Schulden-Krise: China nutzt die Schwäche Europas und kauft Unternehmen

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23.10.2014 00:01
Seit Ausbruch der Staatsschuldenkrise in Europa haben Chinas Investitionen in europäische Unternehmen erheblich zugenommen. Nachdem China sich zuvor den Zugang zu den Ressourcen der Entwicklungsländer sicherte, nutzt Peking die Krise in Europa und investiert im großen Stil in Fusionen und Übernahmen.

China hat in den vergangenen Jahren stärker als jemals zuvor in europäische Unternehmen investiert. Zudem werden die Fusionen und Übernahmen durch chinesische Unternehmen noch deutlich zunehmen, erwarten Ökonomen. Denn chinesische Staatskonzerne und Private-Equity-Gesellschaften verfügen oftmals über mehr finanzielle Mittel als ihre westlichen Konkurrenten.

In den schlimmsten Tagen der europäischen Staatsschuldenkrise zogen sich viele Investoren aus Europa zurück. Chinesische Unternehmen hingegen nutzten diese Gelegenheit und investierten damals viel Geld in einige der am stärksten von der Krise betroffene Staaten der Eurozone.

Wir sahen einen massiven Anstieg bei den chinesischen Investitionen in Europa [...] auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise“, zitiert die Financial Times Thilo Hanemann, China-Experte bei der Beratungsfirma Rhodium Group.

„Dies war teils opportunistisch, weil die Investitionen billig waren, und teils war es ein langfristiger struktureller Wandel bei den chinesischen Auslandsinvestitionen: von der Sicherung natürlicher Ressourcen in den Entwicklungsländern zum Erwerb von Marken und Technologien in den entwickelten Staaten.“

Von 2010 bis 2012 vervierfachten sich die chinesischen Direktinvestitionen in der EU auf knapp 27 Milliarden Euro, berichtet die Deutsche Bank. Dieser Kaufrausch zeigt einen Wandel bei den chinesischen Auslandsinvestitionen, sagen Analysten. Sie erwarten, dass Chinas Investitionen in Europa in den kommenden zehn Jahren stetig zunehmen.

Die Chinesen mussten sich bei ihren Geschäfte in Europa an die hiesigen Eigenarten erst gewöhnen. Als etwa das staatliche chinesische Konsortium Covec den Zuschlag zum Bau einer Autobahn von Warschau bis zur deutschen Grenze erhielt, geriet es wiederholt in Konflikt mit den polnischen Gesetzen. Im Jahr 2011, zwei Jahre nach Projektbeginn, kündigte die polnische Regierung den Vertrag.

Was das chinesische Unternehmen am meisten verwirrte, waren die polnischen Umweltgesetze. Diese erforderten den Bau von Tunneln unter der Straße für die wilden Tiere. Zudem mussten die Bauarbeiten für zwei Wochen angehalten werden, damit sieben seltene Arten Frösche, Kröten und Molche gerettet werden können.

Diese Geschichte ist in China legendär geworden. Sie ist ein Gleichnis für die gesetzlichen und kulturellen Eigenheiten, welche chinesische Investoren kennen müssen, wenn sie in Europa Geschäfte machen oder Unternehmen kaufen wollen. Doch solche Hürden haben Chinas Interesse an Europa nicht abgeschreckt.

Die chinesischen Investitionen in Europa sind 2013 im Vergleich zu den beiden starken Vorjahren leicht zurückgegangen. Doch Analysten beobachten, dass derzeit stabile Verträge entstehen, und erwarten, dass die Investitionen in den kommenden zehn Jahren deutlich ansteigen werden.

Die staatlichen chinesischen Unternehmen waren die Vorreiter bei Chinas Auslandsinvestitionen. In den Jahren 2008 bis 2013 standen sie laut Zahlen der Deutschen Bank für 78 Prozent der chinesischen Investitionen in Europa. Auch in China selbst beherrschen die Staatskonzerne ganze Sektoren wie Telekommunikation, Transport, Energie und Finanzwesen.

Doch auch Chinas private Unternehmen spielen heute eine entscheidende Rolle. Ihr Anteil an den chinesischen Fusionen und Übernahmen in Europa ist in den letzten Jahren von 4 Prozent auf 30 Prozent angestiegen.

Chinas Investitionen konzentrieren sich jedes Jahr auf bestimmte Länder, so Daten des US-Think-Tanks Heritage Foundation. In Großbritannien sind die chinesischen Aktivitäten nunmehr zwei Jahre in Folge angestiegen. Spanien verzeichnet seit der Schuldenkrise einen stetigen Anstieg.

Dieses Jahr ist Italien bisher Chinas größtes Ziel für Investitionen in Europa. Im ersten Halbjahr 2014 stiegen Chinas Investitionen in Italien massiv an. Fast die Hälfte der insgesamt 7 Milliarden Dollar, die China bereits in Italien investiert hat, kamen 2014.

Portugal beobachtete 2011 und erneut 2014 einen massive Anstieg der chinesische Investitionen. Wie andere Krisenländer in der Eurozone geriet auch Portugal unter Druck, staatliche Vermögen zu verkaufen. Die Regierung verkaufte große Beteiligungen an Energieversorgern und Infrastukturbetreiber an chinesische Firmen.

Die chinesischen Investoren sehen Portugal auch als einen strategischen Schritt, um mithilfe der dort erworbenen Firmen auch in Portugals frühere Kolonien Brasilien, Angola und Mosambik zu expandieren, sagt Francisco Veloso, Dekan der Católica-Lisbon School of Business and Economics.

„Es ist sinnvoll, eine Basis in Portugal zu haben, damit chinesische Manager Erfahrungen sammeln und Netzwerke bilden, um in andere, viel größere portugiesisch-sprechende Länder wie Angola und Brasilien zu expandieren.“

Chinesische Investitionen spielten eine entscheidende Rolle beim Erfolg des portugiesischen Privatisierungsprogramms. Sie machten 45 Prozent der 9,2 Milliarden Euro aus, die das Land in den letzten drei Jahren durch den Verkauf staatlichen Vermögens einnahm.

Wenn man künftige Investitionspläne einbezieht, dann ist China Portugals größte Quelle ausländischer Direktinvestitionen. Dieses Jahr kaufte das chinesische Konglomerat Fosun für 1 Milliarden Euro 80 Prozent von Portugals größtem Versicherer Caixa Seguros. Aktuell bietet Fosun um Vermögenswerte der in Finanznöten befindlichen Espírito Santo Gruppe.

Zwar haben die chinesischen Investitionen in Europa zugenommen. Doch im Vergleich zu den 4 Billionen Dollar Währungsreserven, über die China verfügt, sind die Investitionen gering, sagt Derek Scissors vom US-Think-Tank American Enterprise Institute.

Der Umfang ist noch immer nicht sehr groß, weil Europa nicht bereit ist, China seine erstklassigen Technologien zu verkaufen, und weil Europa nicht mehr viel hat, was China wirklich will. In der Zukunft werden wir wahrscheinlich einen stetigen Anstieg [chinesischer Investitionen in Europa] sehen, aber keine großen Durchbrüche.“

„[Chinas] Unternehmen kaufen heute deutsche Unternehmen im Wert von 200 Millionen Dollar, statt Unternehmen für 20 Millionen Dollar“, so Scissors.

Ausländische Direktinvestitionen in China erreichten im vergangenen Jahr 117 Milliarden Dollar und liegen somit noch immer deutlich höher als als Chinas Auslandsinvestitionen, die lauf Chinas Handelsministerium im vergangenen Jahr einen Umfang 108 Milliarden Dollar erreichten.

Liao Qun, Chefökonom bei der Citic Bank, erwartet, dass Chinas Auslandsinvestitionen bis 2017 bei mehr als 200 Milliarden Dollar liegen werden. Zudem werde der Anteil der Investitionen in Europa ansteigen.

Eine Umfrage der EU-Handelskammer in China hat die größten Hürden für chinesische Unternehmen bei ihren Geschäften in Europa ermittelt: Arbeitsrecht, Personalkosten, Immigrationsgesetze und „kulturelle Unterschiede im Führungsstil“.

Dennoch sagten 97 Prozent der chinesischen Unternehmen, die bereits in Europa investiert haben, dass sie planen, in den kommenden Jahren mehr in Europa zu investieren.

„Eine Reihe chinesischer Private-Equity-Gesellschaften haben große Mengen Kapital eingesammelt und wollen es außerhalb der Grenzen von Asien in Europa oder den USA anlegen“, zitiert die Financial Times den in Hongkong ansässigen Goldman-Banker Iain Drayton, der als Berater für Kapitalbeteiligungsgesellschaften arbeitet.

Chinesische Private-Equity-Gesellschaften werden zunehmend in der Lage sein, mehr Geld als ihre westlichen Konkurrenten aufzubringen, so Drayton.

Im Juli kaufte die in Peking ansässige Private-Equity-Gesellschaft Hony Capital die beliebte britische Restaurant-Kette PizzaExpress. Die Übernahme verdeutlicht den Aufstieg chinesischer Kapitalbeteiligungsgesellschaften, die heute in ganz Europa tätig sind.

Hony Capital verwaltet Vermögen im Umfang von mehr als 6,8 Milliarden Dollar in sieben Fonds. Nach dem Vorbild staatlicher chinesischer Unternehmen sucht die Private-Equity-Gesellschaft im Ausland nach Firmen, denen sie helfen kann, in ihren heimischen Märkten zu wachsen.

Im September legte das in Schanghai ansässige Konglomerat Fosun in letzter Minute ein Gegenangebot für das französische Tourismus-Unternehmen Club Med vor, an dem auch die italienische Private-Equity-Gesellschaft Investindustrial Interesse gezeigt hatte.

Die privaten chinesischen Private-Equity-Gesellschaften genießen bei den Bankern heute große Glaubwürdigkeit.

„In der Vergangenheit brauchten chinesische Firmen oft länger als westliche Gruppen, bei Übernahmen Entscheidungen zu treffen, und erfüllten nicht die Preiserwartungen, die sie erweckt hatten“, sagt Société-Générale-Banker Eric Meyer, der chinesische Kunden berät. Doch dies sei nicht länger der Fall. „Sie sind ernsthaft interessierte Käufer.“



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