Junge Wissenschaftler bekommen in Deutschland nur befristete Verträge

Der Wissenschaftsbetrieb in Deutschland wird systematisch ausgedünnt. Nachwuchswissenschaftler müssen fast ausschließlich mit befristeten Verträgen vorlieb nehmen. Deutschland läuft Gefahr, seine Zukunft und Innovationskraft zu verspielen.

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Fast alle Nachwuchswissenschaftler an deutschen Hochschulen und Forschungsinstituten sind nur befristet eingestellt. Das geht aus dem am Donnerstag von einer Kommission vorgelegten dritten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs hervor. 2014 hatten demnach 93 Prozent der Promovierenden oder anderer wissenschaftlicher Mitarbeiter an Universitäten Arbeitsverträge auf Zeit. An den nicht zu Hochschulen gehörenden Forschungseinrichtungen waren es 84 Prozent.

Der Gesamtanteil der Befristungen stieg demnach seit 2000 an, der Bericht sprach von „problematischen Arbeitsbedingungen“ in einem generell attraktiven Arbeitsumfeld. Die Quote der auf Zeit angestellten Beschäftigten in anderen Sektoren sei viel niedriger.

Die Zahl der hauptberuflich an den Hochschulen beschäftigten wissenschaftlichen und künstlerischen Nachwuchskräfte unter 45 Jahren erhöhte sich derweil von 2000 bis 2014 um 76 Prozent von 82.400 auf 145.000. Großen Anteil daran hatten Promotionsstellen und andere Posten, die durch Drittmittel von Unternehmen oder auch Stiftungen finanziert werden. Dieser Umstand trägt laut Kommission auch zum Problem mit den Befristungen bei.

Gerade Drittmittel würden praktisch ausschließlich für befristete Forschungsprojekte bereitgestellt, heißt es in dem Bericht. Allerdings sei der Anteil der Befristungen unter den aus den staatlichen Grundmitteln bezahlten Nachwuchsstellen in der jüngeren Zeit ebenfalls stark gestiegen – von 63 Prozent im Jahr 2000 auf 75 Prozent in 2014.

Die unabhängige Kommission übergab ihren Bericht an Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und Brandenburgs Forschungsministerin Martina Münch (SPD), die die Länder vertrat. Er wird alle vier Jahre erstellt, um die Situation an den Unis zu überprüfen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) übte scharfe Kritik und sprach von einem „Befristungsunwesen“ an den Universitäten. Es sei „unfair“ und untergrabe die Kontinuität und Qualität von Forschung und Lehre, erklärte sie am Donnerstag in Frankfurt am Main. Der Nachwuchs übernehme den Löwenanteil der Arbeit an den Unis. Wissenschaftliche Mitarbeiter geben Lehrveranstaltungen und betreiben Forschung.

Auch der Vizechef der SPD-Bundestagsfraktion, Hubertus Heil, äußerte sich ernüchtert. „Wir verschenken enorme Potenziale, indem wir immer noch vielen Menschen keine guten Perspektiven im Wissenschaftssystem bieten“, teilte er in Berlin mit. Ein Gegenmittel gegen Befristungen sei mehr Geld für die deutschen Hochschulen.

Für die Grünen erklärte Bildungsexperte Kai Gehring, das deutsche Wissenschaftssystem werde „dem Anspruch fairer statt prekärer Wissenschaftskarrieren weiter nicht gerecht“. Es brauche „weitere Initiativen für planbare Karrierewege“. Die Linkenpolitikerin Nicole Gohlke kritisierte, die Bundesregierung lasse „die Nachwuchswissenschaftler dauerhaft in Unsicherheit“.

Bundesbildungsministerin Wanka erklärte, die Investitionen in den wissenschaftlichen Nachwuchs zahlten sich aus. So hätten Bund und Länder das Tenure-Track-Programm auf den Weg gebracht, um die Karrierechancen des Nachwuchses zu verbessern. Dabei werden Professuren auf Lebenszeit nach Bewährungszeit vergeben. Zudem sei „Fehlentwicklungen in der Befristungspraxis“ mit einer Gesetzesreform entgegengetreten worden, betonte sie.

Auf die starke Zunahme der Zahl der aus Drittmitteln finanzierten Nachwuchsstellen hatte erst am Mittwoch auch die Expertenkommission Forschung und Innovation bei der Vorlage ihres Jahresgutachtens zum deutschen Hochschulsystem hingewiesen. Demnach stieg sie von 2005 bis 2015 fast um das Doppelte auf 71.300 und damit sehr viel stärker als die Zahl der Studenten insgesamt oder auch der Professorenstellen.

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