Deutsche Bischöfe gegen Obergrenze bei Aufnahme von Flüchtlingen

 

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24.09.2015 15:51
Die Deutschen Bischöfe warnen in einem Hirtenwort vor Fremdenfeindlichkeit und Rassismus im Umgang mit Flüchtlingen. Dies sei mit dem Christentum unvereinbar. Bischof Reinhard Marx sprach sich gegen eine Obergrenze bei der Aufnahme von Flüchtlingen auf. Enttäuschend. Zum Krieg im Nahen Osten äußern sich die Bischöfe halbherzig und fast resigniert.
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Die katholischen Bischöfe in Deutschland haben zu einem langem Atem bei der Unterstützung von Flüchtlingen aufgerufen. «Hilfe für die Flüchtlinge ist kein Kurzstreckenlauf, sondern ein Marathon», betonte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) am Donnerstag in ihrem Abschlussbericht der Herbstvollversammlung in Fulda. Sie erwarten, dass weitere Flüchtlinge nach Deutschland kommen und die meisten von ihnen auch in Deutschland bleiben werden.

Die Beschaffung von Wohnraum bezeichneten die katholischen Oberhirten als die «im Moment dringlichste Aufgabe». Die Kirche sei bemüht, ihren Teil beizutragen. Es sei aber eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.

Der DBK-Vorsitzende Kardinal Reinhard Marx (München) sprach erneut von einer «Jahrhundert-Aufgabe». Die Vollversammlung bat darum, die Anstrengungen in allen 27 deutschen Bistümern und den Hilfswerken möglichst noch zu verstärken.

Die Bischofskonferenz beurteilte selbstkritisch, dass die professionelle Hilfe der Kirche noch besser organisiert und koordiniert werden müsse. Dabei soll der neu berufene Sonderbeauftragte für Flüchtlingsfragen, Hamburgs Erzbischof Stefan Heße, helfen. Er soll die Hilfe effizienter machen und auch dokumentieren, um Lücken deutlich zu machen.

Marx betonte, dass viel Kraft in die Integration der Flüchtlinge investiert werden müsse. Wenn Flüchtlinge abgewiesen würden, bestehe die Gefahr, dass sie Extremisten in die Hände fielen, die sie fanatisieren könnten. «Dann haben die Werber für Fundamentalismus freie Bahn», warnte Marx. Eine Gefahr der Überfremdung, wie von Konservativen und Rechten befürchtet, könne er nicht erkennen.

Marx sprach sich auch deutlich gegen Obergrenzen bei der Aufnahme von Flüchtlingen aus. Er ermunterte die Bürger, mit den Neuankömmlingen in Kontakt zu treten: «Begegnung schafft Vertrauen.» Man könne sie nicht zurückschicken. Er hoffe auf die Hilfsbereitschaft aller Länder und eine «europäische Solidarität». Wie in den Krisengebieten der Welt Vertreibung verhindert und Frieden gefördert werden könne - «darauf habe ich keine Antwort», sagte Marx.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat ein Hirtenwort zu den Flüchtlingen veröffentlicht. Die Bischöfe schreiben:

Krieg und Gewalt haben die Zahl der Flüchtlinge und Asylsuchenden in ungeahnte Höhen getrieben. Besonders die Bürgerkriege in Syrien und im Irak, aber auch Schreckensregime und Verfolgung in Afrika entwurzeln Millionen Menschen. Sie suchen Schutz in den Nachbarländern oder machen sich auf den gefahrvollen Weg nach Europa. Hunderttausende hoffen, in unserem Land Zuflucht zu finden.

„Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen.“ Das Wort aus dem Matthäus-Evangelium sagt, was von uns Christen gefordert ist: Was ihr für die geringsten unter meinen Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan (vgl. Mt 25,35.40). In den vielen verzweifelten Menschen erkennen wir unseren Herrn Jesus Christus.

Die aktuelle Krise hat in Deutschland ein großes Maß an Solidarität, Hilfsbereitschaft und Mitgefühl geweckt. Der Einsatz der staatlichen Stellen, von Unternehmen, Gruppen der Zivilgesellschaft und vielen Einzelpersonen verdient hohe Anerkennung. Im Geist der Nächstenliebe haben auch unzählige Christen die Herausforderung der Stunde angenommen. Die Zahl ehrenamtlicher Helfer in den Kirchen wird auf 200.000 Personen geschätzt. Sie mühen sich um die Erstversorgung der hier ankommenden Flüchtlinge. Sie begleiten ihre ersten Schritte in der neuen Umgebung, kümmern sich um die Unterbringung und helfen beim Erlernen der deutschen Sprache. Vor allem die persönliche Begegnung ist von hohem Wert; sie gibt Menschen das Gefühl, nicht nur versorgt, sondern angenommen zu werden.

Die Kirche in unserem Land ist engagiert um Hilfe bemüht. Wir sind dankbar für den haupt- und ehrenamtlichen Dienst der Caritas, der Kirchengemeinden, Ordensgemeinschaften und vieler anderer, die den Bedürftigen in ihren materiellen und seelischen Nöten mit Rat und Tat beistehen. Durch Sonderfonds der Bistümer werden viele Flüchtlinge rasch und unkompliziert unterstützt. Viele Flüchtlinge finden in kirchlichen Häusern eine erste Bleibe. Gemeinsam mit Papst Franziskus appellieren wir an alle kirchlichen Einrichtungen und auch an alle Katholiken, weiteren Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Manche zweifeln, ob unser Land die vor uns liegenden Aufgaben meistern kann. Sie sind besorgt angesichts der sozialen Probleme, die auf uns zukommen. Auch fürchten nicht wenige um die kulturelle Prägung Deutschlands angesichts der großen Zahl von Zuwandernden, die einer anderen Religion und Kultur angehören. Aber wie steht es um die Wertegrundlagen unserer christlich geformten Zivilisation, wenn wir Hartherzigkeit an die Stelle von Erbarmen setzen und Abschottung an die Stelle von Gastfreundschaft, wie steht es um unsere christliche Identität, wenn wir Menschen an den Außengrenzen der Europäischen Union ertrinken lassen? Politische und wirtschaftliche Überlegungen haben ihre Bedeutung. Aber sie dürfen uns nicht davon abhalten, dem Gebot der Nächstenliebe zu folgen.

In den kommenden Jahren stehen unserem Land und Europa große Herausforderungen bevor. Manche Flüchtlinge mögen in die Heimat zurückgehen können, aber einiges deutet darauf hin, dass für viele der Rückweg auf absehbare Zeit verschlossen bleibt. Die Ankunft von noch mehr Flüchtlingen scheint unausweichlich. So kann der gesellschaftliche Frieden bei uns nur gesichert werden, wenn Deutschland seine Kultur der Integration weiterentwickelt. Bildungs- und Berufsperspektiven müssen geschaffen werden. Und wir alle sind zu Miteinander und Wertschätzung aufgerufen. Dazu gehört von Seiten der ansässigen Bevölkerung die Bereitschaft, sich den Fremden gegenüber zu öffnen. Die Zuwanderer sind ihrerseits gehalten, Recht und Kultur ihrer vorübergehenden oder dauerhaften neuen Heimat anzuerkennen und sich auf das Gemeinwohl unserer Gesellschaft zu verpflichten. Gerade der alltägliche Umgang mit den Flüchtlingen kann Entscheidendes zu einer zügigen und möglichst konfliktfreien Integration beitragen.

Dabei dürfen die berechtigten Interessen der Bürger in Deutschland nicht vergessen werden. Nur eine Politik und eine gesellschaftliche Praxis, die sich am Prinzip der sozialen Gerechtigkeit orientieren, können den gesellschaftlichen Zusammenhalt sichern.

Mit Sorge beobachten wir, dass Flüchtlinge an manchen Orten Hass und sogar Gewalt erleben müssen. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind für Christen unannehmbar. Denn unabhängig von seiner Herkunft ist jeder Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Dies gehört zur Mitte unseres Glaubens. Deshalb verwirft die Kirche, wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, jede Diskriminierung eines Menschen um seiner Herkunft, Hautfarbe oder Religion willen, weil dies dem Geist Christi widerspricht (vgl. Nostra aetate 5). Wer Flüchtlingen und Migranten mit Hass begegnet, der tritt Christus selbst mit Hass entgegen.

Wir erinnern besonders auch an die christlichen Flüchtlinge, die im Nahen und Mittleren Osten oft dramatische Verfolgung erleiden. Sie verdienen unsere besondere Solidarität und Zuwendung. Wir ermutigen die Gemeinden, unsere Glaubensgeschwister in die Arme zu schließen und ihnen einen herzlichen Empfang zu bereiten. Ihr Platz ist mitten unter uns.

Die Ereignisse dieser Monate erinnern uns einmal mehr an die tiefgreifende Verflochtenheit der ganzen Menschheitsfamilie. Nur wenn überall auf der Welt menschenwürdige Lebensverhältnisse entstehen, müssen Menschen nicht ihre Heimat verlassen. Die Staaten sind hier gefordert, aber auch wir Bürger. Die Botschaft vom Reich Gottes ermutigt, uns für eine bessere Welt einzusetzen.

Allen, die helfen, sagen wir unseren herzlichen Dank! Jede Form der Unterstützung ist wertvoll und kostbar. Dazu zählt auch das Gebet. Wir bitten Sie: Bleiben Sie engagiert, lassen Sie sich von Hindernissen und Schwierigkeiten nicht entmutigen!

Fulda, den 24. September 2015


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