Ökonom Bosbach: Job-Krise, weil Jugendliche die falschen Berufe erlernen

Lesezeit: 3 min
06.09.2012 00:48
Der Ökonom Gerd Bosbach erklärt, warum er an der offiziellen Variante des Fachkräftemangels zweifelt: Es sind handfeste Systemfehler und nicht die Demografie, die an den Besetzungsproblemen der Unternehmen schuld sind.

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Deutschland wird ein Fachkräftemangel attestiert. Die Bundesregierung versucht mit einer Reihe von Maßnahmen, diesen Mangel auszugleichen. Wie sehen Sie die Entwicklung beim Angebot an Fachkräften?

Gerd Bosbach: Natürlich haben manche Unternehmen in manchen Regionen bei bestimmten Berufen leichte Probleme mit der Besetzung. Das ist aber bei einem Wirtschaftsaufschwung immer der Fall und hat nichts mit einem generellen Fachkräftemangel zu tun.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie begründen Sie Ihre Vorbehalte gegen die Diagnose Fachkräftemangel?

Gerd Bosbach: Wenn es massive Besetzungsprobleme gibt, müsste man in einer Wirtschaft, die auf Wettbewerb basiert, im Sinne von Angebot und Nachfrage die Preise erhöhen. Genau das ist aber in Deutschland nicht zu sehen. Dazu gibt es eine umfangreiche Studie vom Verein Deutscher Ingenieure, die besagt, dass die Einstiegsgehälter nur knapp oberhalb der Inflationsrate steigen.

Zudem hat Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung nachgeprüft, wie viele Personen in den angeblichen Fachkräfteberufen arbeitslos gemeldet sind und wie viele Studierende pro Jahr in diesen Bereichen abschließen. Er kam zu dem Ergebnis, dass es hier bis auf ganz wenige Ausnahmen gar keine Probleme gibt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wenn die Unternehmen ihren Mitarbeitern mehr zahlen, bekommen sie auch die Bewerber, die sie suchen?

Gerd Bosbach: Es geht nicht nur um die Gehälter, die bezahlt werden. Jungen Menschen, die man eigentlich rekrutieren oder an das Unternehmen binden will, werden immer noch Zeitverträge angeboten. Oder sie werden sogar direkt über Zeitarbeitsfirmen beschäftigt. Für die jungen Bewerber – und das sage ich auch aus der Erfahrung eines Lehrenden, der tagtäglich mit jungen Leuten in Kontakt ist – ist es ein starker Anreiz, einen unbefristeten Vertrag zu bekommen. Denn er schafft eine gewisse Sicherheit, mit der es sich leichter planen lässt. Aber das wird so gut wie nicht eingesetzt, um neue Mitarbeiter zu werben. Ich habe schon Vortragende aus dem Personalbereich erlebt, die sagen: „Natürlich versorgen wir uns in erster Linie über Zweijahresverträge mit Mitarbeitern.“ Daraus kann man schließen, dass der Fachkräftemangel den Unternehmen nicht so wehtut.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In Deutschland wird sich in den kommenden Jahrzehnten ein immer stärkeres Ungleichgewicht zwischen jungen und alten Menschen entwickeln. Wie kann die demografische Entwicklung im Hinblick auf den Arbeitsmarkt ausgeglichen werden?

Gerd Bosbach: Selbst wenn wir jetzt einen Fachkräftemangel hätten, ist dieser nicht mit der Demographie zu begründen. In den 90er-Jahren wurden Jugendliche massiv von Lehrstellen abgehalten. Damals wurde auch klar und deutlich gesagt: „Wir haben nicht so viele Stellen und so viele Lehrlinge brauchen wir gar nicht.“ Die damals Abgewiesenen, also jene die in den 80ern geboren wurden, wären heute gut 30-jährige Facharbeiter.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Dennoch bekommen Unternehmen zunehmend Probleme, freie Stellen nachzubesetzen.

Gerd Bosbach: Ein heute möglicherweise existierender Fachkräftemangel ist durch die Ausbildungsversäumnisse der Vergangenheit ausgelöst worden. Diese Versäumnisse wiederholen wir jetzt noch, indem wir Jugendliche als zu dumm abweisen, anstatt mit ihnen zu arbeiten. Auf der anderen Seite stopfen wir die Hochschulen voll. Der Betreuungsaufwand an manchen Fachhochschulen hat sich verglichen mit dem vor 5 Jahren verfünffacht. Das macht sich in Platzmangel und Personalnot bemerkbar. Wir produzieren im Moment einen schwächer ausgebildeten Nachwuchs der Zukunft, weil wir zu wenig Geld in die jungen Menschen investieren.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie sieht die Situation im Gesundheitsbereich aus? Hier könnte sich ein ernstes Versorgungsproblem anbahnen.

Gerd Bosbach: Wenn wir über Fachkräftemangel bei Ärzten reden und dabei noch das Wort Demografie in den Mund nehmen, ist das schlichtweg falsch. Wir haben bei einigen Hochschulen einen Numerus clausus von 1,4 oder 1,5 – in manchen Fällen sogar von 1,0. Das bedeutet: Wir weisen massiv Menschen ab, die Ärzte werden wollen, und am Ende beklagen wir dann einen Ärztemangel.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Das bedeutet, wir arbeiten jetzt schon wieder am Fachkräftemangel von morgen?

Gerd Bosbach: Ja. Ein Studienanfänger ist heute rund 20 Jahre alt. Wenn er sein Studium beendet hat, steht er dem Arbeitsmarkt noch 40 Jahre zur Verfügung. Wir haben jetzt die Arbeitskräfte der nächsten 40 Jahre bei uns in den Schulen und Hochschulen. Das übersieht die Politik, wenn sie über Demografie redet. Jetzt entscheidet sich, was in den nächsten 40 Jahren passiert. Wir können die Studierenden aber nicht ordentlich ausbilden, weil die Einrichtungen so überlaufen sind.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was muss sich ändern, um diesen Fehlentwicklungen gegenzusteuern?

Gerd Bosbach: Es müssen zuallererst Systemfehler beseitigt werden. Deutlich wird das beispielsweise in den Pflegeberufen: Ein höherer Verdienst ist notwendig, für 1.500 Euro pro Monat will diesen Knochenjob kaum jemand langfristig machen. Junge Leute, die diesen Beruf ausüben wollen, dürfen nicht von den Pflegeschulen abgelehnt werden, wie es heute oftmals der Fall ist! Damit hängt ein anderer Systemfehler zusammen: In der Annahme, Abiturienten seien leichter zu beschulen, hat man zum Teil die „Falschen“ ausgebildet. Diese haben den schlecht bezahlten Beruf verlassen, meist um zu studieren. Jene, die kein Abitur hatten, aber den Beruf unbedingt ausüben wollten, hat man abgewiesen. Das ist keine Frage der Demografie.

Prof. Dr. Gerd Bosbach lehrt Mathematik, Statistik sowie Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung am RheinAhrCampus Remagen. Außerdem ist Bosbach Mitherausgeber des Buches „Lügen mit Zahlen. Wie wir mit Statistiken manipuliert werden“.



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