Inflation: Messungen wie in der Steinzeit der Statistik

 

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02.10.2012 00:28
Essen, Heizen und Autofahren werden immer teurer. Dass das Statistische Bundesamt dennoch keine höhere Inflationsrate bekanntgibt, liegt am Warenkorb: Denn Elektrogeräte sind immer billiger geworden. Den Notenbanken freilich genügen die theoretischen Werte, um die Geldmenge unvermindert zu erhöhen.
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Die Diskussion um die Inflation ist mit der Bekanntgabe der aktuellen Erhöhung um 2,7 Prozent erneut aufgeflammt (hier). Bundesbankpräsident Weidman warnt vor der Inflation mit faustischer Entschlossenheit (hier), sein Kollege Asmussen von der EZB  nimmt gar die galoppierende Inflation in den Mund (hier).

Die Europäische Zentralbank (EZB) ficht das alles nicht sonderlich an. Sie beeinträchtigt durch eine fortlaufende Erweiterung der Geldmenge den Wert des Euro in hohem Maße. Die Geldmenge M3 ist in den letzten zehn Jahren von 5517,8 Milliarden Euro im August 2002 auf 9718,3 Milliarden Euro im August 2012 gestiegen. Das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Geldmengenerweiterung von 5,82 Prozent. Hier liegt die Hauptursache für steigende Verbraucherpreise.

Im Folgenden soll auf die methodischen Probleme bei der Ermittlung der Inflationsrate aufmerksam gemacht werden. Es wird gezeigt, dass diese Probleme in der Natur der Sache liegen und prinzipiell nicht lösbar sind. Die vom Statistischen Bundesamt eingegangenen Kompromisse sind nachvollziehbar und vertretbar, und die ermittelte Inflationsrate ist ein akzeptables Maß für die Entwicklung der Verbraucherpreise. Es handelt sich freilich nur um einen Durchschnittswert, sodass manche Menschen in der Realität höhere Preisanstiege hinnehmen müssen und manche Menschen niedrigere, denn sie konsumieren die Waren in verschiedenem Maße.

Der vom Statistischen Bundesamt monatlich ermittelte  Verbraucherpreisindex (VPI) ist ein Maß für die Lebenshaltungskosten des durchschnittlichen Konsumenten. Er ermöglicht jeweils den Vergleich zum Vorjahresmonat und entsprechend die Angabe einer Inflationsrate. Für den August 2012 wird eine Inflationsrate von 2,1 % angegeben, wobei jedoch die verschiedenen Güterarten unterschiedlich abschneiden. So gab es höhere Preissteigerungen zum Beispiel bei Nahrungsmitteln (+ 3,3 %), bei Elektrizität, Gas und anderen Brennstoffen (+ 6,4 %) und bei Verkehr (+ 4,0 %), hier vor allem bei Kraft- und Schmierstoffen für private Verkehrsmittel (+ 9,3 %). Niedrigere Preisanstiege oder sogar Preisrückgänge gab es bei der Nachrichtenübermittlung (- 0,7 %) und bei Freizeit und Kultur (+ 1,5 %), hier vor allem bei Empfangs-, Aufzeichnungs- und Wiedergabegeräten für Ton und Bild (- 6,3 %) und bei Datenverarbeitungsgeräten (- 6,1 %).

Kurz gesagt, Energie und Nahrungsmittel sind deutlich teurer geworden, was jedoch durch einen ebenfalls deutlichen Preisrückgang bei technischen Geräten aufgefangen worden ist. Genau dieser Trend ist im VPI seit Jahren zu beobachten, und seine Ursachen sind offensichtlich. Die enormen Produktivitätssteigerungen in der Elektronikbranche durch neue Erfindungen und die Möglichkeit der Massenproduktion haben zu stark fallenden Preisen geführt. Preissteigerungen bei Energie und Nahrungsmitteln ergeben sich vor allem daraus, dass es in diesen Bereichen kaum noch Produktivitätssteigerungen gibt und die Geldmengenerweiterung hier stärker zum Tragen kommt.

Die Berechnung des VPI erfolgt mithilfe eines Warenkorbs, der alle für den Verbraucher relevanten Waren und Dienstleistungen enthält. Er wird laufend aktualisiert, sodass immer diejenigen Gütervarianten im Warenkorb enthalten sind, die tatsächlich von den Verbrauchern gekauft werden. Das heißt, ein Artikel wird in den Warenkorb gelegt, wenn er häufig gekauft wird, und wieder aus dem Warenkorb entfernt, sobald er nicht mehr so häufig gekauft wird. Die Auswahl der Artikel  erfolgt anhand repräsentativer Stichproben.

Bei der Zusammensetzung des Warenkorbs ist es letztlich nicht möglich, Qualitätsunterschiede zu berücksichtigen. Wenn sich zum Beispiel viele Familien entscheiden, statt normaler Butter eine teurere Butter zu kaufen, weil sie diese als qualitativ  höherwertig einschätzen, dann wird der Warenkorb entsprechend aktualisiert und eine höhere Inflationsrate  errechnet. Wenn umgekehrt viele Familien, etwa aus finanziellen Gründen, statt der teureren Butter normale Butter kaufen, ergibt sich eine niedrigere Inflationsrate. In beiden Fällen wird die Inflationsrate verzerrt, denn man hat offensichtlich zu jedem Zeitpunkt dieselben Preise für dieselbe Butter. Es gibt keine Möglichkeit, dieses Phänomen zu  umgehen. Man kann noch nicht einmal sagen, in welche Richtung die Inflationsrate hierbei verzerrt wird.

Die Güter des Warenkorbs gehen gewichtet in den Verbraucherpreisindex ein. Der Grund dafür ist, dass zum Beispiel zwei Güterarten im Preis gleich sein können, aber die eine Güterart zehnmal so viel gekauft wird wie die andere. Dann ist es sinnvoll, die eine Güterart zehnmal so sehr in die Rechnung einzubeziehen wie die andere. Zum Beispiel wird Obst (1,061 %) etwa genauso stark gewichtet wie Gemüse (1,039 %), aber etwa dreimal so stark wie Fisch (0,36 %). Das  Wägungsschema, nach dem diese Gewichtung erfolgt, wird nur alle fünf Jahre neu berechnet und sorgt somit für Vergleichbarkeit. Würde nämlich die Gewichtung laufend angepasst, würde die Inflationsrate nach unten verzerrt, da die Verbraucher dazu neigen, Güterarten, die im Preis fallen, stärker zu konsumieren. Die wesentliche Grundlage des Wägungsschemas ist die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, an der circa 60 000 Haushalte teilnehmen.

Die Erstellung dieses Wägungsschemas bringt erneut grundsätzliche Probleme mit sich. Ein erstes Problem ergibt sich aus der Einführung neuer Produkte. So spiegelt sich zum Beispiel im aktuellen VPI die Preisentwicklung von PCs und Laptops wider, nicht aber die Preisentwicklung von Tablets, obwohl diese inzwischen einen erheblichen Teil des Marktes ausmachen.

Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass die Verbraucher eine Güterart durch eine andere ersetzen können. Wenn zum Beispiel das Reisen mit der Bahn aus unerfindlichen Gründen auf einmal extrem teuer wird, weichen viele Verbraucher auf den Luft- oder Straßenverkehr aus, die in unserem Beispiel im Preis gleich bleiben sollen. Da der Schienenverkehr jetzt immer noch mit derselben Gewichtung (0,553 %) in den VPI eingeht wie vorher, wird die Inflationsrate nach oben verzerrt, denn die erhöhten Preise werden in dem Maße gar nicht gezahlt. Wenn umgedreht das Reisen mit der Bahn plötzlich extrem billig wird, wechseln viele Verbraucher zur Bahn und die Inflationsrate wird nach oben verzerrt, da nun die Gewichtung der billigeren Bahn zu gering ausfällt. Die genannten Probleme des Wägungsschemas können zu Verzerrungen der Inflationsrate in beide Richtungen führen. Diese Verzerrungen wären jedoch nur auf Kosten der Vergleichbarkeit zu verhindern.

Die Verzerrungen des VPI sind folglich nicht korrigierbar. Sie ergeben sich aus dem Widerspruch, dass man einerseits einen festen Warenkorb benötigt, um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten, dass man aber andererseits den Warenkorb ständig verändern muss, da er das enthalten soll, was tatsächlich gekauft wird. Der beschriebene Kompromiss, die konkreten Produkte ständig auszutauschen, das Wägungsschema hingegen nur alle fünf Jahre anzupassen, ist ein untauglicher Versuch, mit diesem Widerspruch  umzugehen.

Denn die aktuelle Methode wiegt die Konsumenten in Sicherheit und gibt den Zentralbanken die Legitimation, ohne Hemmungen Geld zu drucken. Es ist eigentlich nicht einzusehen, dass es im Zeitalter der Algorithmen, die die Aktienmärkte dominieren, nicht auch Berechnungsmethoden zu entwickeln und anzuwenden, die der tatsächlichen Inflation näher kommen als der Warenkorb aus der Steinzeit der Statistik.

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