Finanzen

Koks, Sex und Waffen: Die EU rechnet sich die Defizite schön

Lesezeit: 2 min
21.06.2014 00:20
Um die Staatsschuldenquoten in Europa niedriger zu rechnen, werden ab Herbst 2014 absurde „Sozialleistungen“ in das Brutto-Sozialprodukt mit eingerechnet. Darunter der Handel mit Sex, Drogen, und Waffen.
Koks, Sex und Waffen: Die EU rechnet sich die Defizite schön

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Eine neue EU-Richtlinie (ESVG 2010a) sieht vor, dass ab September 2014 auch Einnahmen der Staaten aus Schmuggel, Drogenhandel, Sex und Militärgütern in das Brutto-„Sozialprodukt“ (auch als Brutto-Inlandsprodukt bezeichnet) in die Statistik als „nationale Wertschöpfungen“ einfließen sollen.

Selbst wenn der Handel mit Sex in Deutschland legalisiert ist – in den meistens europäischen Ländern ist dies nicht der Fall. Gleichwohl fließen offenbar auch hierzu Schätzungen in die neuen Brutto-Inlandsprodukt-Berechnungen mit ein.

Der Vorteil der neue Richtlinie: je höher das Brutto-Inlandsprodukt des jeweiligen Staates, desto niedriger nehmen sich dazu im Verhältnis die offiziellen Staatsschulden aus.

Eine Statistik von börse.de zeigt, dass die Neuberechnungen nur marginale Auswirkungen haben dürften.

Bereits seit 2013 wenden die Vereinigten Staaten derartig neue Berechnungsmethoden an. Weltweit gibt es hierzu das „System of National Accounts“ (SNA) der Vereinten Nationen.

Die Gesamt-Verschuldung der 18 Euroländer dürfte nach Schätzungen demnach von derzeit 96,3 Prozent auf 94,0 Prozent fallen, der Schuldenstand Deutschlands von 79,9 auf 77,4 Prozent, Italiens von 133,6 auf 131,0 Prozent und Frankreichs von 93,8 auf 91,1 Prozent, Spaniens von 94,6 auf 92,8 Prozent und Portugals von 129,2 auf 125,7 Prozent. Für Griechenland, Zypern und Malta liegen keine Schätzungen vor.

Nach einer interaktiven Grafik des Handelsblatts ermittelte Eurostat in einer Modellrechnung, wie sich die Schuldenquotennach der Umsetzung der Richtlinie aus Brüssel mit Einberechnung der Umsätze aus Drogen- und Waffenhandel, Sex und Schmuggel neu darstellen.

Demnach sinkt die Schuldenquote für Deutschland um 2,3 Prozent, Italiens um 2,4 Prozent, Frankreichs um 2,5 Prozent, Spanien steht mit 1,4 Prozent weniger Schulden da und Portugal um 2,1 Prozent.

Offizielle Zahlen werden ab September 2014 verfügbar sein.

Um die Umsätze für das Brutto-Sozialprodukt aus Schmuggel – wie etwa beim Zigarettenschmuggel –hochzurechnen, wühlen Ermittler für ihre Datensätze sogar im Müll, wie das Handelsblatt berichtet.

Auch bei den sogenannten Militärgütern gibt es Änderungen. Militärische Ausgaben, etwa für neue Waffensysteme, fielen bisher unter „Konsumausgaben“. Ab Herbst werden sie, wie das Handelsblatt meldet, als Anlagegüter umgebucht. Sie zählen somit zu den Investitionen und führen zur Erhöhung des Brutto-Inlandsprodukts.

Fast sechs Milliarden Euro waren die 2013 von der alten Regierung genehmigten Ausfuhren von Rüstungsgütern wert. In 2012 waren es 4,7 Milliarden Euro, mithin eine Zunahme von etwa 25 Prozent. Deutsche Maschinengewehre, Panzer und andere Tötungsmaschinen wurden 2013 erneut nach Saudi-Arabien oder Katar geliefert, die regelmäßig wegen Menschenrechtsverletzungen am Pranger stehen.

Die Koalition will laut offiziellen Bekundungen zurückhaltender agieren. Neue Rekorde sind dennoch möglich. Denn die Regierung möchte künftig lediglich nach „Einzelfällen“ prüfen. Denn Waffenexporte erhöhen das Brutto-Sozialprodukt und drücken die Schuldenquote nach unten.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik Gefährdet Kanzler Scholz unsere Sicherheit? Experten kritisieren Aussagen zu Verbündeten scharf
29.02.2024

Bundeskanzler Olaf Scholz gerät auch bei Politikprofis mehr und mehr in die Kritik. Hat er mit seinem "Nein" zur Lieferung des Systems...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Aixtron-Aktie stürzt ab: 2024 weniger Wachstum erwartet - und nun?
29.02.2024

Die Aixtron-Aktie ist im Donnerstagshandel abgestürzt, zeitweise rutschte das Papier des Chipindustrie-Ausrüsters annähernd 20 Prozent...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Nachhaltigkeitspflicht ab 2024: Wie deutsche Firmen jetzt handeln müssen!
29.02.2024

Mit der Einführung der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) der EU im Jahr 2024 müssen große Konzerne ihre Bemühungen in...

DWN
Politik
Politik EU-Kommission genehmigt Freigabe von Milliarden-Geldern für Polen
29.02.2024

Geldsegen aus Brüssel: Die polnische Regierung erhält Milliardengelder. Die EU-Kommission stimmt zu, eingefrorene Gelder in...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Inflation in Deutschland auf dem Rückzug - wovor Experten jetzt warnen
29.02.2024

Die Kaufkraft der Deutschen steigt wieder, denn die Inflation in Deutschland schwächt sich weiter ab. Nach vorläufigen Daten des...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft US-Magazin Bloomberg: “Deutschlands Tage als industrielle Supermacht sind gezählt“
29.02.2024

Das führende US-Wirtschaftsmagazin Bloomberg gibt eine niederschmetternde Prognose für die Zukunft Deutschlands ab: Deutschlands Tage als...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Erstmals nach Corona-Flaute: Reallöhne wieder minimal gestiegen
29.02.2024

Gute Nachrichten für die Beschäftigten in Deutschland: Die Reallöhne in Deutschland sind 2023 erstmals wieder leicht gestiegen - nach...

DWN
Panorama
Panorama US-Präsident Joe Biden im Gesundheitscheck: Verschleiß, Atemmaske und steifer Gang
29.02.2024

Mit 81 Jahren ist Joe Biden der älteste aktive US-Präsident aller Zeiten. Ist er fit genug für einen der härtesten Jobs der Welt? Sein...