Gefährliche Eskalation: US-Luftwaffe greift Syrische Armee an

 

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18.09.2016 02:45
In Syrien droht erneut eine gefährliche Eskalation: Trotz des Waffenstillstands hat die US-Luftwaffe erstmals einen direkten Luftangriff gegen die Syrische Armee geflogen. Der IS konnte nach dem Angriff einen Gegenangriff lancieren. Es droht eine direkte Konfrontation zwischen Russen und Amerikanern. Russland hat den UN-Sicherheitsrat angerufen.
Gefährliche Eskalation: US-Luftwaffe greift Syrische Armee an
Eine F-16 Falcon startet am 12. August vom Luftwaffenstützpunkt Incirlik. (Foto: U.S. Air Force photo by Senior Airman Krystal Ardrey)
Foto: 39th Air Base Wing

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Bei einem Luftangriff der US-geführten Koalition sind am Samstag mindestens 80 syrische Soldaten getötet worden. Der Angriff habe sich am Samstag in der Nähe des Flughafens von Deir al-Sor ereignet, berichten Reuters, die BBC, die russischen TASS und die staatliche syrischen Nachrichtenagentur SANA. Durch den Angriff sei es Kämpfern der Extremisten-Miliz Islamischer Staat (IS) gelungen, die syrischen Truppen in Dschebel Tharda zurückzudrängen. Das russische Armee bestätigte die Luftschläge und sprach von mindestens 60 getöteten Syrern.

Die syrische Armee erklärte, der Angriff sei ein Beweis dafür, dass die USA den IS unterstützten. Das russische Verteidigungsministerium safte laut TASS, dass unmittelbar nach dem Angriff auf die syrische Armee eine Offensive des IS bei Deir al-Sor begonnen habe. Die SANA meldet, dass die syrische Spezialkräfte den Angriff der Islamisten zurückgeschlagen habe. Fällt Deir al-Sor in die Hände der islamistischen Söldner, wären 300.000 Zivilsten den Islamisten ausgeliefert.

Es ist offensichtlich, dass die USA ihren Einsatz in Syrien verstärken. Ein Video zeigt die Spezialtruppen auf ihrem Weg von der türkischen Grenze nach Syrien. Die Echtheit des Videos ist objektiv allerdings nicht zu verifizieren (Video am Anfang des Artikels). Die US-Spezialtruppen kooperieren seit Samstag mit der türkischen Armee:

Eigentlich wäre für diese Woche ein Waffenstillstand vereinbart gewesen. Ein Luftangriff gegen die Syrische Armee würde der Vereinbarung widersprechen. Russland hatte die Feuerpause von Anfang an mit großer Skepsis betrachtet. Der Erfolg des IS nach dem US-Luftangriff wäre eine Bestätigung der russischen These, dass die vom Westen und den Golfstaaten die Pause lediglich nutzen wollten, um sich neu zu gruppieren. al-Masdar News berichtet, dass am Samstag ein US-Aufklärungsflugzeug in der Nähe der russischen Stützpunkte gesichtet worden sei. Der Lagebericht des Pentagon vom Samstag zeigt zahlreiche Luftschläge, die am Freitag ausgeführt worden waren. Das Pentagon meldet außerdem, dass zahlreiche Öl-Einrichtungen zerstört worden seien.

Russland sagte, sollten die Angriffe versehentlich erfolgt sein, sei dies ein Beleg dafür, dass die USA ihre Operationen nicht ausreichend mit den Russen koordinieren. Allerdings verweisen die Russen laut TASS darauf, dass der Angriff Folge eines "target location errors" gewesen sei.

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, sagte im Fernsehsender Rossia-24, Russlands UN-Botschafter sei mit der Einberufung einer Dringlichkeitssitzung beauftragt worden. "Wir verlangen Washingtons volle und detaillierte Erklärung, und das muss vor dem UN-Sicherheitsrat geschehen", sagte sie. Russland sei "sehr besorgt" über die Angriffe, "die direkt die syrische Armee trafen, die fortwährend gegen die Truppen des Islamischen Staates kämpft", sagte Sacharowa. "Diese Luftangriffe gefährden alles, was bislang von der internationalen Gemeinschaft getan wurde", um Frieden in Syrien zu erreichen, fügte sie hinzu.

Die Situation in Syrien hat sich nach russischen Angaben trotz der Waffenruhe zuletzt verschärft. Vor allem in den Provinzen Aleppo und Hama habe sich die Lage verschlechtert, zitierte die Agentur Interfax am Samstag einen Vertreter des russischen Verteidigungsministeriums. Die Agentur Ria zitierte das Ministerium mit den Angaben, seit Inkrafttreten der Waffenruhe am Montagabend habe es inzwischen 199 Verstöße gegeben. Die USA würden sich nicht an die Syrien-Vereinbarungen halten. Die Amerikaner seien nicht bereit, Maßnahmen zu ergreifen, um die Rebellen, die sie unterstützten, unter ihre Kontrolle zu bringen. Sollte die Waffenruhe kollabieren, müssten dafür die USA verantwortlich gemacht werden.

Dion Nissenbaum vom WSJ berichtet auf Twitter, dass die USA die Luftschläge gestoppt hätten, nachdem sie von den Russen verständigt worden waren, dass die Bomben die reguläre Syrische Armee getroffen hätten. Er zitiert eine entsprechende Stellungnahme des Pentagon:

Die US-Regierung erklärte in der Nacht zum Sonntag laut Reuters, man werde bei den weiteren Angriffen auf Kämpfer der Islamistengruppen IS und Al-Kaida in Übereinstimmung mit den Vereinbarungen der Waffenruhe handeln. Man habe den Syrern über die russische Regierung das "Bedauern" über die Tötung zahlreicher syrischer Soldaten. Sie soll nicht absichtlich geschehen sein. Wie glaubwürdig diese Stellungnahme ist, ist schwer zu beurteilen. Noch bis vor kurzem hatten die USA den Verdacht, sie könne zum Vorteil von radikalen Islamisten tätig werden, stets entrüstet von sich gewiesen.

In einer von den USA veröffentlichten Liste waren Luftangriffe auf Versorgungsrouten des IS bei Deir al-Sor verzeichnet, berichtet Reuters.

Die Lage könnte nach dem Luftangriff außer Kontrolle geraten: US-Außenminister John Kerry hatte Russland am Freitag laut AP gewarnt, dass die USA mit der syrischen Armee nicht zusammenarbeiten werde, wenn die Syrer Hilfskonvois nicht in umkämpfte Städte durchlassen. Der IS und andere Söldner und Islamisten haben zahlreichen syrische Städte erobert und verwenden die Zivilbevölkerung als lebende Schutzschilde. Die syrische Armee will vermeiden, dass die Söldner in der Feuerpause mit Waffen und Nachschub versorgt werden können.

Russland agiert als einzige Nation in Syrien nach den Regeln des Völkerrechts, weil Russland von Präsident Assad um Hilfe ersucht worden war. Angaben des Pentagon zufolge haben folgende Nationen Luftschläge gegen Syrien geflogen: USA, Australien, Bahrain, Kanada, Dänemark, Frankreich, Jordanien, die Niederlande, Saudi Arabien, die Türkei, Großbritannien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Keine dieser Nationen hat eine völkerrechtlich anerkannte Grundlage für ihre Militär-Operationen.


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