Politik

Athen: Marsch der Flüchtlinge aus Idomeni war „organisierte Aktion“

Lesezeit: 2 min
15.03.2016 22:31
Der Marsch von tausenden Flüchtlingen aus Idomeni an die mazedonisch-griechische Grenze war nach Einschätzung der Regierung in Athen eine organisierte Aktion. Die dpa spekuliert über deutsche Linksradikale. UNHCR vermutet kriminelle Schlepper hinter einer mysteriösen Flugblatt-Aktion.
Athen: Marsch der Flüchtlinge aus Idomeni war „organisierte Aktion“

Hunderte Menschen aus dem Flüchtlingslager im griechischen Idomeni sind mit ihrem Versuch gescheitert, über die grüne Grenze nach Mazedonien und weiter nach Mitteleuropa zu kommen. Die meisten mussten am Dienstag zurückkehren. Betroffene berichteten, sie seien von mazedonischen Sicherheitskräften mit Schlagstöcken traktiert und zur Umkehr gezwungen worden.

Der von Aktivisten Marsch der Hoffnung“ genannte Aufbruch ist nach Ansicht der griechischen Regierung organisiert worden: „Wir haben in unseren Händen Flugblätter, die zeigen, das das eine organisierte Aktion war“, erklärte am späten Montagabend der Sprecher des Krisenstabes für die Flüchtlingskrise, Giorgos Kyritsis, in Athen. Zuvor hatte er an einer Dringlichkeitssitzung unter Vorsitz von Premier Alexis Tsipras teilgenommen. Wer hinter der Aktion steckt, war zunächst unklar.

Tsipras kritisierte, die Migranten seien mit einer Flugblatt-Aktion zu dem gefährlichen Grenzübertritt animiert worden, der über einen reißenden Bach führte: „Dieses Spiel mit Menschenleben muss aufhören.“

Am Vortag war es Schätzungen zufolge bis zu 2.000 Migranten aus Idomeni gelungen, den Grenzzaun zu umgehen und illegal nach Mazedonien einzureisen. In dem wilden Camp warten mehr als zehntausend Migranten seit gut zwei Wochen darauf, doch noch über die geschlossene Balkanroute weiter nach Nordwesten in die EU zu gelangen, vor allem nach Deutschland.

In dem Camp war ein Flugblatt mit detaillierten Informationen verteilt worden, wie man über die Grenze nach Mazedonien gelangen könnte - unterschrieben mit „Kommando Norbert Blüm“. Der frühere Bundesminister hatte am Wochenende aus Solidarität eine Nacht in Idomeni verbracht. Blüm sagte laut dpa in mehreren Interviews, dass er mit der Aktion nichts zu tun hatte. Über die Urheberschaft des Flugblattes gab es keine gesicherten Erkenntnisse. Die dpa spekuliert über „deutsche Linksradikale, die sich als humanitäre Helfer engagieren“.

Die griechischen Behörden veröffentlichten in der Nacht zum Dienstag ein Flugblatt in arabischer Sprache, das vor dem Exodus in Idomeni verteilt worden sein soll. Der Text verspricht den Menschen fälschlicherweise, dass sie Mazedonien bei einem Grenzsturm mit tausenden Menschen nicht mehr zurückschicken könne.

Der Sprecher des UN-Hilfswerks UNHCR in Idomeni, Babar Baloch, hält es für möglich, dass der Flyer das Werk von kriminellen Schmuggler-Netzwerken war. Norbert Blüm selbst hat damit jedenfalls nichts zu tun, wie der frühere Bundesminister in mehreren Interviews versicherte.

Tsipas sprach von „unbekannten Personen, vielleicht Gruppen, die sich selbst Freiwillige“ nennen aus, berichtet The New York Times.

Die Website Metronaut berichtet, dass die mazedonische Polizei 70 Journalisten und freiwillige Helfer festgenommen haben soll, um sie von der Dokumentation des Flüchtlingsmarsches abzuhalten. Die griechische Zeitung Protothema bringt ein Faksimile des Flugblatts.

Der Journalist der Sunday Times, Bojan Pancevski, meldet über sein Twitter-Konto die Festnahme von Dutzenden deutschen Aktivisten, die den Flüchtlingen beim Grenzsturm geholfen haben sollen. Sie sollen eine Geldstrafe von 250 Euro erhalten haben.

Drei Flüchtlinge sollen bei der Überquerung des Flusses bei Idomeni ertrunken sein, berichtet die italienische Nachrichtenagentur ANSA.

Die österreichische Kronenzeitung ließ das Flugblatt, das zum Grenzsturm der Flüchtlinge geführt hat, übersetzen:

„Die Wahrheit: Die griechisch- mazedonische Grenze in Idomeni bleibt geschlossen. Es gibt keine Busse oder Züge für den Transport nach Deutschland. Wer bleibt, wird in die Türkei gebracht. Wer ungesetzlich nach Europa weitergeht, kann dann in Deutschland bleiben. Das Lager in Idomeni kann in den nächsten Tagen geschlossen werden - und ihr werdet gezwungen, in die Türkei zu emigrieren.

1. Wer seinen Weg ungesetzlich nach Europa geht, sieht einen doppelten Zaun - er soll euch täuschen, dass die Grenze geschlossen ist. Aber nach fünf Kilometern gibt es keinen Zaun, sondern offene Wege nach Mazedonien.

2. Es kann sein, dass euch die Armee oder Polizei zwingt, nach Griechenland zurückzukehren.

3. Wenn ihr euch auf gewissen Punkten zu Tausenden sammelt, kann euch niemand zwingen, zurückzugehen.

4. Treffen wir uns am Montag um 14 Uhr, dann kann weder Militär noch Polizei euch stoppen.

Die Infos vernichten, damit sie nicht in die Hände von Armee, Polizei oder Journalisten fallen. Gezeichnet: Kommando Norbert Blüm.“

DWN
Politik
Politik Explosionsartiger Anstieg der Pflegefälle: Erneute Steigerung der Versicherungsbeiträge ab Anfang 2025 erwartet
28.05.2024

Die Beitragszahler müssen sich Anfang 2025 auf eine weitere Erhöhung der Pflegeversicherungsbeiträge einstellen. Das erklärten mehrere...

DWN
Politik
Politik Europas uneuropäische Wahlen
28.05.2024

Die Debatte der Kommissions-Präsidentschaftskandidaten offenbarte unbequeme Wahrheiten über die EU und bot wenig Anreiz zur Teilnahme an...

DWN
Politik
Politik DWN-SERIE zur Europawahl (Teil 1): Das Wahlprogramm der FDP für die EU
28.05.2024

Am Sonntag, dem 9. Juni, findet in Deutschland die Abstimmung zur Europa-Wahl statt. Erstmals werden auch 16-Jährige über die...

DWN
Politik
Politik Fake News im Netz: In Wahlkabinen darf weder fotografiert noch gefilmt werden
28.05.2024

Zur Europawahl machen viele Falschbehauptungen die Runde. Oft geht es um die Wahlzettel, die - anders als behauptet - auf keinen Fall...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Erstaunliche Entwicklung trotz Korruption: China als Spiegel globaler Realitäten - TEIL 2
28.05.2024

China hat sich trotz regelmäßiger Korruptionsskandale enorm entwickelt. Dabei wird generell angenommen, dass erst eine Überwindung von...

DWN
Immobilien
Immobilien Der Bauträger ist pleite: Was tun? Wie sich Bauherren besser schützen können
28.05.2024

Ein Bauträger nach dem anderen geht bankrott – die Sorge am Markt steigt gleichermaßen auf Seiten von Investoren und frisch gebackenen...

DWN
Politik
Politik Pistorius präsentiert den SPD-Tauben sein Wehrpflicht-Konzept
28.05.2024

Der Verteidigungsminister hat seiner vom Friendenskanzler auf Linie gebrachten Partei dargelegt, wie er sich den Weg zurück zur Wehrdienst...

DWN
Panorama
Panorama Weniger Lust auf Milch - von Tradition zur ethischen Debatte
28.05.2024

Jahrzehntelang hatte Milch in Deutschland einen guten Ruf. Im Vergleich zu den 1990er-Jahren ist der Verbrauch bei Kuhmilch aber deutlich...