Spanien: Niedrige Löhne sorgen für Unruhe

Lesezeit: 2 min
23.04.2014 10:45
Um die Schuldenkrise im Land zu überwinden, erlaubte die Regierung spanischen Firmen per Gesetz, Löhne zu kürzen und Arbeitsverträge zu ändern. In Spanien entstand eine neue Unterschicht, die für den Rest des Lebens darum kämpfen muss, stabile Jobs zu bekommen.

Spanien stand vor zwei Jahren finanziell am Abgrund. Strukturreformen und ein harter Sparkurs brachten die Wende und kurbelten den Export wieder an. Firmen erhielten per Gesetz die Chance, Löhne zu kürzen und Arbeitsverträge zu ändern. Diese Reformen - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise in der Euro-Zone von Politikern gern als alternativlos bezeichnet - haben in der spanischen Gesellschaft zu tiefgreifenden Veränderungen geführt. Sie könnten zudem langfristig ihre Spuren hinterlassen und die konjunkturelle Erholung bremsen.

Denn Niedriglöhner und Arbeitnehmer mit kurzfristigen Verträgen haben die Hauptlast der Gehaltskürzungen getragen. Damit entstand in Spanien eine neue Unterschicht, die wohl für den Rest des Lebens kämpfen dürfte, um stabile Jobs zu bekommen.

Nach Daten des Internationalen Währungsfonds öffnete sich die Lohnschere zwischen 2007 und 2012 in keinem EU-Staat so stark wie in Spanien. Dies hat bereits zu sozialen Spannungen geführt und zuletzt wegen des harschen Sparkurses der Regierung auch zu Straßenschlachten (mehr hier). Dabei hatte das Land nach Ende der 36 Jahre währenden Diktatur 1975 lange gebraucht, um seinen sozialen Frieden zu finden.

Umfragen zufolge dürften die beiden großen Parteien - Sozialisten und Konservative - bei der Europa-Wahl im Mai einen Denkzettel erhalten: vor allem wegen ihres Umgangs mit der Schuldenkrise. Schwindet das Vertrauen der Menschen weiter, könnte die konservative Volkspartei bei der Parlamentswahl 2015 ihre absolute Mehrheit verlieren.

Nach zwei Rezessionsjahren dürfte Spaniens Wirtschaft 2014 zwar wieder um ein Prozent wachsen, in den Jahren zuvor war sie allerdings um sieben Prozent geschrumpft. Der Export-Anteil am gesamten Bruttoinlandsprodukt stieg binnen fünf Jahren von einem Fünftel auf ein Drittel. Doch das Wohl und Wehe der Wirtschaft hängt auch von den Ausgaben der Verbraucher ab. Und diese sanken seit dem Platzen der Immobilienpreisblase 2008 um mehr als elf Prozent.

Kritiker warnen, dass Spanien dank sinkender Löhne zu sehr auf Export-Erfolge nach deutschem Vorbild schielt und zu wenig den Konsum und Investitionen fördert. Ökonomen bezweifeln ohnehin, dass Spanien auf den Weltmärkten langfristig mit seinen Produkten gegen noch billigere Waren aus der Türkei und Marokko mithalten kann. „Der Ausweg wird schmerzhaft sein“, sagt Santiago Carbo Valverde von der Bangor Universität in Wales. „Alles in allem wird Spanien auf kurze Sicht ein ärmeres Land sein.“

Ende vorigen Jahres arbeitete schon jeder sechste Beschäftigte in Teilzeit, Mitte 2007 war es nur jeder neunte. Zudem laufen immer mehr Menschen Gefahr, trotz eines Arbeitsplatzes in Armut abzurutschen. Als vor Kurzem Ikea 400 Jobs für ein neues Möbelhaus in Valencia ausschrieb, bewarben sich binnen weniger Tage über 20.000 Menschen und brachten die Computer-Server des schwedischen Konzerns zum Absturz (hier).



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