„Das maßgebliche Wachstum der Welt findet im Osten statt“

Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank sieht den Sieg von Donald Trump entspannt. Die Entwicklung sollte ein geopolitisches Umdenken in Deutschland anstoßen.

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Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank. (Foto: Bremer Landesbank)

Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank. (Foto: Bremer Landesbank)

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was geschah am Mittwoch nach dem Trump-Sieg an den Börsen?

Folker Hellmeyer: Es gab markante Reaktionen. Erst dominierte in den asiatischen Märkten Panik, die dann zu Beginn des europäischen Handels in zügige Risikofreude umschlug. Ein derartiger Umschwung ohne inhaltliche Basis im Rahmen eines unerwarteten Schocks impliziert, dass dieser Umschwung keine natürliche Marktreaktion darstellte. Verdeckte Interventionen mögen eine smartere Erklärung liefern.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was bedeutet der Trump-Sieg für die Weltwirtschaft, Stichwort Protektionismus?

Folker Hellmeyer: Ich kann durch die Wahl Trumps keine einschneidenden Beschränkungen für die Weltwirtschaft erkennen. Die USA sind auf Importe mangels eigener Produktionskapazitäten angewiesen. Die global agierenden Automobilhersteller sind beispielsweise auch Produzenten in den USA, unter ihnen BMW und Daimler und exportieren aus den USA heraus in die Welt. Die Vernetzung der Realwirtschaft und verkürzte Lagerhaltung erzwingen förmlich die Aufrechterhaltung des Welthandels, ansonsten schadete man der eigenen Volkswirtschaft und Beschäftigung. Ergo werden Protektionsmaßnahmen in spezifischen Bereichen, um beispielsweise den US-Stahl- oder Kohlesektor abzuschirmen, keine dramatischen Folgen auf die Weltwirtschaft haben. TPP ist nicht umgesetzt, ergo kein Schaden, TTIP wird absehbar nicht kommen, und der deutsche Außenhandel blüht dennoch mit den USA und NAFTA mag überarbeitet werden. Auch diese von Trump thematisierten Maßnahmen brechen dem Welthandel nicht den Rücken.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Hängen Trump und Brexit zusammen – und wenn ja wie?

Folker Hellmeyer: Beide Entscheidungen sind Ausdruck von Misstrauen gegen die führenden Eliten. In den USA ging es gegen das US-Establishment, nachdem dieses Establishment seit mehr als zwei Dekaden zu eigenen Gunsten den US-Mittelstand ausblutete, und beim Brexit ging es vermeintlich gegen Brüssel. Menschen fühlen sich von dem obwaltenden Establishment nicht ernst genommen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Worauf muss sich die EU einstellen?

Folker Hellmeyer: Weitere Unruhe wird das Bild bestimmen. Mit der Wahl Trumps steht die EU vor einer neuen außenpolitischen Konstellation. Die EU wird gezwungen, erwachsen zu werden. Man wird eine eigene Außenpolitik definieren müssen. Insofern ist diese Wahl ein Katalysator für ein Erwachsenwerden und auch Emanzipation von den USA. Es ist nicht nur Risiko, sondern eine außerordentliche Chance.

Bezüglich der im kommenden Jahr anstehenden Wahlen in Frankreich, in den Niederlanden und Deutschland ist die Nervosität ausgeprägt. Das hat gute Gründe, da aktuell die Fliehkräfte innerhalb der EU ausgeprägt sind. Sollte der Brexit nicht regelbasiert vollzogen werden, manche nennen regelbasiert hart, was für eine Asymmetrie, wird das Risiko der Fliehkräfte zunehmen und die Wahlergebnisse noch prekärer machen, als sie jetzt schon befürchtet werden.

Aber auch die Chancen sollten nicht kleingeschrieben werden. Ein regelbasierter Brexit wird massive ökonomische Schäden für das UK zur Folge haben. Das mag die Lehrstunde werden, wo erkannt wird, dass das Projekt der EU und Eurozone unverzichtbar ist. dennoch ist ein besseres Management und eine bessere Struktur erforderlich.

Geben Sie mir Raum für einen kleinen Exkurs. Wir schauen immer, auf das was wir nicht haben und vergessen, was wir haben. Was ist Kontinentaleuropa? Wir sind der letzte Hort humanistisch geprägter Demokratie, wo der Mensch und nicht Eliten primär bedient werden. Wir sind der Wirtschaftsraum mit 330 Millionen Menschen (Eurozone), der die beste Infrastruktur und das belastbarste Rechtssystem für 330 Millionen Menschen weltweit bietet. Wir haben den attraktivsten Kapitalstock der Welt. Von circa 2.700 „Hidden Champions“ (Mittelstand, Nummer 1 im eigenen Land, unter Top 3 der Welt) stellt die Eurozone 1.700. Anders ausgedrückt haben wir mit circa 4% der Weltbevölkerung circa 60% der „Hidden Champions“. Wir haben die stringentesten Strukturreformen in der Weltgeschichte durchgesetzt und in der Folge die strukturellen Haushaltsdefizite bereinigt und den Süden an den internationalen Märkten wieder konkurrenzfähig gemacht.

Aufgeben ist eine Option. Diese Option stellt dann aber eine Unterordnung unter die Länder des Westens dar, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Wäre das weise? Die Entscheidung liegt bei uns.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Worauf muss die Exportnation Deutschland achten?

Folker Hellmeyer: Das maßgebliche Wachstum der Welt findet im Osten statt. Auf diese Märkte müssen wir uns stärker fokussieren. Hier sind Freihandelsabkommen erforderlich, um den Wohlstand und politische Stabilität in Deutschland und Europa zu erhalten. Nehmen Sie die Sanktionspolitik gegen Russland als Beispiel verfehlter Politik. Das erste Assoziierungsabkommen mit der Ukraine, übrigens ohne militärischen Beipackzettel, ausgehandelt zwischen 2007 – 2012, wurde im Mai 2012 durch Deutschland sachlich korrekt zu Fall gebracht, weil die Ukraine nicht die Bedingungen mangels Gewaltenteilung erfüllte. Das zweite Assoziierungsabkommen wurde mit militärischem Beipackzettel dann einfach durchgewinkt, obwohl diese Bedingung noch weniger erfüllt wurde. In der Folge wurden für einen „failed state“ Ukraine 45 Jahre Entspannungs- und Wirtschaftspolitik mit Russland auf dem Altar geopolitischer Interessen dritter Kräfte geopfert. Wir bezahlen den ökonomischen und politischen Preis, nicht die Freunde jenseits des Atlantik.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Kommt es zum Währungskrieg?

Folker Hellmeyer: Das Risiko ist ernst zu nehmen. Es gibt erkennbare Indizien, aber noch keine Belege. Sollten wir umfänglich zu diesen Rezepten greifen, wiederholten wir die Fehler von 1929/1932, deren Folge in Deutschland 1933 war.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie ändert sich das Verhältnis zu China?

Folker Hellmeyer: China ist das Schwergewicht der Welt. Es ist gut, dass wir uns verstärkt um mehr Augenhöhe bemühen, um Bedingungen für unsere Unternehmen in China zu gewährleisten, die im Dunstkreis des Begriffs Fairness liegen. Die Bedeutung Chinas ist immens mit den jetzt anlaufenden Projekten „One Belt – One road“ und Seidenstraße wird diese Bedeutung noch massiver. China ist unsere Innovationskraft wegen der „Hidden Champions“ sehr bewusst. Das eröffnet Chancen, Sinn stiftende Lösungen für beide Seiten herbeizuführen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wäre es jetzt sinnvoll, neue Allianzen zu suchen?

Folker Hellmeyer: Auf jeden Fall. Die Zukunft liegt in den aufstrebenden Ländern, die für mehr als 62% der Weltwirtschaft stehen, die 85% der Weltbevölkerung ausmachen, die 70% der Weltdevisenreserven kontrollieren und mit 4% – 5,5% wachsen. Es gilt die Landbrücke zwischen Lissabon, Wladiwostok, Peking und Neu Delhi zu bauen. dann ist mir um die Zukunft Europas nicht bange. Bauen wir die Landbrücke nicht, wird ein teurer Preis zu entrichten sein.

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