: Eine fast schon verzweifelte, symbolische Geste von gewählten Mandataren, die eine Vorahnung haben, was nun als nächstes kommen wird: Die Umverteilung der Staatsschulden auf den Euro-Raum. Immerhin: Die Niederländer haben wenigstens protestiert. Die deutschen Regierungsvertreter beschäftigten sich zur selben Zeit mit einem dubiosen Demonstrations-Redner aus Dresden, der sich als Hitler auf Facebook in Pose warf.

Nicht ein einziger deutscher Politiker hat in den vergangenen Monaten mit Verve und Entschlossenheit für die Deutsche Bundesbank gekämpft. Doch deren Bedeutung steht bei der Entscheidung am Donnerstag gemeinsam mit der Zukunft der Souveränität der einzelnen Euro-Staaten auf dem Spiel.

Die Einlassung Dijsselbloems zeigt, dass die Revolution von oben bereits zu deutlichen Verschiebungen geführt hat. Der Euro-Gruppenchef verwischt bewusst die Grenzen zwischen Realität und Fiktion: Denn die EZB ist keine unabhängige Zentralbank, deren einzige Aufgabe die Sicherung der Preisstabilität ist. Dieses Ziel hatte man der deutschen Öffentlichkeit bei der Gründung der EZB noch als unverändert vorgegeben. Doch tatsächlich nimmt die EZB zwei Aufgaben wahr, die nicht im mindesten in die Hände einer Zentralbank gehören.

Die EZB ist durch die seit Jahren praktizierte Manipulation der Zinssätze für Staatsanleihen längst zu einem politischen Vehikel geworden. So soll, wie Bernd Lüthje schlüssig ausgeführt hat, die Vereinigten Staaten von Europa über die Institutionen erzwingen. Die Bundesbank hatte dagegen ausschließlich die Aufgabe, über die Inflation zu wachen. Diese hat sie in ihren besten Jahren gegen alle politischen Einflussnahmen wahrgenommen.

In den Jahren zwischen 1948 und 1989 lag der Leitzins der Bundesbank immer zwischen drei und acht Prozent. Die Bundesbank hielt Distanz zur Politik, auch wenn es Konflikte gab. So sagte Bundesbankpräsident Helmut Schlesinger 1992 nach Kritik von Bundesfinanzminister Theo Waigel an den hohen Zinsen: „Ein Finanzminister, der Schulden hat und weitere machen muss, ist nie über eine Zinserhöhung erfreut.“

Die Notenbanken Italiens und Frankreichs agierten dagegen als chronische Weichspüler: Wann immer italienische oder französische Produkte unter Druck gerieten, werteten die Zentralbanken die Lira und den Franc ab, um die Waren wieder wettbewerbsfähig zu machen – ein durchaus legitimes Mittel, für deren Wirkung im Inland (höhere Kosten bei Importen) eben die Regierungen geradestehen mussten. Interessant sind die Eigentümerstrukturen: Die Eigentümer der Banca d’Italia sind die großen italienischen Banken und Versicherungen sowie einige Pensionsfonds. Auch die französische Notenbank gehört den französischen Banken. Die Banque de France wurde 1993 „mit Hinblick auf die Euroeinführung privatisiert“.

Dass diese verschiedenen Kulturen nicht miteinander harmonieren, zeigt das Vorläufermodell des Euro, das „Europäische Währungssystem“ (EWS). Es existierte viele Jahre trotz des Weigerung der Bundesbank, die D-Mark abzuwerten, obwohl die Bundesregierung und die südeuropäischen Notenbanken dies von ihr gefordert hatten. Die Folge: Die Wirtschaft in Europa prosperierte, weil den Schuldenpolitikern die Grenzen aufgezeigt wurden. Die harte Haltung der Bundesbank hatte nämlich eine disziplinierende Wirkung auch für die Südstaaten: Obwohl etwa Frankreich und Italien ihren Währungen ständig abwerteten, unterblieb der ganz große und damit zerstörerische Exzess. Der Klassenprimus Bundesbank wurde zwar nicht geliebt. Doch keine Zentralbank war mächtig genug, sich der Benchmark der D-Mark zu widersetzen. Als Ziel blieb unbestritten: Eine harte Währung ist besser als eine weiche.

Die nun drohende Abwertung des Euro wird Europa zwar nicht zwangsläufig zerstören. In der Öffentlichkeit bringen die Zentralbanker, die die Abwertung wollen, immer wieder das Argument der Exporte vor. Eine weiche Währung sei besser für die Exporte. Das stimmt zwar kurzfristig, aber nicht einmal mehr auf mittlere Sicht: Eine weiche Währung verleitet Unternehmen, auf Innovationen bei der Produktivität zu verzichten. Das ist immer schlecht, weil Unternehmen am Ende auch bei einer weichen Währung nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Und nicht einmal in der Krise ist ausgemacht, dass die Abwertung den Unternehmen hilft: Der ehemalige Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, sagte vor einigen Tagen bei einer Veranstaltung in London, dass das Gelddrucken für die reale Wirtschaft keine Hilfe sei. Sein noch aktiver Kollege aus der Schweiz, Thomas Jordan, sagte bei der Pressekonferenz zur Entkoppelung des Schweizer Franken vom Euro, es sei nicht die Aufgabe einer Zentralbank, als Institut der Exportförderung zu agieren.

Genau beides gibt die EZB nun vor zu sein: Staatsfinanzierer und Exportförderer. Beides ist nicht Aufgabe der Geldpolitik. Die Staatsfinanzierung braucht demokratische Kontrolle. Die Exporte boomen am ehesten, wenn sich die Politik heraushält und Manipulationen über die Währung unterlässt. Deutschland war auch zu Zeiten der harten D-Mark eine erfolgreiche Exportnation. Voraussetzung für den Erfolg beim Export ist, dass die Unternehmen hervorragende Produkte mit ordentlichen Margen produzieren. Das Gerede von der Deflation ist ein Vorwand: Wenn die Preise fallen, hat dies nicht zwangsläufig mit einer gefährlichen geldpolitischen Tendenz zu tun. Aktuell hat der Preisverfall vor allem mit dem Fortschritt in der Produktion durch die neuen Internet-Technologien zu tun. Dieser Prozess wird sich noch weiter beschleunigen: Das sogenannte „Internet der Dinge“, also die Integration von Datenverarbeitung und industrieller Produktion wird jene Unternehmen, die diese Integration intelligent einsetzen, einen Wettbewerbsvorteil gegenüber alten Unternehmen verschaffen, die zu höheren Kosten schlechtere Produkte herstellen. Das Deflations-Gespenst ist nichts anderes als eine Abwehrmauer, die den bestehenden Platzhirschen ihre Position sichern soll. Diese Strategie kann jedoch in einer global vernetzten Welt nicht aufgehen. Die Unternehmen müssen effizienter produzieren, und dabei kann ihnen eine Zentralbank nicht nachhaltig helfen.

Der Absolutheitsanspruch der Preisstabilität, wie ihn die Bundebank über Jahrzehnte verfochten hat, verfolgt einen anderen Zweck: Eine Zentralbank muss die privaten Sparguthaben schützen. Der Wert einer Währung ist nämlich nicht nur daran zu messen, ob die Staaten billig Schulden machen können. Der Wert der Währung ist ein Äquivalent für die Wertbeständigkeit der Sparguthaben. Außer den deutschen Sparkassen hat sich in dieser Hinsicht bisher kaum jemand wirklich für die Sparer in die Bresche geworfen. Allerings haben sich in den vergangenen Tagen auch auffallend viele Banken erstmals in diese Richtung positioniert.

Dies hängt mit dem Schock zusammen, den die Entscheidung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) mit ihrer Franken-Aufwertung ausgelöst hat: Die Schweiz hat die Notbremse gezogen, weil sie einen massiven Kapitalfluss aus dem Ausland beobachtet hat. Die Anleger sind weltweit auf der Suche nach sicheren Häfen, weil die globalen Krisen und die spekulativen Manipulationen Geld als Erspartes im großen Stil entwerten. Eine Währung aber ist kein Spekulationsobjekt. Sie mag das Fundament für Spekulationen sein (Derivate), bei denen die Anleger wetten können. Doch wenn das Fundament nicht mehr mit rationalen Kriterien beurteilt werden kann, wird die Währung zum Pudding, auf dem man ausrutscht – selbst, wenn man sich am Veitstanz um immer neue Renditen nicht beteiligt.

Passend zu den aktuellen Verschiebungen des Euro in Richtung Weich-Währung hat die Bundesbank die Zahl der Vermögen in Deutschland bekanntgegeben: Die deutschen Geldvermögen belaufen sich auf 5.011 Milliarden Euro – ein Rekord. Diese „Vermögen“ sind nicht die Offshore-Vehikel von Oligarchen und Spekulanten. Es sind in der Summe die Rückstellungen für Pensionen und Spareinlagen, die von Familienunternehmen geschaffenen Werte und die Inhalte des Sparstrumpfs der schwäbischen Oma.

Die Weichenstellung der EZB wird genau diese Vermögen anfassen: Sie werden abgeschmolzen, um politische Ziele zu erreichen und die Klientel der reformunwilligen Großunternehmen zu befriedigen. Den Preis der Europäischen Zentralen Budgtetverwaltung (EZB) als Säule der Vereinigten Staaten von Europa zahlen die Sparer von Buxtehude bis Unterhaching.

Mit der Preisgabe der klassischen Werte der Bundesbank haben diese Sparer ihren einzigen Verbündeten verloren. Man kann davon ausgehen, dass dieser Prozess nicht zwangsläufig in Krieg und Volksaufständen endet. Die Sparer sind in der Regel gewaltlos und schwach. Anders als die Großunternehmen können sie ihre Vermögen nicht mit Währungs-Swaps absichern. Sie werden gemolken im Dienst der vermeintlich höheren Sache.

Die Enteignung der Sparer wird nicht schlagartig vor sich gehen. Das ist eine Gefahr in diesem Prozess, weil schleichende politische Aktionen in der Regeln nicht auf massiven Widerstand in der Bevölkerung stoßen.

Doch die Tatsache, dass die Enteignung – anders als die vom IWF vorgeschlagene Zwangsabgabe auf Vermögen – langsam vor sich gehen wird, birgt auch eine Chance. Ob sie genutzt wird, wird maßgeblich an einem einsamen Rufer in der Wüste hängen. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann kann zum Robin Hood der deutschen Sparer werden.

Die Taktik, die Weidmann anwenden muss, ist kompliziert: Er könnte mit einem Paukenschlag zurücktreten. Dann hätte er zwar die Sympathien auf seiner Seite und es ist nicht ausgeschlossen, dass die Anleger durch dieses Signal endgültig das Vertrauen in die Zentralbanken vom Zuschnitt Mario Draghis verlieren. Ein Rücktritt könnte jedoch auch dazu führen, dass sich Angela Merkel und Mario Draghi die Hände reiben, weil sie den letzten Widersacher auf elegante Weise losgeworden sind. Jeder neue Bundesbank-Präsident, den die Bundesregierung unter den aktuellen geldpolitischen Verwerfungen bestellen müsste, wäre nur noch ein Kofferträger auf dem Weg zum Bahnhof der demokratischen Selbstaufgabe.

Ein Top-Banker, der Weidmann kennt, hat den Deutschen Wirtschafts Nachrichten ein Psychogramm des Bundesbank-Chefs geliefert:

„Herr Weidmann ist zu jung, um für die Chefin in Berlin oder für andere zum Hau-Knüppel zu werden. Sein Ruf ist nicht stark. Nur durch eine Tat kann er ihn voll zurückgewinnen. Auf seiner Seite hat es das Vertrauen vieler Deutscher in die Bundesbank. Zwar wissen sie nicht, dass diese keine Bedeutung mehr hat, aber deren Ruf ist noch intakt. Und: Die Bundesbank ist die gemeinsame Vergangenheit aller Deutschen von 1948 an. An sie glaubten die Mitteldeutschen nach 1961 wie die Nord-, West- und Süddeutschen. Es war ein unsichtbares Band der Zusammengehörigkeit. Herr Weidmann hält es als letzter in der Hand. Einen Nachfolger (m/w) für ihn wird es in den Vereinigten Staaten von Europa nicht geben. Sein Problem: Er ist nicht standfest, Karrierebeamter. Er ist ordnungs- und geldpolitisch nicht theoretisch stark genug. Seine Stärke: Er ist ein lauterer Mensch.

Wie mit ihm umgegangen wird, zeigt, dass Herr Draghi Kompromissvorschläge mit Merkel-Schäuble direkt in Berlin verhandelt. Herr Weidmann wird von der deutschen Bundesregierung und der EZB-Spitze nicht mehr zur Kenntnis genommen. Darin liegt die Chance für ihn. Er ist in seiner Person der Rest der klassischen Unabhängigkeit der Bundesbank. Sagt er Nein am Donnerstag, wird die noch freie Presse in Deutschland dieses den Bürgern sagen. Sagt er Ja, ist er weg und nur noch Vorsteher des Bundesbank-Archives.

Weidmann muss daher am Donnerstag den Staatsanleihen-Ankauf ablehnen. Danach muss er wachsam bleiben und weiter kämpfen. Weidmanns charakterliche Stärke, so der zitierte Banker in dieser Einschätzung nicht irrt, ist sein stärkster Trumpf. Denn mit Alchemisten-Tricks ist der globale Währungskrieg nicht zu gewinnen. Daher wird die Geldschwemme der EZB auch nicht erfolgreich sein – wie es von Ökonomen bis zur Weltbank ja mittlerweile alle Spatzen von den Dächern pfeifen.

Es geht um das Timing und darum, der Stachel im Fleisch einer verantwortungslosen Geldpolitik zu bleiben. Die Truppe der Investment-Banker um Draghi werden vermutlich die Schlacht von Frankfurt gewinnen. Den Krieg können sie nicht gewinnen. Sie wissen nämlich alles über Preise von Assets, verstehen jedoch nichts von Werten. Die knallharte Kehrtwende des Schweizers Thomas Jordan könnte Weidmann anspornen: Auch in Deutschland gilt es, die Vermögens-Werte der Sparer zu verteidigen. Kapitalzuflüsse nach Deutschland werden kommen, wenn die sogenannten „Märkte“ erst einmal kapieren, dass die Abwertung des Euro den Volkswirtschaften in den europäischen Krisenstaaten nicht helfen wird. Die politische Lage wird sich verändern, wenn die nationalen Parlamente erkennen, dass sie entmachtet wurden. Keine Regierung, ob von Syriza (Griechenland), Podemos (Spanien) oder Rot-Rot-Grün (Deutschland) gebildet, kann regieren, wenn sie merkt, dass ihr Handlungsspielraum für die Staatsausgaben auf Bittgesuche bei Signore Dragi reduziert ist.

Spätestens dann wird eine vernünftige Neu-Ordnung des Euro-Raums erfolgen, was die Geldpolitik betrifft. Eine Wiedereinsetzung der strengen Prinzipien der Bundesbank ist unabdingbar, wenn Europa seinen Wohlstand nicht auf den der Schwellenländer herunterfahren willinklusive der bekannten ungerechten Verteilung auf wenige Super-Reiche und die Masse der recht- und vermögenslosen Niedriglohn-Sklaven. Weidmann kann darauf spekulieren, dass sich der Wind schneller dreht als die Vernichtung der Ersparnisse fortschreitet.

Robin Hood wird den Deutschen Sparern zwar nicht ersparen können, dass sie schmerzliche Verluste hinnehmen müssen. Aber er kann als Mahnmal einfach stehen bleiben, damit sich das Euro-Abenteuer für Deutschland wenigstens nicht als Total-Verlust erweist.

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Erdogan hofft auf Merkels Unterstützung bei Armenier-Resolution
Erdogan hofft auf Merkels Unterstützung bei Armenier-Resolution
Der türkische Staatschef Erdogan sagt, dass ihm Angela Merkel im Fall der Armenien-Resolution des Bundestags zugesagt habe, „alles Erdenkliche zu tun“. Ob diese etwas kryptische Aussage nun bedeutet, dass Merkel die Resolution vielleicht noch stoppen will, wird nicht klar. Ein…
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Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. (Foto: dpa)

Der türkische Staatschef Erdogan hat angesichts der Armenier-Resolution im Bundestag mit Kanzlerin Angela Merkel telefoniert. Er ist der Ansicht, dass die Urheber der Resolution das Ziel verfolgen, die deutsch-türkischen Beziehungen nachhaltig zu schädigen.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan hat Kanzlerin Angela Merkel am Dienstag vor der anstehenden Armenier-Resolution im Bundestag telefonisch kontaktiert. Ein Sprecher der Bundesregierung bestätigte den Deutschen Wirtschafts Nachrichten das Telefonat: „Bundeskanzlerin Angela Merkel hat heute Mittag ein Telefonat mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan geführt. Themen des Gesprächs waren die weitere Umsetzung des EU-Türkei-Flüchtlingsabkommens sowie die anstehende Armenien-Resolution des Deutschen Bundestags.“ Zum Inhalt des Gesprächs und zu der Interpretation des Gesprächs durch Erdogan wollte sich der Sprecher nicht äußern.

Am Dienstag hatte Erdogan im bei einer Pressekonferenz auf die Frage einer Journalistin, ob die Armenier-Resolution im Bundestag, die am Donnerstag verabschiedet werden könnte, die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland beeinflussen könnte, geantwortet (Video am Anfang des Artikels):

„Gestern hat unser Premier ein Telefonat mit Kanzlerin Merkel geführt. Auch ich habe heute ein Gespräch mit ihr geführt. Sie hat Aussagen getätigt, wonach sie alles Erdenkliche tun werde. Werte Freunde, wir müssen zunächst an eine Sache glauben. Haben wir ein Problem, das sich ,armenischer Völkermord‘ nennt? Nein, ein derartiges Problem liegt unsererseits nicht vor. Deshalb sind wir in dieser Angelegenheit locker. Diejenigen, die uns diese Bürde auftragen wollen, sind daran interessiert, die Beziehungen beider Staaten zu schädigen. In Deutschland leben derzeit etwa drei Millionen Türken und die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind auf einem sehr, sehr hohen Niveau. Sollte Deutschland in diese Falle tappen, wird das unsere gemeinsame Zukunft – auf den diplomatischen, wirtschaftlichen, politischen und militärischen -, denn wir sind gleichzeitig Nato-Verbündete, schädigen. Ich denke, dass all diese Dinge bedacht werden. Übrigens halte ich es für falsch, über eine Resolution zu sprechen, die noch gar nicht verabschiedet wurde.“

Erdogan sagt, dass zur armenischen Frage ein Beschluss des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vorliege, der der Türkei Recht gibt. Deshalb würde eine derartige Resolution auch keine rechtliche Bindung nach sich ziehen.

Der Bundestag will am Donnerstag eine gemeinsame Resolution von Union, SPD und Grünen beschließen, in der das Massaker und die Deportationen von Armeniern im Osmanischen Reich 1915 als Völkermord eingestuft werden.

„Wir von der CDU/CSU wollen niemanden auf die Anklagebank setzen„, sagte dazu der Parlamentsgeschäftsführer der Union im Bundestag, Michael Grosse-Brömer. „Ich hoffe, dass das auch so verstanden wird“, fügte er mit Blick auf die Türkei hinzu. Grosse-Brömer bekannte sich aber klar zu der Entschließung.

„Das stufen wir ganz klar als Völkermord ein“, sagte auch SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann in Berlin zu den Massakern. Er sagte aber auch, es gehe „nicht darum, ein Streitfeld mit der türkischen Regierung aufzumachen„. Da gebe es schon genug andere Konflikte. Vielmehr solle die Resolution ein Zeichen setzen „für die Versöhnung zwischen Türken und Armeniern“.

„Es ist wirklich Zeit, dass der Völkermord an den Armeniern als solcher bezeichnet wird„, sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt, deren Fraktion den Anstoß für die gemeinsame Entschließung gegeben hatte. Ein solches Zeichen sei „dringend notwendig“, sagte auch Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) äußerte die Hoffnung, dass die Resolution nicht „den Weg verstellt zu dem, was eigentlich notwendig ist„, nämlich die Aufarbeitung des Geschehens durch die beiden Nachbarländer. Diese stehe „immer noch an und ich bin mir sicher, dass die schwierige Nachbarschaft zwischen Armenien und der Türkei nicht zu überwinden sein wird, wenn man sich nicht dieser Aufgabe irgendwann stellt“, sagte er in Berlin.

Die Regierung in Ankara hatte in den vergangenen Jahren stets mit scharfer Kritik und diplomatischen Schritten auf die Anerkennung der Massaker als Völkermord reagiert. Bislang haben dies mehr als 20 Staaten getan, darunter Frankreich, Italien und Russland.

Krieg um Syrien: Erfolge für Russland und Armee, aber noch kein Durchbruch
Krieg um Syrien: Erfolge für Russland und Armee, aber noch kein Durchbruch
Im syrischen West-Ghouta haben sich islamistische Söldner der syrischen Armee ergeben. Doch wichtig für den Ausgang des Syrien-Kriegs sind die Kämpfe in Rakka und Aleppo. Dort ist noch keine Entscheidung gefallen.
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Der syrische Präsident Baschar al-Assad kämpft auch gegen islamistische Söldner. (Foto: dpa)

Der syrische Präsident Baschar al-Assad. (Foto: dpa)

Die Lage in West-Ghouta in der Nähe von Damaskus. (Screenshot)

Die Lage in West-Ghouta in der Nähe von Damaskus. (Screenshot)

In Syrien gibt es aktuell drei Konfliktregionen, deren Ausgang den Syrien-Konflikt bestimmen wird.

Nach Informationen von Al-Masdar News haben islamistische Söldner ein Regierungsgebäude im Stadtviertel Al-Mu’adhimiyah in West-Ghouta, nahe Damaskus, räumen und es den Regierungstruppen übergeben müssen. Die Islamisten erklärten sich bereit, alle geheimen Tunnel innerhalb von Al-Mu’adhimiyah zu sprengen, wenn die syrische Armee (SAA) ihre Kranken und Verwundeten in einem Damaszener Krankenhaus behandeln lässt. Die SAA stimmte diesem Vorschlag zu. Bei den Söldnern handelt es sich um Mitglieder der Gruppe Ajnad al-Scham. West-Ghouta galt bis vor kurzem als Hochburg der islamistischen Söldner und Milizen.

Es ist zu erwarten, dass auch das Gebiet Darayya, das sich in West-Ghouta befindet und sich noch unter der Kontrolle von Ajnad al-Scham befindet, in die Hände der SAA fallen wird. Nach Informationen der Nachrichtenagentur ABNA haben sich bei Darayya zahlreiche Bodentruppen und Panzer der SAA positioniert. Doch auch hier könnten die Söldner das Gebiet den Syrern weitgehend kampflos übergeben, da sie ihre Unterlegenheit bereits in Al-Mu’adhimiyah zugegeben haben.

Über aktuelle Aktivitäten der stärksten islamistischen Söldner-Truppen al-Nusra und Ahrar al-Scham lassen sich in West-Ghouta derzeit keine Aktivitäten feststellen. Diese beiden Truppen konzentrieren sich auf die Provinz Aleppo im Norden des Landes. In Aleppo toben seit mehreren Wochen heftige Gefechte zwischen der al-Nusra-Front und den Regierungstruppen. Eine Entscheidung ist nicht in Sicht.

Zeitgleich finden in der nordsyrischen Stadt Marea Kämpfe zwischen ISIS und der al-Nusra-Front statt. Marea ist eine wichtige Stadt, um die al-Nusra-Kämpfer in Aleppo zu versorgen, berichtet der Guardian. ISIS hat es darauf angelegt, Marea zu erobern und die Nachschubroute für die al-Nusra-Kämpfer zu kappen. Über diese Route werden auch pro-türkische Söldner versorgt, die in Nordsyrien aktiv sind. Die zweite wichtige Stadt für die Versorgung der al-Nusra-Front und diverser weiterer Söldner und Milizen ist Azaz. Auch diese Stadt im Norden Syriens, die direkt an der Grenze zur Türkei liegt, ist von allen Seiten und durch alle Gruppen schwer umkämpft.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte zuvor gefordert, die syrische Grenze zur Türkei komplett dicht zu machen, berichtet die Tass. Er ist der Ansicht, dass diverse Milizen und Söldner über die türkische Grenze versorgt werden und einsickern. Er geht davon aus, dass die Türken nicht mehr imstande sind, die 877 Kilometer lange türkisch-syrische Grenze zu kontrollieren. „Wenn die Türken Schwierigkeiten damit haben, ihre Grenze nach Syrien zu kontrollieren, sind wir bereit ihnen zu helfen. Es ist nicht unser Anliegen, mit Rachegefühlen zu agieren“, zitiert TürkRus Lawrow.

Die ostsyrische Stadt Rakka, die auch als geheime Hauptstadt von ISIS gilt, ist die dritte Konfliktregion, die entscheidend ist für den Syrien-Konflikt. Mehreren internationalen Berichten zufolge sollen die „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF), die von den USA aufgebaut wurden und hauptsächlich aus Kurden-Milizen bestehen, eine Offensive gegen ISIS-Stellungen um Rakka herum planen. Im Visier soll die nahegelegene Stadt Tabqa sein, wo sich auch die Tabqa-Talsperre befindet. Doch auch die SAA möchte Tabqa einnehmen. Die Regierungstruppen sollen sich mittlerweile 20 Kilometer vor Tabqa befinden, berichtet die Huffington Post. Entscheidend hierbei ist die Einnahme der strategisch wichtigen Talsperre. Durch die Einnahme des Staudamms könnten die ISIS-Kämpfer westlich des Euphrats von Rakka abgeschnitten werden.  Es liegen keine Hinweise dafür vor, dass die SDF oder die SAA die Stadt Rakka direkt eingreifen wollen.

Krieg gegen das eigene Volk: Erdogan erklärt Gülen zur Terror-Organisation
Krieg gegen das eigene Volk: Erdogan erklärt Gülen zur Terror-Organisation
In der Türkei droht eine neue soziale Eskalation: Präsident Erdogan hat die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen als Terror-Organisation eingestuft. Damit können alle Mitglieder verfolgt werden, ohne sich mit rechtsstaatlichen Mitteln wehren zu können. Die Bewegung umfasst Millionen Menschen…
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Der islamische Prediger Fethullah Gülen in seiner Residenz in Pennsylvania. Der einstige Förderer ist heute der ärgste Feind des türkischen Premiers Erdogan. (Foto: dpa)

Der islamische Prediger Fethullah Gülen in seiner Residenz in Pennsylvania. Der einstige Förderer ist heute der ärgste Feind des türkischen Premiers Erdogan. (Foto: dpa)

Weibliche Anhänger der islamischen Gülen-Bewegung. (Foto: dpa)

Weibliche Anhänger der islamischen Gülen-Bewegung. (Foto: dpa)

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will die religiöse Bewegung seines Widersachers Fethullah Gülen zu einer terroristischen Gruppierung erklären lassen. Das Kabinett habe die Entscheidung gebilligt, die Anhänger des Geistlichen als „Gülentistische Terror-Gruppe“ einzustufen, sagte Erdogan am Dienstag in Izmir. Damit wird sie auf eine Stufe mit kurdischen Extremisten gestellt, die von der türkischen Armee im Südosten des Landes bekämpft werden. „Sie werden zur Verantwortung gezogen werden“. kündigte Erdogan vor fahnenschwingenden Anhängern an. „Manche sind geflohen, manche sind im Gefängnis, manchen wird der Prozess gemacht. Dieses Vorgehen wird fortgesetzt.“

Erdogan hat sich mit seinem ehemaligen Verbündeten Gülen 2013 entzweit, als Polizisten und Staatsanwälte, die der Gefolgschaft des Geistlichen zugerechnet werden, mit Korruptionsvorwürfen gegen den inneren Zirkel Erdogans ermittelten. Auf Erdogans Initiative gingen Sicherheitsbehörden massiv gegen die Gülen-Bewegung vor. Ihr nahestehende Firmen wurden geschlossen oder übernommen, eine Bank wurde besetzt, Hunderte Menschen wurden verhaftet. Gülen selbst lebt im selbstgewählten Exil in den USA. Erdogan wirft ihm vor, ihn mit einem Netzwerk von Unterstützern in Medien, Justiz und Bildungseinrichtungen stürzen zu wollen. Gülen weist die Vorwürfe zurück.

Studie: Rassismus bei Wohnungssuche ist Alltag in Deutschland
Studie: Rassismus bei Wohnungssuche ist Alltag in Deutschland
Eine Studie der Bundesregierung zeigt: In Deutschland werden Ausländer und Minderheiten auf dem Wohnungsmarkt rassistisch diskriminiert. Vorurteile, Ressentiments und bürokratische Tricks führen zu eindeutigen Benachteiligungen bei der Wohnungssuche. Die Diskussion um Boateng als Nachbar ist leider nicht aus der Luft…
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Der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Brandenburger Landtag, Alexander Gauland, am 10. März 2016 während einer Sitzung des Brandenburger Landtages in Potsdam. (Foto: dpa)

Der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Brandenburger Landtag, Alexander Gauland, am 10. März 2016 während einer Sitzung des Brandenburger Landtages in Potsdam. (Foto: dpa)

Rassismus ist auf dem deutschen Wohnungsmarkt ein großes Problem. Die Anti- Diskriminierungsstelle des Bundes schreibt im Fazit zur Studie „Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt“:

Rassistische Diskriminierung am Wohnungsmarkt findet auch unter den besten Voraussetzungen statt: Das ist das Ergebnis dieser Studie. Obwohl die Testidentitäten als weiblich, ledig, jung und ökonomisch gut aufgestellt kreiert waren, kommt es sowohl beim Telefon- als auch beim Face-to-Face-Testing zu Benachteiligungen der nichtmehrheitsdeutschen Testerin. In der ersten Phase, der Verabredung eines Besichtigungstermins am Telefon, zeichnet sich eine Diskriminierung dabei statistisch kaum nachweisbar und nur in Ansätzen ab. Im Face-to-Face-Testing tritt sie deutlicher und insbesondere in der allerletzten Phase des Bewerbungsprozesses, der Zusage oder Absage der Wohnung, in Erscheinung. Die Annahme, dass Diskriminierung vor allem am Ende des Bewerbungsprozesses auftaucht, bestätigt sich hier.

Ein weiteres großes Resultat dieser Studie ist, dass vor allem bei (sichtbarer) Religionszugehörigkeit diskriminiert wird. Während 59 Prozent christlichen Glaubens eine Wohnungszusage erhalten haben, trifft dies nur auf nahezu 18 Prozent der jüdischen oder muslimischen Bewerberinnen zu. Durch eingeschränkte Fallzahlen von 39 Testpaaren bedürfen die Zahlen für gesicherte, quantitative Aussagen weiterer Überprüfungen, liefern aber schon erste Ergebnisse. Laut aktueller Rassismusforschung fällt der Religion bei der Konstitution des ‚Fremden‘ eine zunehmende Bedeutung zu, dies gilt insbesondere für muslimische Religionszugehörigkeit. Weitergehende Testings, zugespitzt auf das Merkmal muslimisch, wären hierzu sehr spannend.

Abgesehen des E-Mail-Testings von Auspurg et al. mit 582 Fällen, in denen mindestens eine Testerin Antwort erhielt (vgl. Auspurg et al. 2011: 19), dem Telefon-Testing des Planerladens mit 482 kontaktierten Wohnungsanbieter_innen und dem Telefon-Testing des MZES von Horr et al., mit 944 Fallpaaren mit mindestens einer Einladung, ist die Studie der ADS, mit 604 gültigen Tandems im Telefon-Testing und immerhin noch 175 zusammengehörigen Vergleichsfällen im Face-to-Face-Testing, eine der wenigen größer angelegten Untersuchungen in Deutschland. Bei allen anderen Testings handelt es sich um vergleichsweise kleine Studien. In detaillierteren Aufschlüsselungen werden die Fallzahlen des Face-to-Face-Testings an einzelnen Stellen sehr niedrig, was eine Signifikanz und Repräsentativität einschränkt bzw. unmöglich macht. Dennoch zeigen sich Ergebnisse für bisher noch nicht untersuchte Zusammenhänge: Eine Diskriminierung insbesondere im Zusammenhang (sichtbarer) Religionszugehörigkeit ist ein solches Resultat. Des Weiteren ist mit der Erhebung der ADS erstmalig eine überregionale Perspektive möglich. Hier zeigt sich, dass es auf den entspannteren Wohnungsmärkten in Leipzig und Dresden zu weniger Diskriminierung als auf den angespannten Wohnungsmärkten in Berlin, Nürnberg oder München zu kommen scheint.

Die erfolgte Diskriminierung in erklärende Zusammenhänge zu betten, dafür sind die qualitativen Teile der Studie sehr hilfreich. Für eine systematische Betrachtung werden die Ergebnisse hinsichtlich ihres individuellen (erstens), institutionellen (zweitens) oder strukturellen Charakters (drittens) begutachtet:

Erstens: Vorurteile und Stereotype, die sich insbesondere in Zuschreibungen – Mig- rant_innen und Menschen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte seien zu laut, hätten (zu) viele Kinder und zu viel Besuch und seien ökonomisch nicht vertrauenswürdig sowie konfliktaffin – ausprägen, können zu individueller Diskriminierung führen. Hierunter fallen auch (antizipierte) Annahmen zu ablehnenden Haltungen seitens der Hausgemeinschaft und internalisierte Vorstellungen von sogenannten Tipping Points, nach denen es ab einem bestimmten Anteil von Migrant_innen und Menschen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte im Haus oder im Viertel zum Wegzug der mehrheitsdeutschen Bevölkerung kommt. Die Hauptlast der Verantwortung für ein gelingendes Zusammenleben wird zumeist in die Hände der Migrant_innen und Menschen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte gelegt. Da es auch bei kleineren privaten  Vermieter_innen zu Diskriminierungen kommt und diese eine große Anzahl aller Wohnungen zur Verfügung stellen, muss diese Gruppe bei Antidiskriminierungsmaßnahmen berücksichtigt werden. Es ist fraglich, ob die Ausnahme  bei besonderem „Nähe- oder Vertrauensverhältnis“ (§ 19 Abs. 5 AGG) ausreichend Schutz vor Diskriminierung bietet.

Zweitens: Institutionalisierte Benachteiligungen können sowohl aufgrund von (informellen) Quotenregelungen als auch aufgrund einer höheren Anzahl erforderlicher Dokumente und Nachweise seitens bestimmter Anbieter_innengruppen oder Regelungen, z. B. dass am Haus keine Parabolantennen angebracht werden dürfen, auftreten. Bei den letzten beiden Regelungen handelt es sich um vermeintlich ‚neutrale‘ Vorschriften, die zu Ungleichbehandlungen führen. Das Verbot der Parabolantennen wird hierbei mit dem expliziten Ziel, die Bewerbung auf eine Wohnung für bestimmte Migrant_innen und Menschen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte unattraktiv zu gestalten, in Verbindung gebracht. Die Ausnahmeregelung zur „Schaffung und Erhaltung sozial stabiler Bewohnerstrukturen und ausgewogener Siedlungsstrukturen“ des AGG (§ 19 Abs. 3 AGG) kann hierbei nicht als hilfreich angesehen werden.

Drittens: In der gesamtgesellschaftlich schlechteren sozioökonomischen Lage vieler Migrant_innen und Menschen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte wird eine generell strukturelle Benachteiligung ausgemacht. Das Gleiche gilt für eine höhere Tendenz der Diskriminierung bei angespannten Wohnungsmärkten.

Alle diese Aspekte tragen dazu bei, dass Migrant_innen und Menschen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte der Zugang zu ‚besseren‘ Wohnlagen erschwert wird, sie sich oftmals in einer schlechteren Wohnsituation befinden  und im Durchschnitt mehr Miete pro Quadratmeter zahlen als die sogenannte mehrheitsdeutsche Bevölkerung.“

Die Fakten bestätigen die Aussage des AfD-Politikers Alexander Gauland. Dieser hatte gesagt, dass die Deutschen Jerome Boateng als Fußball-Nationalspieler gut finden, ihn aber als Nachbarn ablehnen würden.

Die öffentliche Diskussion hat sich in der Folge darauf verengt, dass Gauland und der AfD Rassisten seien. Die Aussage Gaulands kann unzweifelhaft als rassistisch bezeichnet werden, weil sie im politischen Kalkül gemacht wurde, dass eine große Zahl der Deutschen tatsächlich Ausländer als Nachbarn ablehnt. Gaulands Aussage ist insoweit durchaus als rassistisch zu bewerten, weil er sich die diskriminierende Haltung zu eigen gemacht hat, statt sie als Problem zu adressieren. Gauland sagte der dpa am Montag, die Globalisierung und die Wiedervereinigung hätten für viele Menschen große Veränderungen mit sich gebracht. Deshalb reagierten einige jetzt mit einer „geradezu instinktiven Abwehr“ auf Fremde in ihrer Umgebung: „Ich habe das zur Kenntnis zu nehmen.“ Das reicht im Fall von konkretem Rassismus eben nicht.

Das Schwerpunkt der politischen Arbeit der anderen Parteien sollte sich angesichts der Fakten-Lage jedoch nicht darin erschöpfen, die AfD zu bekämpfen. Vielmehr müssen sich die anderen Parteien fragen, wie es möglich ist, dass nach Jahrzehnten ohne AfD der Rassismus offenkundig zum Alltag auf dem Wohnungsmarkt in Deutschland gehört. Der Kampf gegen den politischen Gegner löst nicht das offenkundig erhebliche gesellschaftliche Problem, das die AfD in einer Art Tabu-Bruch anspricht. Statt sich aufs moralisch hohe Ross zu setzen, um die AfD zu marginalisieren, müsste sich vor allem die Bundesregierung verpflichtet fühlen, den alltäglichen Rassismus bei der Wohnungssuche in Deutschland wirksam zu beenden.

Bundesregierung verschärft Anti-Terror-Gesetze deutlich
Bundesregierung verschärft Anti-Terror-Gesetze deutlich
Die Bundesregierung dürfte schon bald die Terror-Gesetze verschärfen. Verdächtige können dann auch ohne richterliche Genehmigung auf Wunsch von ausländischen Geheimdiensten umfassend überwacht werden. Persönliche Daten werden international ausgetauscht. Sollten die Dienste zu dem Ergebnis kommen, eine Operation einleiten zu wollen,…
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Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Erdogan am Montag in Istanbul. Die Bundesregierung will die Terrror-Gesetze deutlich verschärfen. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Erdogan am Montag in Istanbul. (Foto: dpa)

Die Bundesregierung will angesichts der anhaltenden Bedrohungslage noch diese Woche ein weiteres Gesetzespaket zur Terrorismusbekämpfung auf den Weg bringen. Die Ressortabstimmung dazu sei abgeschlossen, hieß es am Montag in Berliner Regierungskreisen laut Reuters. Am Mittwoch werde das Kabinett über die Verschärfung der Terror-Gesetze beraten. Vorgesehen ist eine engere Zusammenarbeit des Verfassungsschutzes mit den Geheimdiensten anderer Staaten. Wer ein Prepaid-Handy kauft, muss künftig seinen Personalausweis vorlegen.

Der Verfassungsschutz solle mit ausländischen Nachrichtendiensten gemeinsame Dateien anlegen können, heißt es in einem der Nachrichtenagentur Reuters vorliegenden Gesetzentwurf. Auf diese Weise soll festgestellt werden, ob einer der beteiligten Stellen zu verdächtigen Personen, Objekten oder Ereignissen Informationen vorliegen. Voraussetzung sei, ein „erhebliches Sicherheitsinteresse“. In den teilnehmenden Staaten müssen zudem grundlegende rechtsstaatliche Prinzipien gewährleistet sein. Die gemeinsamen Dateien sollten auf „bestimmte Ereignisse oder Personenkreise“ beschränkt bleiben. Außerdem ist eine Zustimmung des Bundesinnenministeriums in jedem einzelnen Fall vorgesehen.

Das Problem: Das Innenministerium ist eine weisungsgebundene politische Behörde. Bisher waren solche Überwachungsmaßnahmen nur mit richterlichem Beschluss möglich. Die Geheimdienste arbeiten ihrer Natur nach verdeckt und können für keine ihrer Operationen belangt werden. In der Regel erfährt der Betroffene nicht einmal, dass gegen ihn eine Operation eingeleitet wurde. Die Absprache zwischen den Behörden und den Diensten erfolgt in der Regel mündlich. Rechtsmittel gegen derartige Aktionen sind grundsätzlich unmöglich, weil der Betroffene keine Möglichkeit der Beweisführung hat.

Die Anschläge in Paris und Brüssel hätten die „transnationale Dimension der terroristischen Bedrohung nochmals unterstrichen„, heißt es in dem Entwurf. „Insbesondere mit Partnerdiensten in den Nachbarstaaten und darüber hinaus in EU und Nato besteht ein besonderes Zusammenarbeitsbedürfnis und damit auch die Notwendigkeit, relevante Informationen zeitnah zu teilen.“

Telefonanbieter und Händler sollen künftig die Identität von Kunden bei im Voraus bezahlten Mobilfunktarifen auf ihre Richtigkeit hin überprüfen. Stichprobenuntersuchungen hätten im Zusammenhang mit Prepaid-Handys „eine enorme Anzahl offensichtlich fehlerhafter Datensätze in Kundendatenbanken von Anbietern von Telekommunikationsdiensten ergeben“, heißt es in der Begründung. Fiktive Angaben seien keine Einzelfälle, sondern eine Erscheinung „mit Massencharakter“. Für polizeiliche Ermittlungen ist dies ein Problem.

Die Bundespolizei erhält wie das Bundeskriminalamt künftig die Möglichkeit, verdeckte Ermittler zur Gefahrenabwehr einzusetzen und nicht erst zur Strafverfolgung. Diese Praxis ist äußerst fragwürdig, weil damit das Strafrecht bei Vermutungen und nicht mehr bei gesetzlich geregelten Tatbeständen greift. Es reicht also die Behauptung, jemand habe eine Straftat geplant, um ihn als Täter zu qualifizieren.

Verurteilte Unterstützer einer terroristischen Vereinigung sollen künftig schon bei Haftstrafen von mindestens sechs Monaten unter eine Führungsaufsicht gestellt werden, wenn die Gefahr besteht, dass die Person weitere Straftaten begehen wird. Zudem soll künftig „jegliche Unterstützung“ einer verbotenen kriminellen Vereinigung unter Strafe stehen. Dieser Passus ist bemerkenswert, weil er auch in den von der EU als grundrechtswidrig abgelehnten Terror-Gesetzen der Türkei verwendet wird. Dort hat die Regierung „jegliche Unterstützung“ der PKK unter Strafe gestellt und geht seither gegen Oppositionspolitiker, Journalisten und Regierungskritiker aus der Wissenschaft vor.

Die Koalitionsspitzen hatten die Grundzüge des neuen Sicherheitspakets Mitte April vereinbart.

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