25.000 Euro für einen Vortrag: Auch Gauck und Joschka Fıscher waren in Bochum

Lesezeit: 2 min
06.11.2012 00:38
Nicht nur dem SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück dürften die Stadtwerke Bochum in guter Erinnerung bleiben: Auch Bundespräsident Gauck – damals noch nicht im Amt – kassierte 25.000€ für einen Talk-Abend. Ebenfalls in Bochum zu Gast: Joschka Fischer. Auf der Website der Stadtwerke steht: „Alle Honorare kommen wohltätigen Zwecken zu Gute.“ In Bochum leben 17 Prozent der Bevölkerung an der Schwelle zur Armut. Sie haben ein Einkommen von 833 Euro im Monat.
25.000 Euro für einen Vortrag: Auch Gauck und Joschka Fıscher waren in Bochum

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Bei den Stadtwerken Bochum herrscht offenbar schon seit längerem der Größenwahn: Die 25.000 Euro für Peer Steinbrück waren nämlich kein Einzelfall. Auch Bundespräsident Gauck hat zugegeben, denselben Betrag kassiert zu haben. Gespendet hat er das ganze Honorar gewiss nicht, sonst würde sein Büro jetzt nicht schwammig sagen, dass der Herr BP „immer wieder gerne spendet“.

In der Bochumer Reihe traten außerdem in den vergangenen Jahren auf: Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der Sänger Peter Maffay, die Schauspielerin Senta Berger und der ehemalige Leistungssportler und Bundesaußenminister Joschka Fischer. Ironie am Rande: Auch der fürs Saubermachen zuständige Bundestagspräsident Norbert Lammert beim Fischer-Auftritt gewesen. Ob und wie viel Lammert kassiert hat, ist nicht bekannt.

Die augenscheinliche Verschwendungssucht der Leitung der Bochumer Stadtwerke ist das eigentliche Problem an dieser Skandal-Chronik: Es ist mit keinem Maßstab zu rechtfertigen, dass Politiker 25.000 Euro für einen Gesprächs-Abend bekommen. Denn die Politiker liefern mitnichten Expertise ab, für die sie sich zwei Wochen lang vorbereiten müssten. Bei Fischer – von dem noch nicht bekannt ist, wie viel er bekommen hat - ging es um folgendes, wie der Website der Stadtwerke Bochum zu entnehmen ist: „Getreu dem Motto ,Mensch bleiben‘ spannten die Gesprächspartner in 120 Minuten einen weiten Bogen. Neben Politik und Privatem wurden auch tagesaktuelle Themen, wie die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf Opel, diskutiert.“ Joachim Gauck rief den 160 Zuhörern (also ein echtes Massenpublikum!) zu: „Ich musste 50 Jahre alt werden, bevor ich das erste Mal zur Wahl gehen durfte. Ich bin mir auch nicht bei jeder Wahl sicher, für wen ich stimmen soll; doch das Wichtigste ist überhaupt wählen zu gehen!“

Für das lockere Plaudern über Allgemeinplätze, tagesaktuelle Themen und private Geschichten erhält man also Fantasiehonorare von einem öffentlichen Betrieb. 25.000 Euro für belangloses Geschwätz sind ganz objektiv ein unangemessenes Honorar. Sie sind nicht marktgerecht. Keine Firma würde das auf dem freien Markt bezahlen – außer sie erhofft sich politische Gegenleistungen. Ist das nicht der Fall, liegt glattes Missmanagement vor. Die Bezahlung von Fantasiehonoraren in Serie müsste von allen Kontrollbehörden der Stadtwerke angeprangert werden. Die beiden Geschäftsführer Dietmar Spohn und Bernd Wilmert müssten Rechenschaft ablegen, was sie sich bei dieser mehrfachen Verschwendung eigentlich gedacht haben. Und wenn sie es nicht erklären könnten, müssten sie schlicht gefeuert werden.

In Bochum liegt die Quote der Bürger, die von Armut bedroht sind, bei etwa 17 Prozent. Diese Menschen verdienen 833 Euro monatlich. Sechs Prozent der Gefährdeten in Bochum erhalten nicht einmal Grundsicherungsleistungen (Hartz IV, GruSi im Alter und bei Erwerbsminderung, Sozialhilfe oder Asylbewerberleistungen). Sie sind, wie der Blog Bochum Alternativ schreibt, zumeist „working poor“ – arm trotz Arbeit, und beantragen nicht die zustehende Aufstockung.

Als blanker Zynismus ist es daher zu werten, wenn unter den 25.000 Euro-Vorträgen steht: „Alle Honorare kommen wohltätigen Zwecken zu Gute.“ Bei den Armen in Bochum ist nämlich kein Cent angekommen. Jedenfalls kann sich bisher keiner der Gäste erinnern, dass irgendetwas zu spenden gewesen sei. Einzig Joschka Fischer kann man vom Vorwurf der Heuchelei entlasten: Im Artikel über seine erbaulichen Worte steht nirgends etwas von wohltätigen Zwecken. Der grüne Realo wollte sich mit derlei theoretischem Gutmenschentum offenbar gar nicht erst beschäftigen.

Peer Steinbrück war der gute Zweck nicht bekannt, wie die Stadtwerke Bochum jetzt kleinlaut einräumen (hier im Original). Herr Steinbrück war allerdings Herrn Wilmert sehr wohl bekannt: Steinbrück hatte als Ministerpräsident von NRW den Chef der Stadtwerke zum Energiedialog geladen, wo er neben den Chefs der großen Energiekonzerne seine Anliegen vortragen durfte (hier in der stolzen Mitteilung der Stadtwerke).

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